Die Region St.Gallen braucht einen Quantensprung im öffentlichen Verkehr: Planung rasch starten

Um nicht abgehängt zu werden, braucht die Stadtregion St.Gallen im öffentlichen Verkehr kurzfristig Optimierungen. Dies vor allem bei der S-Bahn. Langfristig aber sei ein Quantensprung im ÖV nötig - mit oder ohne Tram, hiess es am Samstag an einer Podiumsveranstaltung der IG öffentlicher Verkehr Ostschweiz im St.Galler Busdepot.

Reto Voneschen
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Ein Tram für St.Gallen? Zu einer Machbarkeitsstudie der Stadt gehörten auch verschiedene Illustrationen wie sich ein Tram im Strassenraum präsentieren könnte. Im Bild beim Einkaufszentrum Grossacker in St.Fiden. (Illustration: Stadt St.Gallen - 31. Dezember 2012)

Ein Tram für St.Gallen? Zu einer Machbarkeitsstudie der Stadt gehörten auch verschiedene Illustrationen wie sich ein Tram im Strassenraum präsentieren könnte. Im Bild beim Einkaufszentrum Grossacker in St.Fiden. (Illustration: Stadt St.Gallen - 31. Dezember 2012)

Die Meinungen auf dem Podium der IG öffentlicher Verkehr (IGöV) waren überraschend einhellig. Im öffentlichen Verkehr in und um die Stadt St.Gallen, aber auch auf den ÖV-Verbindungen in die übrige Schweiz braucht es Verbesserungen. Kurzfristig muss das bestehende ÖV-System optimiert und ausgebaut werden. Mittel- und langfristig braucht es neue Visionen und Modell für den ÖV. Ein Tram sei dabei nur eine mögliche Lösung; es gebe auch noch andere Möglichkeiten.

Der Podiumsanlass vom Samstagvormittag im St.Galler Busdepot war prominent besetzt. Neben dem St.Galler Stadtrat Peter Jans und seinem Vorgänger Fredy Brunner diskutierten FDP-Stadtparlamentarier Remo Daguati, Rolf Geiger von der Regio AR-St.Gallen-Bodensee und FDP-Kantonsrätin Isabel Schorer. Moderiert wurde die Diskussion von IGöV-Vizepräsident Felix Gemperle. Im rund 60-köpfigen Publikum sassen auch Regierungsrat Bruno Damann und der neugewählte GLP-Nationalrat Thomas Brunner.

Tram ist vorläufig «auf Eis gelegt»

Ausgangspunkt für die Diskussion war der Entscheid der St.Galler Stadt- und Kantonsregierung vom September 2017, das Projekt eines Trams in der Längsrichtung der Stadt St.Gallen vorläufig «auf Eis zu legen». Dies mit der Begründung, derzeit liessen sich die ÖV-Probleme von Stadt und Region mit der Optimierung und dem Ausbau des bestehenden Systems erreichen. Insofern gebe es noch keinen Handlungsbedarf.

Der Entscheid löste damals öffentlichen Widerspruch auch bei alt Stadtrat Fredy Brunner aus: Die Stadt St.Gallen müsse jetzt ihre ÖV-Zukunft vorbereiten. Die Realisierung eines Trams benötige viel Zeit. Man müsse damit rechnen, dass vom Beginn der Planung bis zur ersten Fahrt 15 Jahre ins Land zögen. Entsprechend dürfe man jetzt nicht die Hände in den Schoss legen, sondern müsse loslegen.

Kurzfristig: Bus und S-Bahn ausbauen

Diese Haltung wurde am Samstag auf dem IGöV-Podium weitgehend geteilt. Für Stadtrat Peter Jans muss kurzfristig das Bussystem ausgebaut werden. Der Bus bleibe für die Feinverteilung in der Fläche wichtig. Er müsse im Verkehr konsequent bevorzugt werden. Zudem müsse man Engpässe und Hindernisse beseitigen, die zu Verspätungen führten. Man wisse ja genau, wo vor allem in der Längsachse der Stadt Busse Verspätungen «einsammelten».

Ebenfalls nötig ist für Jans ein echter 15-Minuten-Takt der S-Bahn an allen Stadtbahnhöfen, also auch in Winkeln, Bruggen und im Haggen. Da müsse schnell etwas geschehen. Dabei müsse man auch die Idee, die Bahnhöfe Bruggen und Haggen einander geografisch näher zu bringen im Auge behalten.

Langfristig bleibt das Tram eine Option

Eine weitere Voraussetzung für eine gute ÖV-Zukunft der Stadt ist für Peter Jans langfristig die organisatorische Zusammenlegung der städtischen Verkehrsbetriebe, der Regiobus Gossau und der Appenzeller Bahnen. Dies, damit man den regionalen ÖV aus einem Guss denken könne und nicht jeder Betrieb für sich betriebswirtschaftliche Optimierung betreiben müsse.

Für Peter Jans bleibt das Tram eine Option für die Zukunft. Auch die Idee von Hubs am Stadtrand, an denen ÖV-Passagiere aus der Region aufs Tram umsteigen müssen, müsse man im Auge behalten. Es gebe Punkte (wie die Lustmühle, Wittenbach oder Winkeln), die sich als Hub eigneten, andere heutige ÖV-Knoten seien dafür weniger oder gar nicht geeignet.

Ohne Kanton geht es nicht

Damit man den ÖV in der Region St.Gallen ausbauen könne, sei man auf den Kanton, konkret den Kantonsrat und die Kantonsregierung, angewiesen. Sie müssten bereit sein, Geld ins ÖV-System zu investieren. Sie müssten auch bereit sein, Vorleistungen zu erbringen, also Geld für etwas auszugeben, was erst in der Zukunft Vorteile bringe.

