Die Ombudsfrau der Gefühle gibt ihren Secondhandladen auf

Erika Bruderer gibt in St.Gallen seit 35 Jahren Kleidern ein zweites Leben. Und Kundinnen ein offenes Ohr.

Diana Hagmann-Bula
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Hatte den Überblick übers Überangebot: Erika Bruderer verkauft ihr Geschäft. Bild: Benjamin Manser

Hatte den Überblick übers Überangebot: Erika Bruderer verkauft ihr Geschäft. Bild: Benjamin Manser

Erika Bruderer trägt die Haare seit zwei Wochen kurz. Sie lässt sie einfach wieder wachsen, sollte sie genug von der neuen Frisur haben. Ein anderer Entscheid ist endgültig: Die 58-Jährige verkauft ihren Secondhandladen. Nach 35 Jahren. Zwei Jahre begleitet sie die neue Besitzerin und ehemalige Angestellte Asya Razai noch, arbeitet in abnehmendem Pensum weiter. Sie will mehr Zeit haben. Zeit für sich und ihren Partner, Zeit für den Bungalow am See und den Hund. Konkrete Pläne? Keine. Bruderer nimmt das Leben, wie es kommt.

Hat sie schon immer. Als sie als Kind die Diagnose Epilepsie erhält. Als Ärzte ein bösartiges Melanom bei der 25-Jährigen finden, ihr nur noch drei Monate geben. Und auch als vor zehn Jahren ihr Mann stirbt. Krankheiten kommen, Menschen gehen, ihr Laden bleibt.

«Die Frauen sind nach 20 Minuten erschöpft»

Mäntel und Jupes, Blazer und Hosen drücken sich im Geschäft am Burggraben 16 eng aneinander. Wer eine Gucci-Tasche oder einen Mantel von Max Mara zum halben Preis oder günstiger ergattern will, wird hier vermutlich fündig. Er muss Stück für Stück durchsehen, sich geduldig zum Schnäppchen vorarbeiten. «Hier herrscht ein Überangebot. Jedes Teil ist anders. In herkömmlichen Läden aber hängen zehn Stücke vom gleichen Modell», sagt Bruderer. Und fügt hinzu:

«Nach 20 Minuten sind die meisten Frauen erschöpft. Physisch und psychisch.»

Röcke des St.Galler Modelabels Akris, Hosenanzüge von Jil Sander, ein Kleid von Forte Forte, Strickjacken von Brunello Cucinelli: Modeliebhaberinnen liefern ihre fast ungebrauchten Fehlkäufe ab oder den gut erhaltenen Überschuss, damit im Schrank Platz für Neues ist. Geschäfte bringen Unverkauftes vorbei. Hier zeigt sich der verschwenderische Umgang mit Mode deutlich. Stimmt sie das nachdenklich? Bruderer, die in Teufen wohnt, verneint: «Ich betrachte das als sinnvolles Recycling mit mehreren Gewinnern.» Der Vermieter bekomme seine Miete, sie und ihre Angestellten den Lohn, die Weggebende verdiene etwas dazu und die Käuferin könne sich etwas leisten, für das sie sonst nie so viel Geld ausgeben würde.

Das Telefon klingelt, Erika Bruderer nimmt ab, hört zu und sagt: «Was wir noch brauchen sind Mäntel. Sommersachen gerne ab Februar wieder.» 1200 Kunden liefern aktiv, 6500 Namen zählt die Kartei. Aus mancher Kundin sei über all die Jahre eine Freundin geworden.

«Sie erzählen viel Persönliches, von den Kindern, vom Mann, von der Scheidung. Wohl, weil ich zuhören kann und mitfühle. Mein Laden ist eine Ombudsstelle der Gefühle.»

Bruderer schätzt die Verschiedenheit der Leute, die bei ihr ein- und ausgehen. Da ist die Fürsorgeempfängerin, die sich am 20-Franken-Ständer bedient. Da ist aber auch die Milliardärsgattin, die ein Deux-Piece abgibt.

23 Jahre alt ist Erika Bruderer, als sie einen Ledermantel von Valentino im damals einzigen Secondhandladen der Stadt abgeben will. Die Inhaberin lehnt ab. Ihr Laden sei zu voll. «Da dachte ich mir, dass St.Gallen ein zweites Geschäft dieser Art verträgt», erzählt Bruderer. Die gelernte Konfektions- und Industrieschneiderin, Schnitttechnikerin und Modellistin beginnt, neben Auftragsarbeiten gebrauchte Kleidung zu verkaufen. Zu Beginn harzt das Geschäft.

«Das noble St.Gallen rümpfte die Nase.»

Doch sie hält durch, ihr Laden macht sich doch noch einen Namen. Auch aus Zürich reisen Kundinnen heute an. Die Leidenschaft, mit der Bruderer das Geschäft führt, wirkt ansteckend. Sie ist ihre eigene Kundin, deckt sich in ihrem Geschäft ein. Einmal hatte sie sich jedoch so sehr in einen Blazer von Moschino verliebt, dass sie ihn in einem herkömmlichen Modegeschäft kaufte. «Zwei Monate später schon traf ein Exemplar bei mir im Laden ein. Seither halte ich mich wieder zurück.»

Parfum gegen muffigen Geruch

Es riecht nach Kaffee, Erika Bruderer nippt an einer Tasse. Muffigen Geruch, wie er in anderen Secondhandshops manchmal in der Luft liegt, erschnuppert man hier nicht. Der Grund: Bruderer sprüht die Ware mit einem Parfum ein. Lieferscheine ausfüllen, Preise festlegen, Schildchen beschriften, Kleider einordnen, auch das sind ihre Aufgaben. Und sie berät, sofern die Kundin das wünscht.

«Am aufwendigsten sind Brautmütter. Sie brauchen viel Zeit und Zuspruch, wollen super aussehen, das Kleid darf aber nichts kosten. Am Schluss kaufen sie oft nichts»

, sagt sie. Und erfreut sich stattdessen an aufgeregten Kantonsschülerinnen, die ein Kleid für die Abschlussfeier suchen. «Doch der Bereich Abendgarderobe ist geschrumpft. Wer heute noch im langen Kleid ins Theater geht, wird schräg angeschaut. Entsprechend gering sind Angebot und Nachfrage in diesem Segment.»

Second Hand liegt nach wie vor im Trend. Gemäss einer neuen Studie von Global Data soll die Secondhandbranche in den nächsten zehn Jahren doppelt so schnell wachsen wie der Detailhandel. Bruderer mag ihrer Nachfolgerin steigenden Umsatz gönnen. Sie wird derweil die Welt erkunden. «Bisher war ich nur in New York. Und dort, wo mich das Bogenschiessen für Turniere hingeführt hat», sagt die mehrfache Welt- und Europameisterin. Kraft, Konzentration, Präzision, das habe sie an dem Sport fasziniert. Sie sagt:

«Es ist ein grosses Glück an etwas heranzugeraten, für das man Talent hat»

In Zukunft will sie mehr malen. Ganz ohne Gedanken an Erfolg.