Diese zwei St.Galler wollen mit ihrer IG eine Anlaufstelle für Sans-Papiers schaffen

Sans-Papiers haben es schwer. Eine Beratungsstelle in St.Gallen will sie nun unterstützen.

Sandro Büchler
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Claudio Keller (links) und Matthias Rickli im ehemaligen italienischen Konsulat, wo der Verein Unterschlupf gefunden hat. Das Gebäude muss im Juni aber einem Neubau weichen.

Claudio Keller (links) und Matthias Rickli im ehemaligen italienischen Konsulat, wo der Verein Unterschlupf gefunden hat. Das Gebäude muss im Juni aber einem Neubau weichen.


Bild: Benjamin Manser

Bei einem Notfall in den Spital, sich bei einer Kontrolle im Bus ausweisen oder die Kinder zur Schule schicken. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, kann für Sans-Papiers, also Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus, zu Problemen führen. «Ihnen stellen sich hohe Hürden», sagt Matthias Rickli. Claudio Keller ergänzt:

«Sie bewegen sich sehr vorsichtig, da sie in ständiger Angst leben, ihr illegaler Aufenthalt in der Schweiz könnte auffliegen.»

Geschehe dies, stünde ihre ganze Existenz auf dem Spiel.

Die beiden 31-Jährigen sitzen im «Konsulat» in St.Gallen und sprechen von den «Unsichtbaren». «Sans-Papiers leben im Verborgenen, die Öffentlichkeit weiss nur wenig über sie», sagt Rickli. Auch gäbe es keine verifizierten Zahlen. Die beiden St.Galler gehen von mindestens 800 Sans-Papiers im Kanton St.Gallen aus. Für die gesamte Schweiz würden Dunkelziffern von 90000 bis zu 300000 Personen ohne geregelten Aufenthaltsstatus herumgereicht.

«Ein menschenwürdiges Dasein eröffnen»

Für Sans-Papiers existiert in der Ostschweiz keine Anlauf- und Beratungsstelle, wie es dies andernorts bereits gibt. Deshalb haben Keller und Rickli mit neun Mitstreitern vor einem guten Jahr die Interessengemeinschaft Sans-Papiers St.Gallen ins Leben gerufen. Claudio Keller sagt:

«Wir wollen Papierlosen eine Stimme geben.»

Er betont, dass ein Grossteil der Sans-Papiers arbeitstätig sei. Als Haushaltshilfe etwa, oder in der Reinigung, in der Sexarbeit oder in der Landwirtschaft. «Da sie aber nirgends registriert sind, sind sie besonders verletzlich.» Viele erleben Gewalt und Übergriffe. «Bestensfall geraten sie an einen fürsorglichen Arbeitgeber, der ihnen eine Chance gibt. Im schlechteren Fall werden sie als billige Arbeitskraft ausgenutzt – die sich nicht zu wehren weiss.»

Bekannte von der Schule

In der Interessengemeinschaft Sans-Papiers engagieren sich elf St.Gallerinnen und St.Galler. Sie kennen sich vom gemeinsamen Studium. Mit ihrer vorerst noch ehrenamtlichen Arbeit wollen sie allen Menschen die gleichen sozialen Grundrechte ermöglichen.
Matthias Rickli hat soziale Arbeit studiert und ist beim St. Galler Verein Tipiti tätig. Der 31-Jährige begleitet allein geflüchtete Jugendliche – aus Afghanistan und Eritrea etwa – in ihrem Alltag.
Auch Claudio Keller hat im Asylbereich bereits Erfahrungen gesammelt. Er hat in Durchgangszentren gearbeitet und dort Kontakte zu Sans-Papiers geknüpft. Neben Keller und Rickli sind Laura Cutolo und Gianluca Cavelti Teil des vierköpfigen Vorstands. In diesem Jahr wollen sie für eine einjährige Pilotphase eine Anlauf- und Beratungsstelle schaffen für Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus in der Ostschweiz. (sab)

www.igsanspapierssg.ch

Mit der IG setzt sich Keller dafür ein, dass jeder Mensch – unabhängig von seinem Aufenthaltsstatus – zu seinen Grundrechten kommt: Bildung, Gesundheit, rechtliches Gehör, Schutz vor Ausbeutung sowie soziale Sicherheit. Kann mein Kind in die Schule gehen? Wie melde ich mich an bei der Krankenkasse? Rickli sagt: «Wir wollen Sans-Papiers ein menschenwürdiges Dasein eröffnen.»

Viele wüssten gar nicht, welche Rechte sie hätten. Deshalb gehe es primär ums Informieren. «Einigen Sans-Papiers hilft es schon, wenn man ihnen zuhört und ihre Situation erfasst.»

Ein Chatbot soll Fragen beantworten

Bisher hat der neu gegründete Verein noch keine Sans-Papiers persönlich beraten. Im vergangenen halben Jahr habe sich der Verein intensiv mit Beratungsstellen in anderen Schweizer Städten ausgetauscht, sagt Rickli. «Zuerst wollten wir herausfinden, welches Beratungsangebot in St.Gallen gefragt ist.»

Nach dieser Evaluationsphase wolle man nun in einer einjährigen Pilotphase eine Anlauf- und Beratungsstelle aufbauen. «Wir wollen schnellstmöglich starten», sagt Keller. Erst muss aber die Finanzierung stehen. «Diese soll nachhaltig und nicht mehr ehrenamtlich sein.» Ein bis zwei Menschen sollen einen Lohn für ihre Arbeit erhalten. «Doch die Unterstützungsgelder dürfen nicht an Bedingungen geknüpft sein, denn wir wollen unabhängig bleiben – finanziell wie ideell.»

Neben Geld sucht der Verein auch nach einem Raum. Dieser müsse nicht nur gut erreichbar sein, sagt Rickli:

«Der Weg dahin muss sicher sein, nicht dass die Polizei auf sie wartet.»

Man wolle Vertrauen aufbauen. Daneben möchte der Verein ein digitales Beratungsangebot in Form eines Chatbots entwickeln. Der Prototyp stecke derzeit noch in den Kinderschuhen. «Der Chatbot ist ein niederschwelliger Zugang, ohne dass sich Sans-Papiers outen müssen», sagt Keller. So bekämen sie grundlegende Informationen in mehreren Sprachen.

Plus sei der Chatbot nicht nur für Betroffene gedacht: Auch Schulleiter, Ärzte, Bekannte oder Nachbarn würden so mehr über Sans-Papiers erfahren können.