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Kommentar

Vaterschaftsurlaub in Schweizer Städten: Diese 20 Tage sind entscheidend

St.Gallen führt einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub für alle Angestellten der Verwaltung ein. Das ist gut so, denn in den ersten 20 Tagen nach der Geburt werden die Rollen in einer Partnerschaft neu verteilt, schreibt Roger Berhalter in seiner Analyse.
Wer steht nachts zum Wickeln auf? Wer geht morgens arbeiten? Ein Baby bereitet viel Freude, wirft aber auch neue Fragen auf. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Wer steht nachts zum Wickeln auf? Wer geht morgens arbeiten? Ein Baby bereitet viel Freude, wirft aber auch neue Fragen auf. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

20 Tage Vaterschaftsurlaub für jeden städtischen Angestellten: Diesen Grundsatz hat das St.Galler Stadtparlament diese Woche beschlossen. Wer in der städtischen Verwaltung arbeitet und Vater wird, erhält künftig vier Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub. St.Gallen nimmt damit in der Ostschweiz eine Vorreiterrolle ein.

Roger Berhalter, Redaktor Stadt St.Gallen.

Roger Berhalter, Redaktor Stadt St.Gallen.

Das ist gut so. Das Gesetz räumt heute frischgebackenen Vätern in der Schweiz gerade einmal einen einzigen freien Tag ein. Das ist kein Vaterschaftsurlaub, sondern erlaubt es dem Mann allenfalls, bei der Geburt dabei zu sein. Väter sind heute von ihrem Arbeitgeber abhängig. Zwar geben die meisten ihren Angestellten mehr als nur einen Tag frei, wenn das Kind zur Welt kommt. Aber eben nicht alle. Und es schadet nicht, wenn die öffent­liche Hand mit gutem Beispiel vorangeht und ihren eigenen Angestellten einen Vaterschaftsurlaub gewährt, der diesen Namen auch verdient.

20 Tage sind nicht viel, und sie genügen natürlich nicht, um eine enge Bindung mit dem Kind aufzubauen. 20 Tage reichen auch nicht aus, damit der Vater zu Hause dauerhaft eine aktive Rolle in der Kinderbetreuung spielt. 20 Tage sind aber allemal besser als einer. Ein vierwöchiger Vaterschaftsurlaub ist ein sinnvoller Baustein einer gleichberechtigten Partnerschaft und ebenso einer Wirtschaft, die ihre gut qualifizierten weiblichen Arbeitskräfte nicht an Heim und Herd verlieren möchte.

Vor allem aber spielt sich in den ersten 20 Tagen nach einer Geburt in einer Familie Entscheidendes ab. Gerade nach der ersten Geburt. Die Mutter muss sich körperlich erholen und versuchen, zwischen den Stillphasen Schlaf zu finden und die Nerven zu behalten. Der Vater muss sich daran gewöhnen, seine Partnerin mit einem Baby zu teilen und die eigenen Bedürfnisse zurückzustecken. Beide tragen plötzlich Verantwortung für einen kleinen Menschen, der allein nicht überlebensfähig ist. Verabschiedet sich nun der Mann nach ein paar Tagen wieder in seinen gewohnten Arbeitsalltag und überlässt die ganze Umstellung der Frau, gerät die eben noch gleichberechtigte Partnerschaft schnell aus der Balance.

In den ersten 20 Tagen verhandeln Mann und Frau alles neu. Einerseits die grossen Fragen: Wer sind wir als Paar? Wer sind wir als Familie? Wer wollen wir für unser Kind sein? Anderseits auch die kleinen Dinge: Wer steht nachts zum Wickeln auf? Wer kauft Brot ein? Wer putzt das Bad? In den ersten 20 Tagen wird die neue Rollenverteilung vorgespurt und oft genug für die kommenden Jahre festgelegt. Der Vater, der nach 20 Tagen noch nicht weiss, in welchem Schrank sich der Fieberthermometer befindet, wird sich später kaum um das kranke Kind kümmern. Deshalb ist der Vaterschaftsurlaub so wichtig.

Mehrere Schweizer Städte haben das erkannt. St.Gallen mag in der Ostschweiz Vorreiterin sein, andere haben aber vorgespurt. Genf, Lausanne, Neuenburg, Biel: In diesen Westschweizer Städten haben Angestellte der Verwaltung schon jetzt Anspruch auf einen 20-tägigen Vaterschaftsurlaub. Luzern wird einen solchen demnächst ebenfalls einführen. Diese Entscheide haben Signalwirkung. Dass St.Gallen sich für einen Vaterschaftsurlaub stark macht, dürfte den Kanton in Zugzwang bringen. Und wenn viele Städte und Kantone ihre Väter nach der Geburt beurlauben, muss irgendwann auch der Bund reagieren.

Derzeit sieht es auf nationaler Ebene allerdings schlecht aus. In den vergangenen Jahren sind parlamentarische Initiativen zum Thema im National- und Ständerat immer wieder gescheitert, auch die jüngste Volksinitiative des Vereins «Vaterschaftsurlaub jetzt!» empfiehlt der Bundesrat zur Ablehnung. Was den Vaterschaftsurlaub betrifft, bleibt die Schweiz ein Entwicklungsland.

Deshalb ist es richtig, dass St.Gallen und andere Gemeinden vorwärtsmachen, statt einfach auf den Bund zu warten. Ein vierwöchiger Vaterschaftsurlaub steht einer Stadt wie St.Gallen gut, wo bald auch eine Tagesbetreuung von 7 bis 18 Uhr zum Standard gehört. Es bleibt zu hoffen, dass das Beispiel Schule macht. Ein von unten gewachsener Vaterschaftsurlaub ist nämlich allemal besser als ein von oben verordneter.

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