Die Pauluspfarrei wird 50 und hat sich in Gossau zur ersten Adresse für Beerdigungen gemausert

Die Gossauer Pauluspfarrei beherbergt jährlich über 100 Abdankungen. Jetzt feiert sie ihr 50-jähriges Bestehen.

Melissa Müller
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Hans Bösch (links), seit 40 Jahren in der Pauluskirche aktiv, mit dem Mesmerpaar Bertha und Guido Paganini.

Hans Bösch (links), seit 40 Jahren in der Pauluskirche aktiv, mit dem Mesmerpaar Bertha und Guido Paganini.

Bild: Lisa Jenny

Alles ist rund in der schmucklosen Pauluskirche neben dem Friedhof Hofegg. Die geschwungenen Sitzbänke sind wie eine Arena um den Altar angeordnet. «Dadurch kann man gut beinander sitzen, es entsteht ein schönes Miteinander – anders als in einem längsgerichteten Bau», sagt Mesmerin und Hauswartin Bertha Paganini. Der Rorschacher Architekt Arthur Baumgartner erstellte den kühnen Zentralbau um 1970.

Dass man sich darin eher in einem evangelischen Gotteshaus wähnt, obschon es sich um eine katholische Kirche handelt, ist dem Zeitgeist geschuldet. «Vor 50 Jahren herrschte in Gossau eine Aufbruchstimmung», sagt der pensionierte Mesmer Guido Paganini, der noch ein Zehn-Prozent-Pensum hat.

«Damals war bei den Bauten kein Prunk angesagt. Man suchte das Einfache, Schlichte, und sah darin eine tiefere Sinnhaftigkeit.»

Die zwölf weissen Säulen in der Kirche stehen für die Apostel, die sieben Fensterscharten für die Schöpfungstage.

1970 wuchs die Gossauer Bevölkerung rasant

Die Pauluspfarrei blickt in diesem Jahr auch mit verschiedenen kirchlichen Anlässen zurück auf das 50-jährige Bestehen. Am 28. Juni wird etwa ein grosses Fest mit Bischof Markus Büchel gefeiert. Am 26. Juni steigt im Hofeggquartier unter dem Titel «Paulus ruft» ein weltliches Fest mit Glacé, Pizzaofen, Festbänken und Chilbistimmung.

Als die Pauluspfarrei 1970 gegründet wurde, befand sich Gossau im Aufwind. An den Bahngleisen entstand die Lebensmittelindustrie, Migros und Coop bauten ihre Zentralen. Arbeitsplätze wurden geschaffen, junge Familien zogen nach Gossau. Katholiken wollten auf dem Hügel eine zweite Kirche bauen. «Das waren risikofreudige Freigeister», sagt Guido Paganini.

Treibende Kräfte dieser Bewegung waren Unternehmer wie Erich Bubenhofer von Kabe Farben oder der Jurist und Kirchenratspräsident Urs Cavelti.

Nur fünf Hochzeiten pro Jahr

Im Zuge des Vatikanischen Konzils in Rom herrschte in kirchlichen Kreisen ein frischer Wind. In diesem offenen Geist erblühte im Mettendorf eine lebendige Kirchgemeinde. Der 1971 gegründete Paulus-Chor startete mit 36 Mitgliedern. Es wurden Pfarreiabende mit Theater, Tanz, Gesang und Tombola organisiert. Auch einen «Dienstagsclub» für Bastlerinnen und Bastler gab es. Die Frauen organisierten Kinderkleiderbörsen und woben bunte liturgische Teppiche im Stil des damals angesagten Altstätter Malers Ferdinand Gehr.

Nach jeder Sonntagsmesse traf man sich im Pauluszentrum zum Kaffee. Das ist heute noch so: «Das Kaffeetrinken am Sonntag ist seit 50 Jahren kein einziges Mal ausgefallen», betont Hans Bösch, der seit 40 Jahren im Chor singt.

In der Pauluskirche geben sich jährlich höchstens fünf Hochzeitspaare das Jawort. Dafür ist sie mit ihrer Nähe zum Friedhof erste Adresse für Abdankungen: Pro Jahr finden 80 bis 110 Beerdigungen statt. Auch die meisten Trauerfeiern der Evangelischen.

Die Mesmerin organisiert nach Wunsch einen Apéro Riche für die Trauergäste. Diese unkomplizierte Alternative löse allmählich das Leichenmahl ab, sagt Bertha Paganini, die auch alle frischen Blumengestecke in der Kirche selber macht.

Seit November ist in der Pauluskirche als jüngste Neuerung eine moderne Akustikanlage in Betrieb. Davor hätten sich viele Leute beschwert, sie hätten gar nichts verstanden von der Predigt. «Die neue Anlage ist sensationell, die Leute verstehen wieder jedes Wort», sagt Guido Paganini. «Seither haben wir den Eindruck, dass wir wieder mehr Besucherinnen und Besucher haben.»

Historischer Rückblick Pauluskirche mit Wolfgang Göldi am 11. Mai. Weitere Anlässe und Festivitäten: www.kathgossau.ch