Die Talentschmiede, aus der Silvan Hefti hervorging

Sporttalente aus den Gemeinden rund um St.Gallen müssen statt der städtischen Talentschule ab kommenden Schuljahr den Talent-Campus beim Kybunpark besuchen. Betreiber der Talentschule ist die SBW Haus des Lernens AG. Die Privatschule ist keine Unbekannte.

Sandro Büchler
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Ein U14-Fussball-Nachwuchstalent beim Training im Gründenmoos.

Ein U14-Fussball-Nachwuchstalent beim Training im Gründenmoos.

Michel Canonica

Die Stadt nimmt seit diesem Schuljahr keine Sport-, Musik- und Kunsttalente aus anderen Gemeinden an ihrer Talentschule auf. Hintergrund ist ein Rechtsstreit zwischen der Stadt und dem Kanton um die Höhe der Schulgelder. Nachdem die Stadt vor Bundesgericht unterlegen ist, zieht das kantonale Bildungsdepartement Konsequenzen. Es entzieht der Talentschule die kantonale Anerkennung.

Auswärtige Sporttalente sollen künftig am Talent-Campus St.Gallen der SBW Haus des Lernens AG in Winkeln gefördert werden. Für externe Schüler aus dem Musik- und Kunstbereich soll SBW bei Bedarf ein Angebot aufbauen. Aktuell besuchen keine auswärtigen Musik- oder Kunsttalente die Talentschule der Stadt.

Blick in den Talent-Campus Bodensee in Kreuzlingen: Der junge Snowboarder Jonas Hasler beim Ausdehnen nach dem Training mit seiner Schwester Leonie.

Blick in den Talent-Campus Bodensee in Kreuzlingen: Der junge Snowboarder Jonas Hasler beim Ausdehnen nach dem Training mit seiner Schwester Leonie.

Bild: Andrea Stalder (8. Januar 2020)

Die SBW Haus des Lernens AG sei ein erfahrener Akteur in der Talentförderung, betont der Kanton. Die 40-jährige Privatschule hat mehrere Standorte. Sie führt etwa in Kreuzlingen eine der vier nationalen Swiss-Olympic-Sportschulen oder eine Kunst- und Sportschule in Winterthur. In Romanshorn betreibt die Bildungsgruppe ein Gymnasium und bietet einen Mediamatiker-Lehrgang mit BMS an. Auch in Süddeutschland ist die Privatschule in vier Städten präsent. In St.Gallen betreibt die SBW neben dem Campus für talentierte Sportler eine Primarschule und in Häggenschwil eine Sekundarschule.

Von Piraten zu Pionieren

Die «SBW Secundaria», mit aktuell 43 Schülern, ist einzigartig. Sie ist die schweizweit erste privatisierte Sekundarschule. Trotzdem ist die Schule für Kinder aus der Gemeinde gratis.

Häggenschwil anno 2010: Die Bevölkerung des Dorfes protestiert mit Piratenfahnen gegen die geplante Schliessung der Oberstufenschule Rietwies wegen mangelnden Schülerzahlen.

Häggenschwil anno 2010: Die Bevölkerung des Dorfes protestiert mit Piratenfahnen gegen die geplante Schliessung der Oberstufenschule Rietwies wegen mangelnden Schülerzahlen.

Benjamin Manser (30. November 2010)

Die vom Kanton im Jahr 2010 angekündigte Schliessung der Oberstufe schlug hohe Wellen und mündete in erbosten Protesten der Häggenschwiler. Diese kämpften – symbolisch als Piraten verkleidet – für den Erhalt der Schule. Nachdem ein Demonstrationszug nach St.Gallen vor das Regierungsgebäude und auch die Übergabe von über 7000 Unterschriften gegen die Schliessung beim Bildungschef kein Gehör fand, stimmten die Häggenschwiler in einer denkwürdigen Bürgerversammlung nahezu einstimmig dafür, die Oberstufe als Privatschule in Zusammenarbeit mit der SBW Haus des Lernens AG weiterzuführen. Die Gemeinde nimmt damit eine Pionierrolle ein.