S-Bahn-Versprechen nicht eingehalten: Heute weisen die Bahnhöfe Bruggen und Winkeln faktisch einen Halbstundentakt auf. Seinerzeit beim Aufgleisen der St.Galler S-Bahn war vom Viertelstundentakt die Rede gewesen. Hier gibt's nach Meinung der Teilnehmer am IGöV-Podium dringenden Nachbesserungsbedarf. (Bild: Ralp Ribi - 3. September 2018)

S-Bahn-Versprechen nicht eingehalten: Heute weisen die Bahnhöfe Bruggen und Winkeln faktisch einen Halbstundentakt auf. Seinerzeit beim Aufgleisen der St.Galler S-Bahn war vom Viertelstundentakt die Rede gewesen. Hier gibt's nach Meinung der Teilnehmer am IGöV-Podium dringenden Nachbesserungsbedarf. (Bild: Ralp Ribi - 3. September 2018)

Und für die Reorganisation der ÖV-Träger braucht es gemäss Jans die Bereitschaft der verschiedenen Betriebe, sich an einem solchen Schritt zu beteiligen. Er bezweifelte, dass man heute schon bereit für so einen Schritt sei. Da werde man in den nächsten Jahren noch viel Überzeugungskraft leisten müssen.

Und, so wurde in der Podiumsdiskussion kritisch aus dem Publikum angemerkt, die Stadt hat auch noch selber Hausaufgaben gerade bei der Eigentrassierung für den ÖV zu erledigen. Bei laufenden Projekten für Strassenraumgestaltungen werde dieser Aspekt vernachlässigt. Das sei ein Problem im städtischen Tiefbauamt, bestätigte dazu alt Stadtrat Fredy Brunner. Dieses habe schon zu seiner Amtszeit bestanden.

Thema nicht länger vor sich herschieben

Fredy Brunner stellte sich in der Diskussion hinter die Ausführungen von Peter Jans: Es sei wirklich erfreulich, dass sich die Meinungen «eines ‹alten› Stadtrats und eines ‹jungen› Stadtrats» in einem so wichtigen Thema deckten. Es gehe ihm nicht darum, das Tram oder die S-Bahn gegeneinander auszuspielen. Es sei ihn vielmehr langfristig ein Anliegen, dass es im Stadtsanktgaller ÖV zu einem Quantensprung komme.

Bei der Entwicklung von Ideen und Projekten dafür müsse die Stadt den Lead übernehmen. Sie müsse der Treiber sein, das Feuer nach aussen tragen. Und angesichts der Fristen, die mit der Realisierung grosser Projekte heute verbunden seien, müsse man jetzt an die Arbeit gehen. Man dürfe die Fragen zur ÖV-Zukunft nicht länger vor sich herschieben, forderte Fredy Brunner.

Gefahr für den Wirtschaftsstandort St.Gallen

FDP-Stadtparlamentarier Remo Daguati gab sich als «tramkritisch» zu erkennen. Aber auch er forderte «einen längerfristigen Befreiungsschlag» in Sachen ÖV für Stadt und Region St.Gallen. Aufgrund nationaler Entwicklungen drohe St.Gallen als Wirtschaftsstandort abgehängt zu werden. Dabei spiele die ÖV-Anbindung eine wichtige Rolle.

Auch ein Thema bei der ÖV-Zukunft in der Region St.Gallen bleibt die Reorganisation von Stadtsanktgaller Verkehrsbetrieben, Regiobus Gossau (Bild) und Appenzeller Bahnen zu den Verkehrsbetrieben Region St.Gallen, zu den VRSG. (Bild: Mareyche Frehner - 25. Mai 2014)

Auch ein Thema bei der ÖV-Zukunft in der Region St.Gallen bleibt die Reorganisation von Stadtsanktgaller Verkehrsbetrieben, Regiobus Gossau (Bild) und Appenzeller Bahnen zu den Verkehrsbetrieben Region St.Gallen, zu den VRSG. (Bild: Mareyche Frehner - 25. Mai 2014)

St.Gallen habe in den vergangenen Jahren wissensbasierte Arbeitsplätze verloren. Das hänge damit zusammen, dass es aufgrund der mangelhaften Anbindung an den Rest der Schweiz schwerer falle, Fachkräfte zu rekrutieren. Man müsse beim Thema ÖV einerseits bei der nationalen Anbindung, anderseits bei der Verbesserung der regionalen und innerstädtischen Verbindungen am Ball bleiben.

S-Bahn braucht rasche Verbesserungen

Für Remo Daguati muss kurzfristig das bestehende ÖV-System, vor allem die S-Bahn, optimiert und ausgebaut werden, und zwar rasch. Langfristig brauche es dann den grossen Wurf, wenn St.Gallen mit dem Rest der Schweiz mithalten wolle. Wenn man 2045 beim übernächsten grossen Ausbauschritt des Schweizer ÖV-Systems dabei sein und Geld in Bern abholen wolle, müsse man jetzt Ideen und Planungen auf den Weg bringen.

Rolf Geiger wiederum betonte die Bedeutung von ÖV-Projekten als Taktgeber für die Stadtentwicklung. Ein Tramprojekt dürfe man nicht nur von seinen Kosten her beurteilten. In der politischen Wertung müsse auch andere positive Effekte auf die Stadt mitberücksichtigen. So ein Grossprojekt löse nämlich immer auch eine Dynamik aus, die für die Gesamtentwicklung von Stadt und Region positiv sei.

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