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«Die Polizei ist uns egal»: Dubiose CD-Verkäufer verunsichern St.Galler Passanten

In der Stadt St.Gallen versuchen angebliche Musiker aus Osteuropa, ihre CDs zu verkaufen. Sie geben vor, die Band gebe nächstens Konzerte in der Region. Die Polizei ist den vermeintlichen Rockstars bereits auf den Fersen.
Raphael Rohner
In der Stadt St.Gallen werden selbstgebrannte CDs auf der Strasse verkauft. (Symbolbild: Raphael Rohner)

In der Stadt St.Gallen werden selbstgebrannte CDs auf der Strasse verkauft. (Symbolbild: Raphael Rohner)

«Da ist doch was faul, und zwar gewaltig», schreibt ein User auf Facebook. Er sei kürzlich in St.Gallen von einer Gruppe Jugendlicher fast dazu genötigt worden, die CD einer Metalband zu kaufen. Und tatsächlich: In St.Gallen erzählen viele darauf angesprochene Passanten, sie seien auch von einer Gruppe Musiker aus dem Baltikum angegangen worden. Bei einigen Leuten sorgte die nachdrückliche Verkaufstaktik der Musiker für Verunsicherung.

«Do you speak english and like rock music?»: Das fragte ein junger Musiker einige Schülerinnen. Er habe sich ihnen schon fast aggressiv in den Weg gestellt und sei beharrlich geblieben, berichten sie. Der Mann war nicht allein:

«Sie waren mindestens zu zweit und wollten uns unbedingt ihre CDs verkaufen.»

Auch hätten sie angedeutet, dass man ohne Bargeld zahlen könne.

Auch verschiedene «Tagblatt»-Redaktoren kamen schon in Kontakt mit der Gruppe. In Wil sprachen die dubiosen CD-Verkäufer im Herbst gar Automobilisten an einer Tankstelle an. Am Dienstag waren die Strassenverkäufer in St.Gallen unterwegs – mehrheitlich auf dem Bahnhofplatz. Am Mittwoch wurden sie dann in Rorschach gesichtet.

Band soll Konzerte spielen – Veranstalter wissen von nichts

Wenn man den Bandnamen «Illumenium» bei Google eingibt, erscheinen Meldungen aus ganz Europa über die Aufdringlichkeit der Band. Auf den Strassen stehen nicht nur Mitglieder der Formation, sondern auch Promoter, die sich als Mitglieder der Band-Crew ausgeben. Sie gaben meist an, auf Promo-Tour für einen Auftritt in der Stadt zu sein. Die Internetrecherchen zeigen, dass die Band in der Vergangenheit immer wieder solche Gruppen losgeschickt hat – allenfalls sind es gar mehrere gleichzeitig. Es finden sich Meldungen aus Basel, Zürich oder Schaffhausen. Auch aus Österreich gibt es zahlreiche Meldungen.

Das «Tagblatt» hat einen der CD-Verkäufer in St.Gallen angesprochen. Er heisst Kristo und sagt nach Rückfrage, dass er tatsächlich nicht selbst in der Band spielt, sondern nur Promoter ist. Kristo scheint von den Meldungen im Internet nichts zu wissen. Tendenziell weiss er relativ wenig über die Band, deren Musik er in seinen Händen hält.

In St.Gallen sagten die Verkäufer den Leuten, dass die Band bald Konzerte in der Grabenhalle und an einem Festival gebe. Kurios daran: Weder bei der Grabenhalle noch bei hiesigen Festivalbüros oder anderen Ostschweizer Musikklubs ist die Band in den nächsten Monaten gelistet.

Verwüstete Hotelzimmer und Hausverbot

Ihr bisher einziges Konzert in der Ostschweiz gaben «Illumenium» in Wil. 2015 spielte die Band im «Gare de Lion». Der Programmverantwortliche des Clubs, Mike Sarbach, sagt: «Sie waren etwas verpeilt, aber eigentlich völlig in Ordnung.»

Andernorts verliefen Konzerte der Band nicht so geordnet. Der Formation haftet ein zweifelhafter Ruf an – die Rede ist von verwüsteten Hotelzimmern und gestohlenem Equipment. In zahlreichen Lokalen in ihrer Heimat Estland soll die Band gar Hausverbot haben.

Verkauf von CDs auf der Strasse ist illegal

Auf Nachfrage waren der Stadtpolizei St.Gallen anfänglich keine Strassenverkäufer bekannt. Dann jedoch fielen die Musikpromoter auch einem Polizisten auf. Dieser schickte sie weg, denn der Verkauf ist illegal. Dionys Widmer, Mediensprecher der St.Galler Stadtpolizei, sagt:

«Ein Verkauf von CDs ist nicht erlaubt, weshalb wir Passanten bitten, Vorfälle der Polizei zu melden. Wenn wir Personen feststellen beziehungsweise anhalten, welche CDs verkaufen, dann könnte dies zu einer Anzeige führen.»

Am Dienstagabend rückte gar eine Patrouille aus, um die Verkäufer zu kontrollieren, doch suchten diese das Weite und entkamen der Polizei.

Schlagzeuger: «Wir wollen eigentlich keinen Ärger»

Doch was genau steckt hinter den Verkäufen auf St.Galler Strassen? Schlagzeuger Kevin erklärt via Facebook-Messenger die Verkaufsstrategie:

«Wir reisen überall in Europa herum und verkaufen unsere Musik ohne all die grossen Unternehmen.»

Man wolle ein Zeichen gegen den kommerzialisierten Musikverkauf setzen, darum verkaufe man die Musik direkt.

Ein offizielles Interview auf der Strasse wünschen die Angehörigen der Band und die Promoter nicht. Auch wollen sie nichts davon wissen, vor der Polizei geflüchtet zu sein. Der Drummer schreibt via Facebook:

«Wenn die Polizei uns schnappen wollte, hätte sie es schon lange geschafft. Uns ist die Polizei eigentlich egal. Wir machen so oder so unser Ding, wenn auch im Untergrund.»

Er sei schon mehrere Male von der Polizei kontrolliert worden, doch gefunden hätten die Polizisten nichts: «Sie machen sicher einen guten Job, doch hält uns so schnell nichts auf.» Er bedauert, dass sich Leute offenbar von den Promotern bedrängt gefühlt haben, und entschuldigt sich dafür: «Wir wollen ja eigentlich keinen Ärger.»

CD-Verkäufer machen sich aus dem Staub

Offen bleibt die Frage nach der Finanzierung der Leute auf der Strasse. Gemäss Recherchen sind die Promoter auf der Strasse meist Studenten und Arbeitslose. Laut Aussagen der Band sind die Promoter von der Band angestellt und Teil der Crew. Sie reisen als Gruppe durch Europa und leben vom CD-Verkauf. Ob sich dies rechnet, wollte niemand sagen. Die Gruppe will noch einige Tage in der Schweiz bleiben und dann weiterreisen.

Und was sagt die Gruppe zum Vorwurf, dass ihr Tun illegal sei? «Das wissen wir», gibt Kristo, der Verkäufer, knapp zu. «Die Polizei hat uns schon ein paar Mal weggewiesen.» Dann werden die Fragen Kristo und den anderen unangenehm. Auch die Frage nach Kristos Alter – er wirkt sehr jung – und wieso er dies mache, beantwortet er nicht mehr.

Das Grüppchen sucht schliesslich das Weite. Versuche, ihnen zu folgen, bleiben erfolglos. Die dubiosen CD-Verkäufer beschleunigen, trennen sich und verschwinden in einer dunklen Seitenstrasse hinter dem Neumarkt.

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