Reto Ammann, Leiter der SBW Haus des Lernens AG

Reto Ammann, Leiter der SBW Haus des Lernens AG

Bild: Andrea Stalder

Auch die «SBW Primaria» in St.Gallen ist speziell. Im ehemaligen Gasthaus Stocken neben der Fürstenlandbrücke ist das «Gasthaus des Lernens» entstanden: eine private Primarschule inklusive Kindergarten für Vier- bis Dreizehnjährige. «Hier lernen Kinder mit dem ganzen Körper und allen Sinnen», sagt Reto Ammann, CEO der SBW Haus des Lernens AG.

Das Konzept der Montessori-Pädagogik wurde mehrfach von Fachzeitschriften und Pädagogen ausgezeichnet. So bezeichnete das Magazin Geo Wissen die Primaria als «eine der fortschrittlichsten Tagesschulen im deutschsprachigen Raum».

Blick in das Schulhaus und «Gasthaus des Lernens», das nach dem Umbau des Gasthauses Stocken entstanden ist.

Blick in das Schulhaus und «Gasthaus des Lernens», das nach dem Umbau des Gasthauses Stocken entstanden ist.

Bild: Hanspeter Schiess (17. September 2015)

Mit dem kommenden Schulstart werden alle Sportarten gefördert

Am Talent-Campus St.Gallen werden im laufenden Schuljahr 25 Sporttalente gefördert – bis jetzt junge Fussball- und Handballspieler. Bald werden es mehr sein. Denn Anfang Mai hat das Bildungsdepartement des Kantons die in der Nähe des Kybunparks gelegene Sportschule für alle Sportarten anerkannt und somit die Leistungsvereinbarung ausgeweitet. Welche Sportarten für das Schuljahr 2020/21 besonders gefragt seien, würden erst die aktuell eingehenden Bewerbungen zeigen, sagt Ammann. Der Talent-Campus, der 2018 vom thurgauischen Bürglen nach St.Gallen zog, ermöglicht es ausgewählten Athletinnen und Athleten, Sekundarschulausbildung und sportliche Karriere zu kombinieren.

Vom Talent zum Captain

In Zusammenarbeit mit «Future Champs Ostschweiz», der Akademie des FC St.Gallen, gingen aus der Talentschule bereits namhafte Grössen hervor. Besonders stolz sind die Verantwortlichen der SBW Haus des Lernens AG auf Silvan Hefti. Der 22-jährige Verteidiger des FCSG ist seit knapp zwei Jahren der Captain der Espen.

Silvan Hefti, der Captain des FC St.Gallen, bejubelt ein Tor.

Silvan Hefti, der Captain des FC St.Gallen, bejubelt ein Tor.

Ralph Ribi

«Passgenau und massgeschneidert» seien die Lernpläne für die Sportler, sagt Ammann.

«Damit sich die schulische und sportliche Entwicklung nicht im Weg stehen, werden Unterricht und Training abgestimmt.»

Am Talent-Campus Bodensee in Kreuzlingen hätte so jeder der rund 300 Schülerinnen und Schüler einen eigenen Stundenplan. Diese müssten zudem flexibel sein. «Denn ein Snowboarder muss je nach Wetter trainieren können, ein Segler je nach Wind.» Wann Wettkämpfe stattfinden, müsste ebenfalls berücksichtigt werden.

Ein wichtiger Aspekt in der Talentförderung sei auch die persönliche Betreuung, sagt Ammann. «Jeder Lernpartner, wie wir unsere Schüler bezeichnen, hat einen Coach, also eine eigene Ansprechperson.» Diese begleite den Lernweg. So individuell wie nur möglich, das sei die Maxime des SBW Haus des Lernens. «Diese Herangehensweise pflegen wir bei all unseren Kindern und Jugendlichen. Unabhängig des Alters und egal, ob sie musisch, künstlerisch oder sportlich begabt sind.»