Die Rückreise gelingt doch noch: Wie es der in Argentinien gestrandete St.Galler Priester zurück in die Schweiz schaffte

Eigentlich hatte sich Lorenz Becker Ende März in Argentinien mit seiner Situation abgefunden. In einem kleinen Appartement in Santa Fe wollte der 73-Jährige ausharren und die behördlich hart durchgesetzte Corona-Ausgangssperre abwarten. Am vergangenen Wochenende ist dem katholischen Pfarrer die Rückreise in die Schweiz doch noch geglückt - nach einigen dramatischen Wendungen.

Ralf Streule
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Gespenstische Ruhe am Flughafen in Buenos Aires. Ein Flugzeug aber startet - Destination Suiza.

Gespenstische Ruhe am Flughafen in Buenos Aires. Ein Flugzeug aber startet - Destination Suiza.

Bilder: Lorenz Becker

Der Edelweiss-Direktflug über Quito und Buenos Aires vom vergangenen Wochenende war wohl einer der letzten Extraflüge in der gross angelegten Corona-Rückholaktion des Bundes. 310 Menschen, die in Südamerika gestrandet waren, sind am Sonntagabend in Zürich gelandet. 169 Schweizer waren dabei – unter anderem Lorenz Becker, der pensionierte St.Galler Pfarrer, dessen delikate Situation in Argentinien an dieser Stelle bereits einmal Thema war.

Mit einem Wohnmobil war der 73-Jährige Ende 2019 in Patagonien gestartet. Eine Panne in Argentinien hielt ihn mitten in der aufziehenden Coronakrise im Land. Tagelang wartete er danach auf einen Rückflug, um sich irgendwann zu entscheiden, während der Ausgangssperre auf eine risikovolle und hektische Reise zum Flughafen in Buenos Aires zu verzichten. Lieber wollte er einige Wochen lang auf 35 Quadratmetern im Appartement ausharren, als sich durch offenbar willkürliche Polizeikontrollen zu kämpfen.

Doch die Geschichte nahm noch einmal eine Wendung, wie Becker über Skype aus Flumserberg erzählt, wo er sich nach der Landung im Ferienhaus des Schwagers in «freiwillige Quarantäne» gesetzt hat. Becker, der St.Galler Oberländer, der jahrelang in Gossau und St.Gallen als katholischer Priester gearbeitet hat, sagt:

Lorenz Becker.

Lorenz Becker.

Bild: pd
«Ich hatte mich in Argentinien auf eine Wartezeit bis mindestens Ende Mai eingestellt. Aber es kam anders.»

Vor zehn Tagen, am hohen Donnerstag, sass er in seinem Appartement in Santa Fe, stellte sich fernab von Freunden und Bekannten auf seltsame Ostertage ein, die ihm als Priester doch so viel bedeuten. Da kam am Abend das Mail von der Schweizer Botschaft: «Wir planen einen weiteren Rückflug von Argentinien nach Europa am Freitag, 17. April. Sind Sie an einem Rückflug interessiert?»

Viele Abklärungen und 24 Stunden später steht fest: Sein Wohnmobil kann am Donnerstag vor der Abreise von Zaraté bei Buenos Aires nach Hamburg verschifft werden.

Er schreibt in seinem Reiseblog: «Die Hektik der Klärungen baut sich wieder auf. Den Passierschein zum Hafen von Zaraté gibt es erst, wenn ich eine Schiffsbuchung vorweisen kann. Und von dort brauche ich einen Passierschein, dass ich zum Flughafen fahren darf. Diesen Passierschein gibt es aber erst, wenn ich eine Reservationsnummer im Flugzeug vorweisen kann.»

Alles ist terminlich und organisatorisch schwierig. Und eigentlich hatte er ja genau diesen Rückreiseaufwand gescheut und deshalb die engen vier Wände in Santa Fe vorgezogen. Aber, ja: Becker ist am Rückflug interessiert. Nun also doch.

Wohnmobilfahrt mit Hindernissen, Verschiffung in letzter Minute

Diese Probleme meistert Becker. Die nächsten folgen bald. Die Ostertage verbringt er im Innenhof beim Appartement alleine: «Mit zwei Eisenstangen und Holzspänen bastle ich mir ein Kreuz an eine freilehnende Glastüre. Der Stein ist weggewälzt! Er ist auferstanden», schreibt Pfarrer Becker im Reiseblog, um gleich darauf weniger gute Nachrichten zu vermelden.

Am Ostermontag erfährt er, dass sein Mobil schon am Mittwoch in Zaraté sein muss. Knapp 400 km gilt es zurückzulegen, aufgrund der vielen Strassensperren und harten Polizeikontrollen ein schwieriger Weg. Er verabschiedetet sich auf die Schnelle vom Appartementsbesitzer, der ihm mittlerweile ans Herz gewachsen ist, lässt sich per Taxi zum Wohnmobil fahren, das im Innenhof einer Autowerkstatt auf ihn wartet. Ein Test zusammen mit Mechaniker Augusto zeigt: Der Wohnwagen läuft!

Doch kurz darauf, nachdem alles gepackt und vorbereitet ist, geht nichts mehr. Becker schreibt:

«Fünfmal nichts. Das Ladegerät wird angehängt. Nichts geht. Das bedeutet die Verschiffung absagen. Ich muss, weil so kurzfristig, dennoch den vollen Betrag bis Hamburg bezahlen. Das Wohnmobil bleibt hier und ich werde am Sankt Nimmerleinstag wieder herfliegen, um es zu verschiffen und wieder zurückfliegen.»

