Die Schreiberin vom See

Die Rorschacher Schriftstellerin Anna Stern stellt ihr neuestes Werk in der Hafenstadt vor. Sie erklärt ihre starke Verbindung zum Bodensee und verrät, wie weit sie schon mit ihrem nächsten Buch ist.

Lisa Wickart
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Die 29-jährige Anna Stern schreibt nicht nur Bücher, sondern doktoriert auch an der ETH Zürich. (Bild: Lisa Wickart)

Die 29-jährige Anna Stern schreibt nicht nur Bücher, sondern doktoriert auch an der ETH Zürich. (Bild: Lisa Wickart)

Manchmal ist er so stürmisch, dass er Schiffe ins Wanken bringt und das Wasser mit Schwung über das Ufer spritzt. Ein anderes Mal wirkt er seelenruhig, und wenn keine Wolken zu sehen sind, spiegelt sich das helle Blau des Himmels in ihm. Der Bodensee – für Autorin Anna Stern ist er die wohl grösste Inspirationsquelle. «Die Weite des Sees gibt mir Raum für frische Gedanken», sagt die gebürtige Rorschacherin.

In Anna Sterns Büchern spielt das Wasser immer wieder eine grosse Rolle. Schon ihr zweites Buch «Der Gutachter» ist ein Krimi, der sich am Bodensee abspielt. Auch in ihrem neusten Roman «Wild wie die Wellen des Meeres» kommt der See vor. Die Geschichte dreht sich um die Beziehung von Kommissar Paul Faber und Ava Garcia, die beiden Personen, die im «Gutachter» zum ersten Mal vorgekommen sind. «Ich habe damals viel in der Geschichte offen gelassen und diese Lücken wollte ich nun schliessen», sagt sie.

Buchvorstellung im «Treppenhaus»

Der Titel des neuen Buchs «Wild wie die Wellen des Meeres» hat verschiedene Bedeutungen, sagt Stern. Zum einen sei es ein Satz, den Paul Faber zu Ava Garcia sagen könnte. Zum anderen könne man mit dem Titel sowohl die Nordsee als auch den Bodensee beschreiben, beides Gewässer, die in der Geschichte eine grosse Rolle spielen.

«Zudem ist es fast schon ein Gag, dass meine Bücher immer etwas mit dem Wasser zu tun haben»

sagt die Autorin und lacht. Heute Donnerstag gibt Anna Stern in Rorschach die erste grosse Buchvorstellung ihres neuen Romans.

Anna Stern hat ein besonders Jahr hinter sich. Vergangenen Juli wurde sie mit dem 3sat-Preis am Klagenfurter Bachmann-Preislesen ausgezeichnet. Im Dezember hat auch der Kanton St. Gallen sie für ihre Arbeit mit dem Förderpreis für Kultur ausgezeichnet. «Das kam aus heiterem Himmel», sagt die Autorin. Eigentlich habe sie sich lediglich für einen Werkbeitrag beworben. Plötzlich sei ein Couvert gekommen, worin stand, dass sie den Förderpreis gewonnen hat. «Ich habe mich so gefreut», sagt sie.

«Überall kommen Erinnerungen hoch»

Stern ist in Rorschach aufgewachsen, lebt aber mittlerweile seit sieben Jahren in Zürich. Einmal im Monat fährt sie zurück in die Ostschweiz, um ihre Familie und Freunde zu treffen. Was sie an Rorschach vermisse, sei der See. Der Zürichsee sei für sie nicht vergleichbar mit dem Bodensee. «Mir fehlt einfach die Weite des Wassers», sagt sie. Rorschach macht für Stern aus, dass sie sich dort so vertraut fühlt: «Wenn ich durch die Stadt spaziere kommen überall Erinnerungen hoch.» Hier werde sie auch öfter auf der Strasse angesprochen als in Zürich. Darüber freue sie sich auch meistens, wenn sie gerade Zeit habe.

«Nur manchmal finde ich es unangenehm in Rorschach, dass die Leute, die mich ansprechen mich kennen, ich aber nicht weiss wer sie sind», sagt sie.

Die 29-Jährige ist nicht nur Autorin, sondern auch Doktorandin der Umweltwissenschaften an der ETH. Auf die Frage, wie sie das Studieren und das Bücherschreiben unter einen Hut bringt, reagiert sie mit einem Lächeln. «Ich habe das Schreiben schon immer nebenbei gemacht», sagt sie. Da sie mit einem 80-Prozent-Pensum doktoriere, könne sie sich ihre Zeit frei einteilen. Bücher lesen oder Statistiken erstellen könne sie beispielsweise auch von zu Hause aus. Ihr Studium habe einen Einfluss auf ihre Arbeit als Schriftstellerin: «Ich komme gerne auf den Punkt.» So sei es auch beim Schreiben eines Manuskripts einer naturwissenschaftlicher Publikation, wo sie nur das Nötigste aufschreibt.

Schreiben ohne Genres

Inspirieren lässt sich die junge Autorin vom alltäglichen Leben. Manchmal reiche nur schon, wenn sie ein Bild oder einen Namen im Kopf habe. Darauf baue sie eine Geschichte auf. «Oft merke ich erst im Verlauf des Schreibens, worüber ich genau schreiben möchte», sagt Stern. Eine Vorliebe für ein bestimmtes Gerne habe sie nicht: «Ich lasse mich nicht gerne schubladisieren.» Nachdem sie den «Gutachter» geschrieben hatte, hätten einige Leute gemeint, dass sie eigentlich nicht gerne Krimis lesen würden, ihr Buch ihnen aber gefallen würde. «Ich finde, dass Genres Leser eher abschrecken», sagt Stern. Man müsse sich einfach auf eine Geschichte einlassen können und sich überraschen lassen, egal ob es ein Krimi oder eine Liebesgeschichte sei.

Anna Stern arbeitet bereits an einem neuen Projekt. Im März vergangenen Jahres habe sie mit einer neuen Geschichte angefangen. Zu viel will sie noch nicht verraten, nur, dass der erste Entwurf des Manuskripts bereits fertig sei. «Die Geschichte brauch jedoch noch einiges an Arbeit», sagt sie. Ob sie sich vorstellen, könnte in Zukunft auf das Schreiben zu setzten, verneint sie. «Ich kann mir momentan nicht vorstellen nur eines von beidem zu machen», sagt Stern. Wie es nach dem Studieren weitergeht, will sie sich jedoch noch offen lassen: «Eine Teilzeitstelle und nebenbei schreiben, das klingt doch ganz gut.»

Lesung

Anna Stern liest heute Donnerstag, 24. Januar, um 19.30 Uhr im «Treppenhaus» in Rorschach aus ihrem Buch «Wild wie die Wellen des Meeres».