«Die Touren waren das Schönste» – Nach 49 Jahren geht ein Gossauer Pöstler in Pension

Nach fast einem halben Jahrhundert bei der Post verteilt Willi Römer heute zum letzten Mal Briefe in Gossau – just an seinem 65. Geburtstag.

Laura Widmer
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Pöstler Willi Römer kennt jede Strasse in Gossau. (Bild: Michel Canonica)

Pöstler Willi Römer kennt jede Strasse in Gossau. (Bild: Michel Canonica)

Die Karriere von Willi Römer endet, wo sie vor 49 Jahren begonnen hat: bei der Post in Gossau. Hier hat er als 16-Jähriger mit der Lehre begonnen – eine Ausbildung, die damals nur eineinhalb Jahre dauerte.

An diesem Dienstag ist der Pöstler seit 4.45 Uhr auf den Beinen. Im Verteilzentrum hat er zuerst die Briefe und Hefte, Beilagen und eingeschriebene Post sortiert. Nach Quartier, nach Strasse, nach Wohnblock, damit das Einfächern vor Ort schnell und ordentlich von der Hand geht.

Auch im Winter trägt er dabei keine Handschuhe, «das Gefühl beim Verteilen ist ein anderes» sagt er. So passierten Fehler, und man merke, wenn Briefe aneinander haften und deshalb im falschen Briefkasten landeten. Am schlimmsten sei ohnehin nicht die Kälte, gegen die man sich schützen könne, sondern der Regen.

Auch beim FC Gossau engagiert

Willi Römer ist bekannt in Gossau, nicht nur weil er «sicher schon in allen Strassen der Stadt» Post verteilt hat. Auch beim FC Gossau ist der Vater von vier Söhnen ein gern gesehenes Gesicht. Er hat 16 Jahre lang Juniorenmannschaften trainiert und ausserdem während 23 Jahren das Stadionrestaurant geführt. Heute ist er Ehrenmitglied des Sportvereins.

Aufgewachsen ist Römer in Niederbüren. Dass er die Lehre in der Ostschweiz machen konnte, bezeichnet er als grosses Glück. Viele hätten dafür nach Zürich ziehen müssen – für Römer keine Option «Ich bin kein Stadtmensch, Gossau war deshalb immer perfekt», sagt er. Natürlich hat sich auch hier die Situation geändert und Gossau ist in den vergangenen Jahren gewachsen. In Römers Anfangszeit war es üblich, die Post zu Fuss mit dem Handwagen zu verteilen, wenn nötig zweimal täglich, in entlegenen Gebieten mit dem Auto. Später machte man die Zustellung mit dem Töffli.

«Der Dreiradroller ist etwas vom Besten, dass die Post je erfunden hat.»

Der Kontakt mit den Kunden begeistert den Pöstler auch nach 49 Jahren noch an seinem Beruf, ebenso wie die viele Zeit an der frischen Luft. «Die Touren waren für mich immer das Schönste.» Leider habe man heute für alles weniger Zeit – Der Schwatz vor der Haustüre ist in den vergangenen Jahren seltener geworden.

Einen anderen Arbeitgeber als die Post hat Römer nie gekannt. Er war für kurze Zeit in Kirchberg, Alterswil und für zehn Jahre in Herisau tätig. Diese Treue ist mit der steigenden Flexibilität des Berufs immer seltener geworden. «Die Jungen haben es mit der heutigen Ausbildung leichter, wenn sie in die Privatwirtschaft wechseln möchten.» Trotzdem habe die Ausbildung an Attraktivität verloren, «viele möchten nicht am Samstag arbeiten.»

Karriere hat Römer keine gemacht: «Die Aufstiegsmöglichkeiten waren bei der Post lange rar». Er blieb Briefträger und bildete mit grosser Freude Lehrlinge aus, bis diese Aufgabe zentralisiert wurde. Er amtete als Personalsprecher und organisierte Anlässe für die Mitarbeiter: Kegelturniere, Jass-Meisterschaften.

Die kleinen Skandale bleiben haften

Die grossen Skandale der Post und ihrer Tochterfirmen haben bei Willi Römer weniger Spuren hinterlassen als die kleinen, von denen die Öffentlichkeit nicht viel mitbekommt. Als «Kleiner» werde man im Betrieb des gelben Riesen nicht so wahrgenommen.

«Auch wenn man den Dienstweg einhält, hat man den Eindruck, man kommt nicht bis oben» Ein Beispiel dafür nennt Römer: Mitarbeiter der Post bekämen Prämien von etwa 300-400 Franken. Älteren Mitarbeitern wird sie nicht mehr ausgeschüttet. Er begreife nicht, warum das so gehandhabt werde. «Jeder der Leistung bringt, sollte diese Prämie erhalten.» Viel Unterstützung habe er dafür nach einem Burn-out erhalten.

«Andere Betriebe hätten mir da sicher gekündigt.»

Dazu kam es nicht, und die lange Karriere Römers endet heute bei der Post. Am gleichen Tag feiert er auch seinen 65. Geburtstag. Das Fest mit Familie und engen Freunden findet übermorgen statt, «morgen ruhe ich mich einfach aus.» Es sei für ihn keine Option gewesen noch einen Tag anzuhängen, sagt Römer.

«Ich habe mir den Abschied schon länger so gewünscht. Mit 65 Jahren ist einfach Schluss.»