Die St.Galler Kellerbühne trotzt Corona und startet mit zwei Eigenproduktionen in die neue Saison

Trotz Lockdown blickt die Kellerbühne auf eine erfolgreiche Saison zurück. Eine von zwei Eigenproduktionen widmet sich auf kreative Art dem Komponisten Mozart.

Bettina Kugler
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Matthias Peter (mit Perücke) mit dem St.Galler Edes-Ensemble: Johanna Degen, Christian Bissig und Daniel Pfister (von links).

Matthias Peter (mit Perücke) mit dem St.Galler Edes-Ensemble: Johanna Degen, Christian Bissig und Daniel Pfister (von links).

Bild: PD

Matthias Peter hat nicht mehr alle Hemden im Schrank. Was modisch nicht mehr ganz auf der Höhe war, hat der künstlerische Leiter der Kellerbühne in den letzten Tagen aussortiert und über die Rückenlehne des einen oder anderen Klappsitzes im Saal drapiert: Das sind die Plätze, die einstweilen coronabedingt freibleiben müssen.

Er selbst gibt sich bei der Präsentation des neuen Programms nicht zugeknöpft. Peter freut sich auf den vollen Spielbetrieb – wenn auch nur mit halber Zuschauerzahl. Er kann es sich leisten: Die Saison 2019/20 war trotz Corona ein Erfolg, mit 125 Vorstellungen, über 12 000 Zuschauern und einer Auslastung von über 80 Prozent. «Wir sind glimpflich davongekommen», bilanziert Matthias Peter.

Während dem Lockdown blieb die Kellerbühne geschlossen. Leiter Matthias Peter konnte nur abwarten und Tee trinken.

Während dem Lockdown blieb die Kellerbühne geschlossen. Leiter Matthias Peter konnte nur abwarten und Tee trinken.

Bild: Michel Canonica

Haben sonst über hundert Besucherinnen und Besucher im Kellergewölbe Platz, wird es vorerst nur maximal 70 Sitze geben, was einer 50-prozentigen Belegung entspricht. In den Frühsommer-Wochen nach dem Lockdown waren es lediglich 41 Sitzplätze. Dafür werde die Reservation einfacher und virensicherer durch einen «Print@home»-Service. Jeder werde laut dem Theaterleiter reservieren müssen – notfalls direkt an der Abendkasse. Peter sagt:

«So stellen wir das Contact-Tracing sicher und können auf eine ausgelegte Adressliste verzichten.»

Das Schutzkonzept hat ihn auf Trab gehalten, doch die zusätzliche Arbeit nimmt er gern in Kauf. Zu schön ist die Erinnerung an den 6. Juni, den ersten Abend nach der grossen Pause. «Das waren magische Momente, fürs Publikum ebenso wie für die Künstler auf der Bühne.»

Hits aus der «Zauberflöte» für Flöte, Cello und Gitarre

Weitergehen soll es in der bewährten Mischung aus Kabarett, Chanson, Schauspiel und Autorenlesungen. Ein Teil der ausgefallenen Gastauftritte im Frühjahr wird im Herbst stattfinden – oder aber im Frühjahr 2021. Gleich zwei Eigenproduktionen stemmt das Team der Kellerbühne noch vor Jahresende.

Matthias Peter zusammen mit dem St.Galler Edes-Ensemble.

Matthias Peter zusammen mit dem St.Galler Edes-Ensemble.

Bild: PD

Für beide Stücke wird bereits geprobt. Für die erste hat Matthias Peter selbst zur Feder gegriffen und sich die Hauptrolle auf den Leib geschrieben. «Schikaneder – der Zauberflöten-Macher» (ab 28. Oktober) lässt der Theatermann, Sänger und Mozart-Freund Emanuel Schikaneder aufleben. In kreativen Dialogen spricht er mit dem Komponisten, bis zu einem Nachspiel im Grab, wo Mozart sich entsetzt umdreht. Der Grund: die ungewöhnliche Bearbeitung der «Zauberflöte»-Hits für Flöte, Cello und Gitarre, gespielt vom St.Galler Edes-Ensemble.

Boglárka Horváth steht im November und Februar im Solo «Herzzeitlose» der Thurgauer Autorin und Psychotherapeutin Margit Koemeda auf der Bühne. Hier geht es in erinnerten Dialogen, Tagebuchpassagen und therapeutischen Gesprächsmomenten um die Beziehung zwischen Tochter und Mutter. «Wie tief diese Dialoge gehen, hat sich mir erst nach und nach in der Arbeit mit Boglárka Horváth gezeigt», sagt Peter. Er wird dabei Regie führen – so wie in «Smith & Wesson», das kurz vor dem Lockdown noch Premiere hatte und ein Jahr später, im März 2021, wiederaufgenommen wird.

Kabarett mit Frauenpower, Lesungen in Männerhand

Die deutsche Liedermacherin und Kabarettistin Uta Köbernick im Februar 2020.

Die deutsche Liedermacherin und Kabarettistin Uta Köbernick im Februar 2020.

Bild: Sandra Ardizzone

Drei starke Frauen machen im September den Auftakt bei den Gastspielen: die Kabarettistinnen Uta Köbernick («Ich bin noch nicht fertig»), Judith Bach («Aus lauter Lebenslust») und Frölein Da Capo («Kämmerlimusik»). Zum ersten Mal in der Kellerbühne zu sehen sind 9 Volt Nelly; ihren Abschied von der Bühne werden Sybille und Michael Birkenmeier feiern.

Die Sparte Literatur ist prominent besetzt: im Herbst mit Arno Camenisch, Peter Stamm und Christoph Keller; zudem mit Franz Hohler und Christoph Simon, die schon im vergangenen Frühjahr hätten lesen sollen. Jens Nielsen spielt zum 100. Geburtstag von Friedrich Dürrenmatt den Monolog «Das Hirn». Beim Stück «Nachwehen» von Mike Bartlett, einem packenden Duell zwischen einer Personalmanagerin und einer Mitarbeiterin, gibt es eine Kooperation mit der HSG.

Weitere Höhepunkte sind eine Vorpremiere des neuen Programms von Roman Riklin und Daniel Schaub, der Auftritt der Walliser Sängerin Sina und mehrerer Stammgäste. Die vielleicht auch ein paar alte Hemden in der Kellerbühne lassen.

Hinweis: Auftakt am 2. September, 20 Uhr, mit der Kabarettistin Uta Köbernick. Programm, Schutzkonzept und Reservation: www.kellerbuehne.ch

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