Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Die Solikarte wird zehn: Einkaufen und Cumulus-Punkte Bedürftigen spenden

Wer mit der Solikarte einkauft, spendet die Cumulus-Punkte Bedürftigen. Das Projekt stand zweimal vor dem Aus.
Marlen Hämmerli
Debora Buess sammelt seit zehn Jahren mit der Cumulus-Karte für Bedürftige. (Bild: Urs Bucher)

Debora Buess sammelt seit zehn Jahren mit der Cumulus-Karte für Bedürftige. (Bild: Urs Bucher)

An ein Datum erinnert sich Debora Buess genau. Vor fünf Jahren schloss die Migros ihr Cumulus-Konto und damit jenes der Solikarte. Das Konto gehörte Buess alleine – bis die St.Gallerin anfing, den Strichcode an Freundinnen und Freunde weiterzugeben. Ja, allen, die ihr begegneten. Die Idee der Solikarte war geboren. Dieses Jahr feiert die Solikarte den zehnten Geburtstag. Und das, obwohl sie zweimal vor dem Aus stand.

Der Gedanke hinter der «Solidaritätskarte» ist simpel. Statt für sich Cumulus-Punkte zu sammeln, gibt man sie weiter. Die blauen Gutscheine der Migros gehen so an Projekte, die abgewiesene Flüchtlinge und Sans-Papiers unterstützten. «Wenn man nicht in einer prekären Situation lebt, sind die Migros-Gutscheine nicht sehr relevant», sagt die 28-Jährige.

«Wenn man aber zusammen sammelt, ergibt das für Personen in prekären Verhältnissen einen relevanten Beitrag.»

Als das Projekt wächst, wird die Migros aufmerksam

Im Solidaritätsnetz Ostschweiz findet Buess schnell einen ersten Abnehmer. Innert zwei Jahren steigen die Gutscheinauszahlungen auf über 500 Franken pro Monat. Die Solikarte wächst. Buess und ihre Mitstreitenden tragen es in weitere Städte, unterstützen weitere Organisationen. Dann wird die Migros auf das Konto mit den vielen Cumulus-Punkten aufmerksam.

«Der Zeitpunkt war sicher kein Zufall», sagt Buess heute. Es war eine Phase, in der viele neue Unterstützerinnen und Unterstützer dazukamen. Ende Juni 2012 will die Migros das Cumulus-Konto dann zum ersten Mal schliessen. Die Cumulus-Karte sei eine Haushaltskarte. Durch den Angriff werden die Medien auf das Projekt aufmerksam. Das basisdemokratisch organisierte Kollektiv sammelt Unterschriften, schliesslich lenkt die Migros ein.

Der Angriff hat aber dennoch Folgen: Die Solikarte verbreitet sich nun rasant. Hat sie im Mai 2012 noch Punkte im Wert von gut 600 Franken erhalten, sind es ein Jahr später 20-mal so viel. «Wir haben in der Zeit aber auch Vollgas gegeben», sagt Buess. Eine Website wurde aufgeschaltet, Plastikkarten bedruckt.

Inzwischen lebt Buess in Bern, studiert Geologie. Kurz sitzt sie für die Jungen Grünen im St.Galler Stadtparlament. Doch nach nur einer Sitzung tritt sie zurück. Heute ist Buess in keiner Partei mehr. Dabei wirkt sie – gekleidet in Kapuzenpulli, Jeans-Gilet und viel zu grossen Jeans – wie der Stereotyp eines Juso-Mitglieds. Doch Parteipolitik sei nicht ihr Ding, sagt sie.

«Ich fordere eine radikale Veränderung der Gesellschaft. Mit Parteipolitik erreichen wir die nicht. Es ist sinnvoller, mich ausserhalb der Politik zu engagieren.»

Deshalb arbeitet Buess Teilzeit. Jedoch in der Jugendarbeit und nicht auf ihrem Beruf. «Im Bereich Geologie ist es schwierig, einen Job mit wenig Stellenprozenten zu finden.»

Aktuell engagiert sich Buess in feministischen und antirassistischen Projekten. Für diese wende sie teils gleich viel Zeit auf wie für die Solikarte. Dort ist Buess vor allem zuständig für das Verteilen der Gutscheine, die ihr alle zwei Monate zugeschickt werden. Das Kollektiv verteilt sie abhängig von Bedarf und Einzugsgebiet. Deshalb erhalte auch das Solidaritätsnetz Ostschweiz relativ viel. Von Januar bis Mai 2019 waren es Gutscheine im Wert von 6'500 Franken. Insgesamt schüttete die Solikarte im selben Zeitraum 56'000 Franken aus.

Trotz Datensammelwut existiert die Solikarte weiter

Im Februar 2013 steht das Projekt ein zweites Mal vor dem Aus. Das Sammelkonzept sei künftig aus technischen Gründen nicht mehr möglich, sagt die Migros. «Wir konnten nicht prüfen, ob das stimmt. Zweifelten aber stark daran», sagt Buess.

Über ein Jahr verhandelt das Kollektiv. Die Mitglieder sehen die Datensammelwut des Detailhändlers skeptisch. Schliesslich geben sie aber nach. «Uns war die Unterstützung der Menschen in prekären Lebenssituationen wichtiger.» Seit April 2014 müssen Spendenwillige selbst ein Cumulus-Konto eröffnen und die Migros beauftragen, die Punkte der Solikarte zu spenden. Die Umstellung liess die Spenden von 11'000 auf 4000 Franken pro Monat einbrechen. Weil das Kollektiv nie Daten gesammelt hatte, konnte es die Mitglieder nicht direkt über den Systemwechsel informieren.

Doch die Spendenmenge stieg rasch wieder an. Debora Buess zeigt sich aber überzeugt, dass noch mehr drin liegt. Buess möchte das Projekt weiter «pushen», auch wenn sie seit der Umstellung nicht mehr ihr ganzes Herzblut reinstecke. Sowieso ist ihr die Sensibilisierung mindestens genauso wichtig wie das Sammeln von Spenden. Denn Buess möchte darauf aufmerksam machen, warum Personen in prekären Umständen leben. «Das tut schliesslich niemand freiwillig.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.