«Kein Friede, Freude, Eierkuchen»: Rorschacher Sechstklässler inszenieren Musical über Flüchtende

Die Flüchtlingskrise ist ein allgegenwärtiges und komplexes Thema. Umso mehr beeindruckt das komplett eigenproduzierte Musical der Rorschacher 6.Klässler über eine libysche Flüchtlingsfamilie.

Rahel Jenny Egger
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Die 6.Klässler des Schulhaus Mühletobel schlüpfen in ihrem neuen Musical eindrucksvoll in die Rollen Flüchtender.                                           Bilder:Rahel Jenny Egger

Die 6.Klässler des Schulhaus Mühletobel schlüpfen in ihrem neuen Musical eindrucksvoll in die Rollen Flüchtender.                                           Bilder:Rahel Jenny Egger


Gleich zu Beginn explodieren Bomben und fallen Gewehrschüsse. Die Familie der 12-jährigen Manira packt Todesangst. Es ist der Vater, der das Unausweichliche ausspricht: «Es ist an der Zeit. Wir müssen weggehen.»

Die Klasse 6e bringt den schrecklichen Kriegsalltag, der Millionen von Familien täglich einholt, auf die Bühne des Schulhauses Mühletobel in Rorschach. Gestern präsentierten sie ihr neues Musical «Die plötzliche Flucht» zum ersten Mal vor Schülerpublikum.

Die Flucht ist ein schwieriges Szenario für ein Kindermusical, dessen ist sich Klassenlehrer Martin Drax Zillig durchaus bewusst. «Ich wollte einfach nicht noch ein weiteres Friede, Freude, Eierkuchen Musical produzieren. Unser Stück sollte aktuell sein und beschäftigen. Um diese Thematik kommt man seit dem Arabischen Frühling kaum mehr herum. Die Kinder beschäftigt das. Vor allem, weil viele selbst einen Migrationshintergrund haben», sagt er.

Durch Schächte und Kofferräume

Das Interesse der Klasse an den Schicksalen der Flüchtlinge scheint gross. Viele von ihnen haben durch die Eltern erfahren, was es bedeutet, vor dem Krieg zu fliehen. So erzählt zum Beispiel Schülerin Anela Asic von den Jugoslawienkriegen und wie die Folgen heute noch in vielen Balkanländern zu spüren sind:

«Meine Eltern wissen, was es heisst, im Krieg zu sein. In Bosnien hat er überall Spuren hinterlassen. Viele junge Menschen haben Probleme, einen Job zu finden und man muss ständig aufpassen, um nicht auf alte Minen zu treten.»

Auch die Eltern von Sham Chandran aus Sri Lanka flohen vor dem Krieg:

«Mein Vater kam mit ungefähr 16 Jahren in die Schweiz. Meine Mutter folgte ihm später nach. Sein jüngerer Bruder war damals erst vier Jahre alt und blieb zurück. Sie konnten kaum Zeit miteinander verbringen. Mittlerweile ist der Krieg aber vorbei und es geht allen gut»,

Erzählt er der Klasse. Alle im Raum sind erleichtert. Simon Chlibec erzählt von seinen Eltern, die damals durch die Mauer zwischen Ost-und Westdeutschland getrennt waren:

«Meine Mutter lebte in der DDR und mein Vater in Westdeutschland. Damals gab es auch viele Flüchtlinge. Sie kletterten durch Schächte oder versteckten sich in Kofferräumen.»

 Andrea Breuss weiss ebenfalls von den Folgen des Krieges zu erzählen:

«Neben dem ehemaligen Heimatdorf meiner Urgrossmutter in Thailand hat es noch immer explosive Kriegsminen.»
Die Musical-Songs sind Eigenkompositionen von Klassenlehrer Martin Drax Zillig. (Bild: Rahel Jenny Egger)

Die Musical-Songs sind Eigenkompositionen von Klassenlehrer Martin Drax Zillig. (Bild: Rahel Jenny Egger)

Die Realität als Skriptgrundlage

Die Schilderungen der Kinder zeigen: Der Krieg hat schon oft zur Flucht gezwungen. So wechseln mit den Kriegsgebieten auch stets die Nationalitäten der Zuflucht Suchenden. Im Musical der Klasse 6e ist es eine Familie aus Tripolis, der Hauptstadt Libyens. Manira, ihr Bruder und ihre Eltern versuchen die Flucht auf einem Schlepperboot nach Italien. Die Handlung ist fiktiv, beruht aber auf der Realität.

«Anfangs habe ich eine Bibliothek mit Büchern zum Thema zusammen gestellt. So konnten die Schüler sich während des Unterrichts in das Thema einlesen. Dann haben wir in Zweiergruppen Fluchtgeschichten geschrieben und am Ende über die Besten abgestimmt», erklärt Zillig die Entstehung der Handlung. Er ergänzt:

«Die Kostüme, die Kulissen, die Dialoge, alles ist von den Kindern erarbeitet worden. Meine Aufgabe war nur das Komponieren der passenden Songs.»

Mehr Empathie für Flüchtende

Auf die Frage, was er beim Publikum erreichen möchte, antwortet Zillig: «Unser Stück soll aufwühlen. Es soll Empathie hervorrufen für die Schicksale der Menschen, die all dies auf sich nehmen, für ein besseres Leben.»

«Wie würdet ihr euch fühlen, wenn man euch abweisen würde?», fragt Dario Migliore. Lara Städler ergänzt: «Sie wollen uns ja nichts kaputtmachen, sondern auch nur ein gutes Leben führen.»

Insgesamt zweimal wird die Klasse das Stück vor Schülern vortragen.Da die Geschichte ziemlich realistisch erzählt wird und den Zuschauer nicht schont, werden nur Schüler ab der dritten Klasse anwesend sein. Die beiden zusätzlichen Elternaufführungen sind bereits ausverkauft.

Am Ende wartet ein Happy End, doch zuvor wird der Zuschauer nicht verschont. (Bild: Rahel Jenny Egger)

Am Ende wartet ein Happy End, doch zuvor wird der Zuschauer nicht verschont. (Bild: Rahel Jenny Egger)