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Ein Monat ohne Sonntagspredigt: St.Galler Kirchgemeinde wagt das Experiment

Zwei Pfarrerinnen und ein Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Straubenzell haben sich für den Mai etwas vorgenommen: Sie verzichten einen Monat lang auf die Sonntagspredigt. Und das nicht etwa, um sich Arbeit zu ersparen.
Christina Weder
Regula Hermann, Uwe Habenicht und Kathrin Bolt aus der Kirchgemeinde Straubenzell gestalten die Gottesdienste im Mai einmal anders – ohne Predigt. (Bild: PD)

Regula Hermann, Uwe Habenicht und Kathrin Bolt aus der Kirchgemeinde Straubenzell gestalten die Gottesdienste im Mai einmal anders – ohne Predigt. (Bild: PD)

Das Seelsorgeteam der Kirchgemeinde Straubenzell hat sich für einen Monat ein Predigtverbot erteilt. An den vier Gottesdiensten, die im Mai in der Kirche Bruggen stattfinden, werden die zwei Pfarrerinnen Kathrin Bolt und Regula Hermann sowie ihr Kollege Uwe Habenicht aufs Predigen verzichten. Sie tun das nicht etwa aus Faulheit oder weil sie keine Lust mehr haben, sich von der Kanzel an die Gemeindemitglieder zu wenden. Der Grund sei ein anderer, sagt Kathrin Bolt.

Ein Relikt aus einer anderen Zeit

Ein Artikel im «Bref», dem Magazin der Reformierten, habe sie und ihre Pfarrkollegen auf die Idee gebracht. Unter dem Titel «Herr Pfarrer, lassen Sie Ihre Predigt stecken!» hinterfragt die junge Theologin Hanna Jacobs den Sinn und Zweck der Predigt.

Sie hält diese für ein Relikt aus alten Zeiten, als viele Menschen weder lesen noch schreiben konnten und schlecht informiert waren. Damals sei die Rede des Pfarrers «das Elaborierteste und Interessanteste gewesen, was eine Magd unter der Woche zu hören bekam». Doch heute sei die Situation eine andere, die Form der Predigt überholt. Jacobs schreibt: «Denn meist gibt sie Antworten auf Fragen, die kaum einer stellt, und will ein Bedürfnis befriedigen, das in unserer Mediengesellschaft kaum noch einer zu haben scheint: Toll, endlich mal wieder in Ruhe fünfzehn Minuten dasitzen und eine abgelesene Rede hören!» Es sei an der Zeit, die Predigt von der Kanzel zu stossen.

«Ein Gottesdienst ist keine Schulstunde»

Das Seelsorgeteam der Kirche Bruggen nimmt diese Aufforderung ernst – zumindest für eine befristete Zeit. «Der Artikel hat uns nachdenklich gestimmt», sagt Kathrin Bolt. Es sei zwar für eine reformierte Pfarrerin nicht leicht, das Herzstück des Gottesdienstes dem Zeitgeist zu opfern. «Dennoch wollen wir uns die Frage stellen, ob die monologische Verkündigungsform die richtige ist oder ob es Alternativen dazu gibt.» Sie denkt an mehr Interaktion und eine grössere Beteiligung der Kirchgänger.

Für Kathrin Bolt gehört die kritische Auseinandersetzung mit dem Predigen zu ihrer Arbeit dazu. «Wenn ich zum Beispiel eine Predigt besuche, in welcher der Pfarrer intellektuell ein Thema auslegt, das mit dem Leben nichts zu tun hat, dann stresst mich das.»

Der Gottesdienst ist aus ihrer Sicht keine Schulstunde, er habe Seelsorgecharakter. Eine Predigt müsse lebensnah sein, die Kirchgänger ermutigen und fürs Leben stärken. So stelle sie sich immer wieder die Frage, für wen sie ihre Predigten eigentlich schreibe: «Für die Gottesdienstbesucher? Für die vielen, die wir ansprechen möchten, die aber doch nicht kommen? Für mich selber? Oder manchmal auch nur für die Katz?» Hin und wieder dränge sich der Verdacht auf, dass die Pfarrpersonen selber am meisten vom Monolog profitierten und die spirituellen Interessen der Zuhörer auf der Strecke blieben.

Dennoch kann sich das Seelsorgeteam in Straubenzell nicht über mangelndes Interesse beklagen. Trotz rückläufiger Mitgliederzahlen der Landeskirche sind die Kirchenbänke in Bruggen relativ gut besetzt. 50 bis 70 Personen kommen jeden Sonntag zum Gottesdienst. «Unsere Kirchgänger sind offen gegenüber Experimenten», sagt Bolt. Trotzdem hätten einige die Stirn gerunzelt, als sie vom Predigtverbot erfuhren. Manche meinten gar:

«Da habt ihr ja gar nichts mehr zu tun, wenn ihr keine Predigt vorbereiten müsst.»

Das sei allerdings nicht der Fall, sagt Bolt. Denn die Predigt wird nicht ersatzlos gestrichen. Sie und ihre Kollegen wollen Alternativen bieten. Diese reichen von Improvisationstheater über Workshops bis zu Geschichten mit anschliessender Diskussion. «Das selbst auferlegte Predigtverbot ist auch ein bisschen ein Freipass, etwas Neues auszuprobieren und eine Diskussion anzustossen», sagt Bolt. Der erste predigtlose Gottesdienst vom vergangenen Sonntag ist auf eine positive Resonanz gestossen. Davon zeugen die Rückmeldungen auf einer Stellwand, die in der Kirche Bruggen aufgestellt wurde.

Positive Stimmen aus den anderen Kirchgemeinden

Auch Pfarrpersonen aus den Kirchgemeinden Tablat und Centrum blicken gespannt in Richtung Straubenzell. Birke Horvàth-Müller, Pfarrerin in der Ökumenischen Gemeinde Halden, sagt, für die Dauer eines Monats sei das ein interessantes Projekt, um mit der Gemeinde neu ins Gespräch zu kommen. Dauerhaft würde sie aber nicht auf die Predigt verzichten wollen. Diese sei immerhin das Kernstück des reformierten Gottesdienstes. Voraussetzung sei aber, dass sie zeitgemäss gestaltet werde – und nicht als «trockenes Lehrstück mit lauter theologischen Sätzen» daherkomme.

Hansruedi Felix, Pfarrer in der Laurenzenkirche, lobt den Ansatz seiner Berufskollegen als «sehr kreativ». Wenn die Predigt fehle, dann erhielten die anderen Elemente des Gottesdienstes eine ganz andere Gewichtung. Und es werde klar, wie viel Halt die Liturgie gebe. Er könne sich gut vorstellen, einmal auf die Predigt zu verzichten, habe aber im Moment keinen Anlass dazu. Was er schon einmal ausprobiert habe: eine Predigt zu Orgelklängen improvisiert.

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