Die St.Galler Stadtautobahn wird 2021 zur Grossbaustelle – wegen des drohenden Kollapses fordern Politiker: «Wir müssen den Verkehr um 10 bis 20 Prozent reduzieren»

Der Verkehr auf der Autobahn soll während der Gesamtsanierung abnehmen. Stadtparlamentarier fordern ein Umdenken der Autofahrer.

Marlen Hämmerli
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2015 hat das Astra die Beleuchtungsanlagen in den Tunneln erneuert. Nun ist eine Gesamtsanierung der Stadtautobahn fällig.

2015 hat das Astra die Beleuchtungsanlagen in den Tunneln erneuert. Nun ist eine Gesamtsanierung der Stadtautobahn fällig.

Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 21. September 2015)

Der Verkehr auf der Stadtautobahn hat zuletzt wieder zugenommen. 2018 fuhren gemäss provisorischen Angaben täglich rund 81'000 Fahrzeuge durch den Rosenbergtunnel – das sind täglich rund 600 Fahrzeuge mehr als 2017 (siehe Infografik). Dabei sollte der Verkehr zwischen Winkeln und Neudorf abnehmen, denn Mitte des nächsten Jahres starten die Sanierungsarbeiten.

Bereits heute ist die Stadtautobahn morgens und abends bis zur Kapazitätsgrenze oder darüber hinaus belastet. Wenn nun 2021 die Grossbaustelle eröffnet wird, droht der Kollaps. Um diesen abzuwenden, wollen die Verantwortlichen des Bundesamts für Strassen (Astra) den Verkehr während der Stosszeiten um rund zehn Prozent reduzieren – also um rund 8100 Fahrten.

Hier setzt nun ein Vorstoss von Doris Königer und Gallus Hufenus an. Die SP-Stadtparlamentarier fragen, welche Massnahmen die Stadt ergreift, um den Pendlerverkehr besser zu verteilen.

85 Prozent der Fahrten starten und enden auf Stadtgebiet

«Es ist an der Zeit unser Mobilitätsverhalten zu hinterfragen», schreiben Königer und Hufenus in der Interpellation «Sanierung Stadtautobahn: Eine Chance, Pendlerströme besser zu verteilen?» Denn 17 von 20 Fahren starten und enden auf Stadtgebiet. Damit sind vor allem die Stadtsanktgallerinnen und Stadtsanktgaller gefragt, wenn es darum geht, den Verkehr zu reduzieren.

«Die Sanierung bedeutet eine ungeheure Chance, das Verkehrsverhalten zu überdenken», sagt Hufenus.

«Es ist doch schräg: Wir richten die Infrastruktur auf die Spitzenzeiten aus, und eine Stunde später sind die Züge und Strassen fast leer.»
Gallus Hufenus, SP-Stadtparlamentarier

Gallus Hufenus, SP-Stadtparlamentarier

Michel Canonica

Gegen den Strom zu schwimmen, bietet also Vorteile, wie Hufenus ausführt: Restaurants sind vor und nach der Mittagszeit leerer. Anfragen auf Ämtern können bei einem späten Arbeitsbeginn oder frühen Feierabend einfacher erledigt werden. Jugendliche sind leistungsfähiger, wenn der Unterricht später beginnt. Eine der Fragen des Vorstosses lautet deshalb, ob ein gestaffelter Schulbeginn möglich sei. Eine andere fragt nach weiteren Vorteilen eines flexibleren Verkehrsverhaltens.

Denn Hufenus hofft, dass die Leute aufgrund der Vorteile ihr Verhalten grundsätzlich anpassen. «Werden die Kapazitäten ständig ausgebaut, hat der Einzelne keinen Anreiz, sein Verhalten zu ändern. Und ein halbes Jahr später sind die Züge und Strassen wieder voll.» Wobei ihm klar sei, dass nicht alle ihre flexible Arbeitszeiten haben. Deshalb seien zwei Punkte wichtig: ein Umdenken sowie das Bereitstellen von alternativen Verkehrsträgern.

Das kantonale Amt für öffentlichen Verkehr prüft zusammen mit der Stadt und den umliegenden Gemeinden, zusätzliche Busse einzusetzen und alternative Busrouten (siehe Infokasten). Königer und Hufenus fragen nun, welche konkreten Massnahmen der Stadtrat vorsieht und wer den Ausbau des öffentlichen Verkehrs über sieben bis acht Jahre finanziert.

Eine Frage betrifft zudem einen temporären Ausbau der Zugverbindungen an den Stadtbahnhöfen – ein Thema, das vor allem Doris Königer am Herzen liegt. Sie wünsche sich einen 15-Minuten-Takt, sagt die Co-Präsidentin des VCS St.Gallen-Appenzell. Derzeit kann der Takt hauptsächlich deshalb nicht weiter verdichtet werden, weil zwischen Gossau und St.Gallen die Kapazitäten fehlen.

Zusatzbusse, längere Züge und ein Marketingvogel

Was tun gegen den drohenden Verkehrskollaps während der Grossbaustelle Stadtautobahn? Diese Frage haben sich auch die beiden St.Galler Kantonsräte Ruedi Blumer von der SP-Grüne-Fraktion und Arno Noger von der FDP-Fraktion gestellt. Mit einer Interpellation haben sich Blumer, seines Zeichens Präsident des Verkehrsclubs der Schweiz VCS, und Noger, Bürgerratspräsident der Ortsbürgergemeinde, im vergangenen Jahr an die Kantonsregierung gewandt.

