Die Stadt St.Gallen feuert nach: Ein Altholzkraftwerk im Osten soll helfen, die Klimaziele zu erreichen

Will St.Gallen bis 2050 klimaneutral werden, muss die Stadt mehr nachhaltige Wärme produzieren. Ein Altholzheizkraftwerk soll helfen. Dabei setzen die Stadtwerke auf eine Zusammenarbeit mit lokalen Entsorgungsunternehmen.

Luca Ghiselli
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Das Altholzheizkraftwerk soll auf dem Areal der Müller-Entsorgung (im Vordergrund) in der Bildmitte entstehen.

Das Altholzheizkraftwerk soll auf dem Areal der Müller-Entsorgung (im Vordergrund) in der Bildmitte entstehen.

Bild: Michel Canonica

Der Weg zu Netto-Null ist weit. In den kommenden 30 Jahren will die Stadt St.Gallen die sogenannte Dekarbonisierung in Angriff nehmen und sich bis ins Jahr 2050 von fossilen Brennstoffen verabschieden. Soll das gelingen, reichen das Kehrichtheizkraftwerk (KHK) im Sittertobel und die beiden Fernwärmezentralen in der Waldau und der Lukasmühle nicht, um den Wärmebedarf zu decken – auch wenn der Gesamtenergiebedarf weiter sinkt. Auch Erdsonden und Nahwärmeverbunde können die Lücke nicht schliessen.

Deshalb planen die Stadtwerke gemeinsam mit privaten Entsorgungsunternehmen im Gebiet Martinsbrugg im Osten der Stadt ein Altholzheizkraftwerk. Das Prinzip ist simpel: Holzabfälle aus Abbrüchen oder Renovationen werden zu Schnitzeln gehäckselt, verbrannt und via Wärmetauscher und Dampfturbine ins Fernwärmenetz eingespeist. Rund 60 Gigawattstunden soll die Anlage ab 2025 produzieren und damit etwas mehr als einen Viertel der Gesamtenergie des Fernwärmenetzes beisteuern.

Heute wird das Altholz ins Ausland transportiert

Peter Jans, Direktor Technische Betriebe.

Peter Jans, Direktor Technische Betriebe.

Bild: Michel Canonica

Kostenpunkt des geplanten Kraftwerks: rund 20 bis 25 Millionen Franken. Die Leitungen, welche die Wärme dereinst in die Haushalte bringen sollen, sind da noch nicht einberechnet – über das Projekt wird dereinst das Stimmvolk befinden. «Der Bau des Altholzheizkraftwerks ist notwendig, wenn wir die Vorgabe Netto-Null bis 2050 erreichen wollen», sagt Peter Jans, Direktor Technische Betriebe. Die Pläne für das Kraftwerk sind noch in einer frühen Phase, es gibt erst ein Vorprojekt.

«Trotzdem wollen wir nicht lange zuwarten.»

Denn die aktuelle Lösung für Altholz in der Region sei alles andere als zufriedenstellend. «Heute wird das Holz ins Ausland transportiert, meist nach Italien.» Das sei zwar paradox, aber für die Entsorgungsunternehmen immer noch günstiger als eine Entsorgung vor Ort. Dabei gebe es mehr als genug Altholz in der Region, um ein Kraftwerk damit zu betreiben. Jans sagt:

«Jährlich sollen rund 25000 Tonnen verbrannt werden.»

Das entspricht der Ladung von rund 600 Lastwagen. Und dabei handle es sich lediglich um Material aus dem Umkreis von etwa zehn Kilometern. Mit dem Altholzheizkraftwerk könne man also eine lokale Ressource verwenden, um dem Klimawandel entgegenzuwirken, zeigt sich Peter Jans überzeugt.

Der geplante Standort des Kraftwerks ist kein Zufall. Er befindet sich auf dem Areal von Müller Entsorgung an der Martinsbruggstrasse. Es ergebe Sinn, bei diesem Vorhaben mit Unternehmen zusammenzuarbeiten, betont Jans. «Sie beschaffen das Altholz, wir verbrennen es im Kraftwerk gemeinsam, und die Stadtwerke verteilen die Wärme.» Ziel sei auch eine gemeinsame Finanzierung, wobei der Kostenteiler in diesem frühen Stadium der Planung noch nicht bekannt ist.

Stadt möchte Fernwärme weiter ausbauen

Der Bau des Altholzkraftwerks würde es erlauben, die Fernwärme in einer dritten Etappe weiter auszubauen. Derzeit ist die zweite Ausbauetappe im Gang, die vornehmlich den Osten der Stadt erschliesst. «Mit dem Altholzheizkraftwerk könnten wir zusätzliche Gebiete erschliessen und eine letzte Ausbauetappe in Angriff nehmen», sagt Jans.

Danach – also etwa ab 2030 – sei das Potenzial der Fernwärme ausgeschöpft, auch das KHK stosse an seine Kapazitätsgrenzen. Zudem wolle man auch in den Fernwärmezentralen künftig auf den Verbrauch fossiler Brennstoffe verzichten. Heute wird an Spitzentagen mit Öl oder Gas dazugeheizt. «Ab 2050 soll nur noch synthetisches oder erneuerbares Gas verwendet werden.» Vorerst bleibt das aber Zukunftsmusik, denn die Wirtschaftlichkeit sei unsicher, so Jans.

Volksabstimmung frühestens 2021

Wie geht es nun weiter? Erste Gespräche mit privaten Partnern für das Projekt haben bereits stattgefunden, auch die Ideenstudie liegt vor. Diese Pläne werden in den kommenden Monaten weiter konkretisiert. Nächstes Jahr sollte das Geschäft in den Stadtrat kommen, danach berät das Stadtparlament über das Vorhaben.

Wann die St.Galler Stimmbevölkerung über das Projekt entscheidet, ist noch nicht klar – vor 2022 dürfte es aber nicht so weit sein. Und dann soll es schnell gehen: Bereits 2025 will die Stadt in der Martinsbrugg nachfeuern, bis 2030 folgt dann der Ausbau des Leitungsnetzes.

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