Die Villa Wiesental in St.Gallen bekommt ein Hotel - das Literaturhaus ist vom Tisch

Im Garten des historischen Gebäudes soll Anfang 2023 ein Hotel mit rund 100 Zimmern eröffnen. Die Idee eines Literaturhauses in der Villa, die saniert wird, hat sich hingegen zerschlagen.

David Gadze
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Im Hotelneubau neben der Villa Wiesental sind sieben beziehungsweise acht Geschosse (plus ein Attikageschoss) sowie eine Tiefgarage für Hotelgäste geplant.

Im Hotelneubau neben der Villa Wiesental sind sieben beziehungsweise acht Geschosse (plus ein Attikageschoss) sowie eine Tiefgarage für Hotelgäste geplant.

Bild: PD

Alt und verwittert steht die Villa Wiesental an der Rosenbergstrasse. Die Pläne für ihre Sanierung sowie für einen Neubau im Garten des historischen Gebäudes nehmen aber immer konkretere Formen an. Jetzt ist klar, was im neuen Gebäude entstehen soll: Es wird nicht wie geplant ein Bürogebäude, sondern ein Hotel. Dieses wird über rund 100 Zimmer und eine eigene Tiefgarage verfügen. Die Erdgeschosse sollen öffentlich genutzt werden. Die künftige Nutzung der Villa Wiesental ist hingegen immer noch offen – dafür ist jedoch klar, wer nicht dort einziehen wird: Ein Literaturhaus, das der Verein Wyborada plante, ist nun definitiv vom Tisch (siehe Zweittext).

Wie die Pensionskasse der Stadt St.Gallen gestern mitgeteilt hat, wurde der Sondernutzungsplan Wiesental mittlerweile vom kantonalen Baudepartement genehmigt und seitens der Stadt St.Gallen auf den 1. April in Kraft gesetzt. Die Pensionskasse kann somit die weiteren Planungen für die Renovation der Villa und den Neubau vorantreiben. Sie beauftragte bereits die HRS Real Estate AG, die nötigen Unterlagen für ein Baugesuch zu erarbeiten. Die HRS wird als bisherige Eigentümerin und Totalunternehmerin auch für die Renovation der Villa und den Bau des neuen Gebäudes verantwortlich sein.

Ein Mittelklassehotel für ein junges und urbanes Publikum

Die Pensionskasse begrüsse das Hotelprojekt aus mehreren Gründen, sagt Geschäftsführer René Menet. Zum einen erhöhe es die Attraktivität des Ortes und trage zur Belebung bei. Zum anderen sei es erfreulich, mit nur einem Mieter einen langfristigen Mietvertrag unterzeichnen zu können. Die Rendite sei hingegen nicht der Hauptgrund für diesen Entscheid gewesen. Sie sei beim Hotel etwa gleich hoch wie bei einem Bürogebäude.

Hinter dem Hotelprojekt steht die Hotel Wiesental St.Gallen AG mit Marcel Walker, Dominik Grossenbacher und Sascha Vörös. Sie betreiben Gastro­nomiebetriebe in der ganzen Schweiz – und sind in der Stadt St.Gallen keine Unbekannten: Hier führen sie bereits die Restaurants Lagerhaus, Zur Werkstatt sowie das Brauwerk. Walker und Vörös übernehmen zusammen mit Mehmet Daku, der Betriebsleiter im «Lagerhaus» ist, ab 2021 ausserdem das Restaurant in der Lokremise, also gleich vis-à-vis des Hotelneubaus.

Geplant sei ein Mittelklassehotel, das vor allem ein junges, urbanes Publikum ansprechen soll, sagt Marcel Walker. Den Gästen soll es beispielsweise möglich sein, sämtliche Angebote von der Buchung über den Check-in und die Konsumation bis zum Check-out komplett digital, also über das Smartphone, abzuwickeln. Entsprechend wolle man auch mit dem öffentlichen Restaurant und der Bar im Hotelneubau eine andere Klientel ansprechen als künftig in der Lokremise. «Beide Projekte sollen trotz der unmittelbaren Nähe für sich allein funktionieren. Wenn es aber Synergien gibt – auch mit unseren anderen Gastronomieangeboten –, wollen wir sie nutzen, etwa bei Hochzeiten.»

Eröffnung spätestens Anfang 2023 geplant

Das Baugesuch für das Hotelgebäude mit sieben beziehungsweise acht Geschossen (plus jeweils ein Attikageschoss) wolle man Ende Mai einreichen, sagt Michael Breitenmoser, Leiter Immobilienentwicklung bei der HRS Real Estate AG. Gehen keine Einsprachen ein, rechnet die HRS mit einer Baubewilligung bis Ende Jahr. Die Eröffnung des Hotels wäre dann Ende 2022 oder Anfang 2023 realistisch.

