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Einwanderin in Rorschach: Die Sehnsucht nach der Heimat bleibt

Luisa Zanni ist eine von vielen Italienerinnen, die ihre Heimat vor 60 Jahren aus Armut verlassen haben. Das Schicksal traf die heute 82-Jährige hart. Schalk und Herzlichkeit gingen ihr dennoch nicht verloren.
Ramona Riedener
Luisa Zanni fand ihre neue Heimat in Rorschach. (Bild: Ramona Riedener)

Luisa Zanni fand ihre neue Heimat in Rorschach. (Bild: Ramona Riedener)

Sie sitzt in der kleinen, einfachen Küche ihrer grossen Altbauwohnung im Zentrum von Rorschach. Luisa Zanni ist geblieben, nachdem ihre Kinder ausgezogen sind und aus der Mamma eine Nonna geworden ist. Die zierliche Italienerin ist adrett zurechtgemacht und trägt ein Kleid mit grosszügigem Blumenmuster. Es ist nicht zu übersehen, dass die 82-jährige Signora einst eine schöne Frau war, der die Italiener hinterher gepfiffen haben. Neben ihr sitzt Elena, die zweitjüngste ihrer vier Kinder. Sie soll übersetzten helfen, denn die Italienerin spricht kein Deutsch, wie viele Einwanderer ihrer Generation. Als sie damals, vor beinahe 60 Jahren in die Schweiz kam, hatte man andere Probleme als die Sprache zu lernen oder sich zu integrieren.

Die Worte sprudeln nur so aus Luisa Zanni heraus, als sie von ihrer Heimat und ihrer Kindheit im winzigen Dorf Roccamontepiano in der Provinz Chieti, der italienischen Region Abruzzen erzählt. Die klaren Augen drücken Fröhlichkeit, Sehnsucht, Trauer oder Angst aus, wenn sie sich zurück erinnert an ihre Eltern und Geschwister, an die Kühe, Schweine und Schafe auf dem Hof oder an die Wölfe in den nahen Bergen und den Krieg.

In der Heimat gab es kaum Geld zum Leben

Die Bauernfamilie mit den drei Töchtern und zwei Söhnen war arm. Die Tiere und der Ackerbau lieferten gerade so den Lebensunterhalt der Selbstversorger. Waren, um auf dem Markt zu verkaufen, blieben nicht viele übrig, Geld war rar. Die Erinnerung an hausgemachte Pasta, Salsiccias, Tomatensugo und das eingelegte Gemüse, zaubern nicht nur ein Leuchten in die Augen der Nonna, sondern auch ein einstimmiges Nicken ihrer Tochter Elena:

«Ja, meine Mutter macht heute noch die beste Pasta der Welt.»

Obwohl sie damals noch ein kleines Mädchen war, sind die Weltkriegsjahre immer noch im Gedächtnis von Zanni. «Die Deutschen nahmen uns alles weg und bombardierten unsere Brücken», erzählt sie und ihr Gesichtsausdruck wechselt, als sie von den Amerikanern berichtet, die danach als grosse Retter gefeiert wurden.

Das nur 30 Kilometer entfernte Meer war damals ganz weit weg für die Bewohner des Dorfes, denn Autos gab es kaum. Die Zukunftsaussichten der Jugend, die meist kaum Schulbildung hatten, waren nicht rosig. So reiste Zanni mit ihrer Cousine und einem Arbeitsvertrag in der Tasche im November 1960 im Zug Richtung Schweiz.

«Ich hatte grosse Sehnsucht nach Italien und Heimweh nach meiner Familie»

erzählt die Südländerin von den ersten Monaten in der Schweiz.

Etwas besser ging es ihr, als im Frühling die ersten Blüten aus dem Winterschlaf erwachten und sie den gut gekleideten Antonio kennen lernte: Er pfiff ihr nicht nur hinterher, sondern meinte es ernst mit ihr. Fortan sollte Rorschach das neue Domizil von Luisa Zanni und ihrem neapolitanischen Ehemann sein. Als kurz hintereinander die zwei Söhne und zwei Töchter zur Welt kamen, hatte die junge Mutter neben ihrer Familie und der Arbeit in der Fabrik keine Zeit mehr für Heimweh. Nur in den grossen Sommerferien zog die Familie los, zuerst mit der Bahn, später im Auto, um ihre Familien und die Heimat zu besuchen.

Schicksalsschlag trennte Luisa Zanni von ihrem Mann

Ein tragischer Unfall änderte allerdings das Leben der Familie Zanni auf einen Schlag: Auf der Rückfahrt aus dem geliebten Italien verunglückten die Eltern und ihre beiden Töchter am 4. August 1990 mit dem Auto im San Bernardino. Während die drei Frauen schwere Verletzungen erlitten, starb Antonio Zanni an den Unfallfolgen. Die Hoffnung, in der Schweiz doch noch eine neue Heimat zu finden und mit ihrem Mann nach einem arbeitsamen Leben den Ruhestand und die Enkelkinder zu geniessen, zerbrach für Luisa Zanni. Auch Italien war für sie ferner denn je, an Rückkehr war nicht zu denken.

Liebevoll umsorgen die Kinder seither ihre verwitwete Mutter. Den Partner aber können sie nicht ersetzten. Ein Hauch von Wehmut, aber auch Schalk und Herzlichkeit umgibt die Nonna. Resolut und mit einem verschmitzten Lächeln korrigiert sie Tochter Elena, als diese ihren italienischen Wortschall nicht nach ihrem Gutdünken übersetzt, und verrät damit, dass sie längst mehr Schweizerdeutsch versteht, als sie zugeben will.

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