Die Schweiz schreibt Handball-Geschichte - und steht dennoch vor dem EM-Aus

Die Schweizer Handballer gewinnen 31:24 gegen Polen. Es ist der erste Sieg an einer EM seit 16 Jahren.

François Schmid-Bechtel
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Andy Schmid, mit 15 Treffern der Mann des Spiels. (Bild: Ennio Leanza/KEY)

Andy Schmid, mit 15 Treffern der Mann des Spiels. (Bild: Ennio Leanza/KEY)


Sie hätten ziemlich was auf die Schnauze gekriegt, sagte Andy Schmid. Klar, die 34:21-Klatsche gegen Schweden war nicht das, was man erwartet hatte. Umso erstaunlicher, mit welcher Reife, mit welchem Selbstverständnis die Schweizer gestern gegen Polen aufgetreten sind. Der EM-Auftakt zwei Tage zuvor, der sich auch wegen der hohen Nervosität als Debakel entpuppte, war nicht mehr präsent. Die Schweizer Handballer sind gestern definitiv im Turnier angekommen. Sie adaptierten sich an die grosse Bühne.

Aber: Obwohl sich die Geschichte gestern derart positiv entwickelte, wird sie von einer bitteren Note umhüllt. Denn Schweden verlor am Abend mit 19:21 gegen Slowenien, was den Weg der Schweizer in die Zwischenrunde in einen schier unüberbrückbaren Parcours verwandelte. Die Schweiz braucht ein Wunder, um den zweiten Gruppenrang zu erreichen. In Zahlen: Sie muss am Dienstag gegen Slowenien mit acht Toren Differenz gewinnen. Oder hoffen, dass Schweden gegen Polen weniger Punkte holt als die Schweiz gegen Slowenien.

Zurück zum gestrigen Spiel, das so viele positive Erkenntnisse lieferte. Allein schon die Zahl der naiven Schussversuche aus aussichtslosen Positionen, wie auch die Zahl der nicht zu Ende gespielten Angriffe, konnte im Vergleich zum Schweden-Spiel markant gesenkt werden. «Wir hatten viel mehr Ruhe in unserem Spiel», konstatiert Roman Sidorowicz.

Sidorowicz macht die Schweizer unberechenbarer

Der für einen Rückraumspieler mit 1,87 Meter eher kleine Sidorowicz erhielt von Trainer Michael Suter doppelt so viel Einsatzzeit wie gegen Schweden. Was das Spiel der Schweizer unberechenbarer, agiler, variabler machte. Mehr Auslauf für Sidorowoicz bedeutete eine Qualitätssteigerung. Er war es auch, der unmittelbar vor der Pause mit einer Parforceleistung in Unterzahl das 14:12 erzielte.   Für den beim Bundesligisten Melsungen engagierten Spieler hatte die gestrige Partie einen speziellen Charakter. Schliesslich stammt der Vater aus Polen. Sidorowicz selbst absolvierte «zwischen acht und zehn Einsätze» für polnische Nachwuchs-Auswahlen.

Ein anderer Hauptakteur war Goalie Portner. Gegen Schweden noch eher wacklig, war seine Körpersprache gestern eine ganz andere. Der Captain strahlte von Beginn weg Selbstsicherheit aus, selbst wenn mal ein Ball in der Torhüterecke durchflutschte. Doch je länger die Partie dauerte, mündete seine Attitüde in eine Arroganz im positiven Sinn. So nach Motto: Schiesst nur, ich bin heiss. Spätestens nach seiner Glanzparade beim Stand von 27:22, als er einen «Flieger» des stärksten polnischen Angreifers Szymon Sicko entschärfte, war klar: Portner ist ein Held, zumindest für dieses Spiel. Kommt dazu, dass er seine Statistik von 29 Prozent abgewehrter Schüsse mit zwei Treffern ins leere Tor polierte.

15 Tore oder der Andy-Schmid-Wahnsinn

Der alles überragende Spieler war Andy Schmid. 15 Tore, alle fünf Penaltys verwertet. Immer wieder Verantwortung übernommen, wenn das Spiel der Schweizer kurz stockte. Und immer wieder war es seinen teils atemberaubenden Aktionen zu verdanken, dass die Schweiz die Polen auf Distanz halten konnte. Schmid resümierte:

«Wichtiger als die zwei Punkte ist für mich, dass die Fortschritte, die wir in den letzten Jahren gemacht haben, erkennbar waren. Aber trotzdem gehören wir nun nicht gleich zur Weltspitze.»

Ähnlich sieht das auch Trainer Suter. Zwar spricht er von einem grossen Kapitel, das seine Mannschaft gestern geschrieben hat. Und er zeigte sich erfreut, dass «die Spieler jene Dinge gemacht haben, die sie auszeichnen.» Aber noch bevor Suter das Resultat des Abendspiels kannte, das die Schweiz in eine komplizierte Ausgangslage manövriert, sagte er auch: «Wir halten den Ball flach.»