Die zwei Interpellanten interessiert, welche Massnahmen aus Sicht der Regierung geeignet sind, Staus und einen Verkehrskollaps zu vermeiden. Insbesondere wollen die beiden Kantonsräte und 37 Mitunterzeichnende wissen, ob und wie der öffentliche Verkehr während der Instandsetzung der Stadtautobahn gefördert wird und inwiefern sich Bund, Kanton und Stadt bei der Planung von Massnahmen absprechen.

Kleinste Störungen wirken sich auf Verkehr in der Innenstadt aus


Die Antwort der Regierung ist umfassend. Sie zeigt aber auch, wie fragil der Verkehr ist. Schon kleinste Störungen auf der Stadtautobahn führten zu Behinderungen und Staus, die sehr rasch direkte Auswirkungen auf den Verkehrsfluss in der Innenstadt hätten. «Dem innerstädtischen Verkehrsnetz fehlt die nötige Kapazität, den bei Stausituationen von der Stadtautobahn ausweichenden Verkehr aufzunehmen.»

Das Problem ist bekannt. Damit der Fahrplan der Stadtbusse während der Bauzeit auf der Autobahn nicht aus dem Takt gerät, schlägt das Bundesamt für Strassen (Astra), das hauptsächlich für den Autobahnausbau verantwortlich ist, mehrere Massnahmen vor:

Zusätzliche Busse: Gemäss der Antwort zur Interpellation prüft das Amt für Verkehr zusammen mit der Stadt und den umliegenden Gemeinden den Einsatz zusätzlicher Fahrzeuge. Dies, «um bei einem überlasteten Strassennetz Folgezeitverspätungen zu verkleinern oder zu vermeiden.»

Auch alternative Linienführungen werden diskutiert. «So wird zum Beispiel das Führen des Busses von Herisau nach St.Gallen über den Kalkofenweg und die Gübsenstrasse geprüft, um so einen allfällig eintretenden Rückstau von der Autobahneinfahrt Winkeln Richtung Herisau zu umfahren.» Die Buslinie 158 Herisau–Engelburg soll bei Stau auf der Appenzellerstrasse vorzeitig abbiegen und via Bahnhof Winkeln Richtung Industriestrasse verkehren.

Mehr Eisenbahnwagen: Der Kanton St.Gallen hat beim Bundesamt für Verkehr zur Entlastung während der Bauzeit auf der Stadtautobahn den Einsatz von Zusatzzügen zwischen Wil und Rorschach beantragt. Geprüft werden sollte eine verbesserte Staffelung der Abfahrten und zusätzliche Trassenkapazitäten. Doch das Bundesamt hat die Anträge mit Hinweis auf die ausgelastete Schieneninfrastruktur abgelehnt. «Dafür soll die Kapazität des bestehenden Angebots falls nötig mit zusätzlichen Wagen oder Kompositionen nachfragegerecht angepasst werden.»

Marketingkampagne: Neben den punktuellen Anpassungen arbeitet das Astra zusammen mit dem Tarifverbund Ostwind an einer Marketingkampagne. Man wolle Automobilisten zum Umstieg auf Bus und Bahn motivieren. Im Dezember hat das Astra die Marketingfigur «Fredi Vogl» vorgestellt. Der fiktive Buntspecht soll die Bevölkerung in Inseraten, auf Plakaten und im Internet auf dem Laufenden halten – und Alternativen aufzeigen. Getreu dem Motto: «Gib dem Stau keine Chance. Mach was Besseres.» Vorerst ist der Vogel ein Entwurf. Wann die Kampagne sprichwörtlich zum Fliegen kommt, ist offen. (sab)

Mitte 2021 geht’s mit den Arbeiten richtig los

Mitte des nächsten Jahres starten die Sanierungsarbeiten auf der Stadtautobahn. In Nachtarbeit werden dann Trassee und Fahrbahnen zwischen Winkeln und Sitterviadukt erneuert. 2022/2023 dehnt sich die Baustelle bis ins Neudorf aus. Spätestens dann wird auch tagsüber gearbeitet und der Verkehr muss reduziert werden. Dazu sagt Königer:

«Wir müssen jetzt Lösungen finden, bevor sie beginnen zu bauen. Die Baustelle dauert nicht ein halbes Jahr, sondern fast ein Jahrzehnt.»
SP-Stadtparlamentarierin Doris Königer.

SP-Stadtparlamentarierin Doris Königer.

PD

Jeder müsse sich überlegen, welche Wege zu Fuss, mit dem ÖV oder dem Velo möglich seien. «Wenn wir den Verkehr um zehn bis 20 Prozent reduzieren, überstehen wir die Bauzeit, ohne dass der Verkehr die städtischen Längsachsen lahmlegt.»

Der Abschluss der Sanierung ist für Ende 2027 geplant. Vier Jahre darauf könnten dann bereits die nächsten Arbeiten starten: 2031 ist der früheste Starttermin für die Engpassbeseitigung. Zu dieser gehören die Teilspange zur Liebegg und die dritte Röhre durch den Rosenbergtunnel. Durch diesen fährt das erste Auto frühestens 2040.