Die letzte Hoffnung liegt in einem Startergerät Augustos. «Nur so kann ich die Verschiffung heute noch retten.» Und tatsächlich: Eine Stunde später macht sich Becker auf in Richtung Meer.

Am Abend erreicht Becker Zaraté, am Stadteingang misst ein Soldat seine Temperatur, beim Hafen ein Polizist noch einmal. Wer Fieber hat, darf nicht weiter. Becker wird durchgelassen. Doch: Bei der zweiten Kontrolle geht der Motor wieder nicht an. Und am nächsten Morgen, als das Wohnmobil verschifft werden sollte, dasselbe Spiel. Als es endlich klappt, kommt - eine Temperaturmessung später - die nächste Prüfung. Der Zoll. Becker schreibt in seinem Reiseblog süffisant:

«Der Zollbeamte im Hafengelände wirkt für mich eine Spur zu pflichtbewusst.»

Was im Klartext heisst: Stundenlang wird Beckers Wohnmobil untersucht, der Beamte klopft Türen ab, legt sich unter das Auto, Drogenhunde kommen zum Einsatz. Medikamente, die Becker in einem «Geheimfach» gelagert hat und die er vielleicht nicht hätte mitführen dürfen, verpasst der eifrige Beamte aber haarscharf. «Nachdem alle meine Engel diesen pflichtbewussten Zöllner an meinem Festtag geblendet haben, kann ich das Wohnmobil zum Verladeplatz fahren.» Doch: Wieder streikt der Motor.

Die Zeit wird knapp, es geht um Minuten. Endlich findet und behebt Becker das Problem: einen Wackelkontakt bei der Batterie.«In letzter Minute habe ich das Wohnmobil vor einem Abschleppen in Zaraté auf und in Hamburg von dem Fährschiff gerettet. Jetzt, wo ich endlich weiss, wieder ein tolles, fahrtüchtiges, treues Wohnmobil vor mir zu haben, muss ich es für vier Wochen den Meeresungeheuern im Atlantik überlassen.» Sein Gefährt ist verschifft, er selber macht sich mit obligatorischem Mundschutz auf die Taxifahrt zum Hotel in Buenos Aires, wo die in Argentinien steckengebliebenen Schweizer sich versammeln.

Berührende Szenen am Flughafen

Diese erzählen davon, dass sie zum Teil von der Polizei und der Bevölkerung sehr abweisend behandelt wurden und Rechtsschutz von der Botschaft brauchten, um sich zum Flughafen bewegen zu können. «Ich hingegen hatte auf meiner Reise nur Freunde angetroffen. Wie glücklich bin ich im Vergleich zu vielen anderen Gestrandeten», schreibt Becker. Wem er das ganze zu verdanken habe? «Weil ich Pfarrer bin, geben einige sofort die Antwort: ‹Der liebe Gott!› Ja natürlich. Aber ohne sein Personal auf Erden scheint er mir weltweit ziemlich hilflos. Sein Personal verschafft mir in Kürze eine Verschiffung und gleichzeitig den Rückflug...»

Mit einigen Stunden Verspätung geht die Reise zurück nach Europa für Becker schliesslich los. Berührende Szenen spielen sich am Flughafen ab, wie er sagt:

«Eine Norwegerin weinte über die Nachricht, dass für sie im Flugzeug kein Platz mehr ist. Später stellt sich heraus: Es wären noch vier freie Plätze da gewesen.»

Im Flugzeug dann ist viel Ruhe, alle hängen ihren Geschichten nach. Becker ist besonders darüber enttäuscht, dass er dem Land so schnell den Rücken zukehren musste, sich von Freunden nicht verabschieden konnte, die er in Santa Fe kennengelernt hatte und die ihn zu sich eingeladen hatten - für die Zeit nach der Ausgangssperre. Eine Rückkehr nach Argentinien aber nimmer er sich nicht vor.

Nach der Ankunft in Zürich dürfen alle zwei Minuten nur zwölf Leute aussteigen, bei der Gepäcksausgabe wird auf Abstände geachtet - die Vermischung der Passagiere soll, trotz gemeinsamem Flug, möglichst klein gehalten werden. Lob gibt es von Becker für alle Passagiere, die weder Verspätungen noch diese nötigen Umstände aus der Ruhe bringen. Und fürs Personal, dass vom Bund bewilligte Extraschichten einlegen musste, um diesen Direktflug in die Schweiz über Quito und Buenos Aires überhaupt möglich zu machen.

Sobald Becker aus seiner selbst gewählten Quarantäne kommt, wird er bei Schwester und Schwager wohnen. Doch sein Wohnwagen soll so bald als möglich wieder sein zuhause sein. Er wird es in Hamburg abholen, sobald die Grenzen wieder offen sind. Deutsche Freunde werden es unterdessen abholen und bei sich abstellen. Vielleicht wird Becker dann nicht sofort wieder auf Reisen gehen, sondern in Vilters auf dem Grundstück bei Verwandten im Wohnmobil leben. Eines ist aber im Gespräch gut zu spüren: Das Interesse an anderen Ländern und Völkern wird ihn, der seit seiner Pensionierung 2011 auf Reisen ist, bald wieder forttreiben.

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