Bis dann sollte gemäss Breitenmoser auch die Villa Wiesental fertig saniert sein. Im Innern sei sie noch gut erhalten, der Sanierungsbedarf sei vor allem an der Gebäudehülle sehr gross. Das Dach und die Fassade mit den vielen Sandsteinelementen würden praktisch komplett neu erstellt. «Sie wird in altem Glanz erstrahlen, aber neu sein.»

Doch wie beurteilt die Stadtplanung das Hotelprojekt, gerade im Hinblick auf die geplante Weiterentwicklung des Areals Hauptbahnhof Nord und dessen Belebung? Die zentrale Lage sei für ein Stadthotel sehr gut geeignet, sagt Stadtplaner Florian Kessler. Erfreulich seien auch der für die Öffentlichkeit zugängliche Freiraum und die Publikumsnutzung im Erdgeschoss des Hotelneubaus. «Dadurch kann ein lebendiger Ort entstehen.» Wichtig sei, dass mit dem Neubau der Erhalt und eine fachgerechte Sanierung der Villa erfolgen. Insgesamt könne mit den beiden Bauten und der Lokremise «ein zwischen alt und neu kontrastierender, räumlich interessanter Auftakt für die weitere Entwicklung des Gebiets» entstehen.


Aus für das Literaturhaus in der historischen Villa

Sandra Meier, Vorstandsmitglied des Vereins Wyborada und Leiterin des
Kinok.

Sandra Meier, Vorstandsmitglied des Vereins Wyborada und Leiterin des
Kinok.

Bild: Hanspeter Schiess

Wer dereinst in die sanierte Villa Wiesental einziehen wird, steht noch nicht fest. Klar ist aber, dass dort kein Literaturhaus entstehen wird. Ein solches Zentrum für die Literatur, wie es viele Städte haben, St. Gallen aber nicht, wollte der Verein Wyborada im Erdgeschoss sowie im Untergeschoss der Villa eröffnen. Der Verein, der auch die gleichnamige Frauenbibliothek führt, hatte diese Pläne vor etwas mehr als einem Jahr konkretisiert.

Daraus wird nun nichts: «Das Problem ist, dass wir nur das Untergeschoss für Veranstaltungen nutzen könnten – und dieses ist zu klein.» Es biete Platz für maximal 50 Personen, benötigt werde aber Platz für 70 bis 80 Personen. Eine Vergrösserung des Raums im Untergeschoss sei wegen der Statik des Gebäudes nicht möglich. Auch im Erdgeschoss lasse sich der benötigte Platz nicht schaffen, sagt Meier. Denn dieses dürfe wegen der Vorgaben der Denkmalpflege nicht verändert werden.

Zu klein für die Ansprüche 
eines Literaturhauses

Der Verein Wyborada braucht diesen Platz aus mehreren Gründen. «Die Idee war, auch bekanntere Autorinnen und Autoren nach St. Gallen zu holen, die ein grösseres Publikum anziehen», sagt Meier. Eine Option wäre allenfalls gewesen, für grössere Veranstaltungen gelegentlich in den Neubau neben der Villa auszuweichen und die dortigen Räume zu nutzen. Mit dem Hotelprojekt sei diese Möglichkeit aber ebenfalls vom Tisch. Ausserdem sei geplant gewesen, Kooperationen mit anderen Kulturveranstaltern einzugehen, die den Raum für eigene Anlässe hätten mieten können.

Auf diese Zusammenarbeiten beziehungsweise die Einnahmen wäre der Verein Wyborada angewiesen gewesen, um die Mietkosten für die Villa Wiesental decken zu können. Die Pensionskasse der Stadt St. Gallen, die das historische Gebäude vor etwas mehr als einem Jahr von der HRS gekauft hatte, verlangt 180'000 Franken jährlich (oder 15'000 Franken im Monat) für die 700 Quadratmeter Nutzfläche der Villa, deren Sanierung auf rund fünf Millionen veranschlagt ist.

Das Untergeschoss sei aber auch für die möglichen Kooperationspartner zu klein, sagt Sandra Meier. Die erhofften zusätzlichen Einnahmen fielen somit weg. «Wenn wir für grössere Veranstaltungen also andere Räume in der Stadt mieten müssten, wäre das Ganze zu teuer.» Und die Lokremise, die praktischerweise in der unmittelbaren Nachbarschaft der Villa Wiesental liegt, könne man sich schlicht nicht leisten.

Die Suche nach einem 
Standort geht weiter

In St.Gallen fehle es nach geeignetem Raum für die Literatur, sagt Meier. Auch jener, der genau diesen Zweck in seinem Namen trägt – der Raum für Literatur in der Hauptpost – sei nur bedingt geeignet. Man müsse ihn nämlich für jede Veranstaltung aufs Neue einrichten.

Die Idee eines Literaturhauses für St.Gallen sei damit aber keineswegs gestorben, betont Sandra Meier. «Wir suchen jetzt einen anderen Ort, wo es sich realisieren lässt.» (dag)