Sanierung Stadtautobahn
«Dieser Vogel ist ein Riesenwitz und macht mich wütend!» – das sagen St.Gallerinnen und St.Galler zum Autobahncomic

Für 56'000 Franken hat das Bundesamt für Verkehr (Astra) ein Kinderbuch zur Sanierung der St.Galler Stadtautobahn drucken lassen. Die Meinung auf der Strasse ist eindeutig.

Raphael Rohner
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Auf den Strassen von St.Gallen kommt Fredi Vogl nicht gut an.

Auf den Strassen von St.Gallen kommt Fredi Vogl nicht gut an.

Bild: Raphael Rohner

Selten hat ein Kinderbuch so polarisiert. Das harmlose Kinderbuch «Fredi Vogl und die Stadtautobahn» kam Ende vergangener Woche in alle Haushalte der Stadt St.Gallen geflogen. Ein Kinderbuch über «Fredi Vogl», einen Vogel, der die Umbauarbeiten der Stadtautobahn begleiten soll. Das kindlich gestaltete Buch wurde in Hamburg gedruckt und kostete den Steuerzahler 56'000 Franken. Die Meinungen auf der Strasse dazu sind mehr als eindeutig:

Die St.Galler Unternehmerin Regina Albers.

Die St.Galler Unternehmerin Regina Albers.

Bild: Raphael Rohner

Auftrag hätte lokal vergeben werden sollen

Regina Albers, Inhaberin des gleichnamigen Hörinstituts, findet die Aktion eher bedenklich: «Das ist einfach nicht zu Ende gedacht. Als Unternehmerin finde ich es einfach schade, wenn man solche Aufträge ins Ausland vergibt, anstatt diese Gelder zur Unterstützung vom lokalen Gewerbe einsetzt.» Sie kann sich vorstellen, dass die Leute mehr Akzeptanz zeigen würden, wenn das Kinderbuch auch in der Region gedruckt worden wäre.

«Im Grossen und Ganzen wäre die Idee ja schön und gut – aber eben.»

Preis in Frage gestellt

Farbenmeister Günter Imminger.

Farbenmeister Günter Imminger.

Bild: Raphael Rohner

Der St.Galler Farbenmeister Günter Imminger war überrascht über das Kinderbuch im Briefkasten: «Das ist doch eigentlich eine Frechheit, wenn man die erwachsenen Leute für dumm verkauft und ihnen in einem Comic etwas über die Stadtautobahn beibringen will. Zudem ist dieser Preis einfach zweifelsohne viel zu hoch. Einfach eine alberne Aktion.»

Mutter fragt sich, für wen denn das Büchlein sein soll

Eine St.Galler Familie mit Kinderwagen ist auf dem Weg zum Einkaufen. Die beiden Kinder sind vier und sechs Jahre alt. «Sie haben das Büchlein zwar angeschaut, aber nicht wirklich verstanden», sagt die Mutter. Ihr war es auch nicht ganz klar, ob das Büchlein jetzt für die Kinder oder für sie sei. Zudem habe es einen groben Schnitzer im Buch: «Die Vögel fliegen vom Sitterviadukt ins Rosenbergtunnel und hinten wieder hinaus. Dort gehen sie dann aber laut dem Büechli in der Sitter schwimmen? – Die, die dieses Buch gemacht haben, haben doch keine Ahnung von der Stadt St.Gallen.»

Geld hätte besser ausgegeben werden können

Detailhändler Dominik Forster.

Detailhändler Dominik Forster.

Bild: Raphael Rohner

Auf taube Ohren stösst das Kinderbuch zur Grossbaustelle der Stadtautobahn auch beim St.Galler Detailhändler Dominik Forster: «Als ich das Büechli gesehen habe, dachte ich nur so: What the fuck? Dafür haben sie dann wieder Geld? Und dann auch noch im Ausland gedruckt? Als hätten wir in St.Gallen nicht genug Druckereien.»

Für Forster ist klar, dass das Geld besser für anderes ausgegeben worden wäre: «Es haben immer noch viele Betriebe in der Stadt St.Gallen Geldsorgen wegen Corona, da hätte man damit besser denen geholfen.»

Comic macht Bürgerinnen und Bürger wütend

Diese Meinung teilen auch die meisten angefragten Gastronomiebetriebe in der Stadt. «Das ist zum Fenster herausgeworfenes Geld – zudem noch Steuergeld. So was ist eine Frechheit. Und wir müssen hier jeden Fünfer drehen, wenn wir überleben wollen», sagt eine Gastronomin, die lieber nicht öffentlich ihre Meinung sagen möchte. Es sei einfach wieder ein Signal, dass der Autoverkehr wichtiger ist als alles andere in der Stadt. «Für einen vernünftigen Veloweg würden sie sicher kein Geld für Comics verjubeln.»

«Dieser Vogel ist ein Riesenwitz und macht mich wütend!»
Sozialpädagogin Vera Heinzelmann.

Sozialpädagogin Vera Heinzelmann.

Bild: Raphael Rohner

Doch finden nicht alle das Büechli nur schlecht. Rund die Hälfte der Teilnehmenden einer Onlineumfrage gaben an, das Buch «lachhaft» zu finden. Etwa 40 Prozent fanden immerhin die Idee gut. Die St.Galler Sozialpädagogin Vera Heinzelmann hat das Buch auch bekommen. Sie fand das Heft herzig gemacht: «Zwar finde ich die Aktion schon auch lächerlich und habe mich gefragt, was ich damit anfangen soll. Jetzt schenke ich das Büechli wohl aber meiner zweijährigen Nichte, die sicher Freude daran haben wird.»

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