Alkohol-Testkäufe: «Die Olma ist ein Jugendschutz-Vorbild»

Fast die Hälfte der Bier- und Spirituosen-Testkäufe sind den Teenagern am Stadtfest gelungen. Ein Ergebnis, das im Vergleich zu den Quoten anderer St.Galler Grossveranstaltungen nach oben ausschlägt, weiss Jürg Niggli von der Stiftung Suchthilfe.

Interview: Seraina Hess
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Volljährig oder nicht? Die Hemmschwelle, nach dem Ausweis zu fragen, sei in der Schweiz höher als im Ausland, sagt Jürg Niggli von der Suchthilfe. (Bild: Ralph Ribi, St.Gallen, 12. Oktober 2017)

Volljährig oder nicht? Die Hemmschwelle, nach dem Ausweis zu fragen, sei in der Schweiz höher als im Ausland, sagt Jürg Niggli von der Suchthilfe. (Bild: Ralph Ribi, St.Gallen, 12. Oktober 2017)

Herr Niggli, das Stadtfest, einer der prominentesten Anlässe St. Gallens, hat am Wochenende wegen unzureichenden Jugendschutzes von sich Reden gemacht: 21 der 44 Alkohol-Testkäufe sind positiv verlaufen. Frustriert Sie das?

Jürg Niggli: Nein. Frustriert wäre ich, wenn die Testkäufe an der Olma oder an der Offa derart hoch ausfielen.

Weshalb?

Weil wir mit den Olma-Messen seit Jahren sehr eng zusammenarbeiten und sich der Jugendschutz zu einem hohen Gut entwickelt hat. Die Quoten sind aussergewöhnlich niedrig, meist glücken weniger als zehn Prozent der Testkäufe. An der Olma 2016 bekamen die Teenager kein einziges Mal Alkohol – wobei dieses Ergebnis zu relativieren ist.

Eine Nullrunde spricht doch für sich.

Nicht ganz. Es kann auch sein, dass ein Testkäufer oder eine Testkäuferin besonders jung wirkte, sodass wirklich alle Standbetreiber skeptisch waren und den Ausweis verlangten. Grundsätzlich gilt aber: Olma, Offa und auch das Open Air St. Gallen sind Vorbilder, was den Jugendschutz angeht. Am Stadtfest hingegen ist die Situation aussergewöhnlich.

Inwiefern?

Zwar ist der Verein St. Galler Fest Organisator; wirklich verantwortlich fühlt sich für das Handeln der Standbetreiber aber niemand. Doch genau das ist die Lösung: Je geschlossener eine Veranstaltung auftritt, desto besser ist der Jugendschutz. Ein Vorbild ist das Open Air, das selbst Schulungen durchführt und das Alter der Besucher mit den Cashless-Bändeln registriert.

Trägt somit der Veranstalter die Schuld, wenn Getränkeverkäufer Minderjährigen Bier und Wodka verkaufen?

Der Veranstalter soll natürlich tun, was er kann – wobei Altersbändel wegen des finanziellen und logistischen Aufwands nicht für jeden Anlass geeignet sind. Gute Informationen genügen in der Regel. Am Ende trägt aber jeder einzelne Verkäufer die Verantwortung.

Jürg Niggli, Geschäftsleiter Stiftung Suchthilfe. (Bild: Urs Bucher)

Jürg Niggli, Geschäftsleiter Stiftung Suchthilfe. (Bild: Urs Bucher)

Was unternimmt die Stiftung Suchthilfe, damit er diese wahrnimmt?

Wir können beraten und motivieren – aber nicht missionieren. Je länger jemand im Geschäft ist, desto stärker ist der Jugendschutz im Betrieb verankert. Schulen müssen wir meistens nur neues Personal.

Nach dem Ausweis fragen und dann entscheiden, ob es den Jägermeister gibt oder nicht: Bedarf das wirklich einer Lektion?

Ja, denn es ist nicht ganz so leicht, sich durchzusetzen, wie man vielleicht meint. Gerade wenn eine Gruppe Jugendlicher angeheitert unterwegs ist und beispielsweise den Ausweis nicht zeigen will, trauen sich viele Angestellte nicht, darauf zu beharren. In unserer Kultur ist es anders als beispielsweise in den USA, wo man an der Bar automatisch die ID zückt.

Mangelndes Durchsetzungsvermögen ist also ein Grund, Alkohol an Minderjährige zu verkaufen?

Auch. Uns fallen aber vor allem zwei Typen fehlbarer Betriebe auf: Da sind Stand- oder Barbetreiber mit sehr liberalem Gedankengut, die an die Eigenverantwortung appellieren oder schlicht auf Profit aus sind. Es gibt aber auch Verkaufspersonal, das unter Druck arbeitet, etwa am St. Galler Fest. Es achtet nicht auf das Alter, weil die Zeit fehlt – oder es verlangt zwar den Ausweis, berechnet das Alter aber falsch. Solche Fehler können im Eifer des Gefechts passieren.

Sie zeigen Verständnis für die fehlbaren Mitarbeiter.

Ja, zumal es nicht ohne ist, während des Grossandrangs hinter der Bar zu stehen. Ganz anders in einem Tankstellenshop oder einem Restaurant, abseits des Jubeltrubels: Dort erwarte ich, dass der Jugendschutz zu 100 Prozent eingehalten wird.

Seit ein paar Jahren kann fehlbares Personal nach Testkäufen nicht mehr angezeigt werden. Weshalb?

Das gründet auf einem Bundesgerichtsentscheid aus dem Jahr 2012. Testkäufe sind seither zwar nach wie vor zur Erhebung der Zahlen erlaubt. Auf eine Anzeige tritt die Staatsanwaltschaft aber nicht mehr ein. Der Sachverhalt, die Testsituation, gilt als unrechtmässig. Bussen, die je nach Umständen zwischen 200 bis 400 Franken betragen, kann es geben, wenn eine Drittperson den unrechtmässigen Verkauf beobachtet und klagt. Ein Konstrukt, das in der Praxis aber kaum vorkommt.

Kann ein Betrieb die Bewilligung zum Ausschank verlieren?

Die Stadtpolizei kann die Bewilligung natürlich entziehen, wenn sich negative Meldungen häufen. Es braucht aber schon einiges, bis das geschieht.

Die fehlbaren Standbetreiber des St. Galler Fests sind also auf der sicheren Seite, was Konsequenzen angeht. Weshalb sollten sie beim nächsten Mal anders verfahren?

Eine Busse ist zwar ein nützliches Instrument, wenn es um Betriebe geht, die auf den Jugendschutz pfeifen. Grundsätzlich wirkt unsere Arbeit aber nur dann langfristig, wenn die Betriebe einsichtig sind und die Philosophie verankern. Denn Angst ist immer ein schlechter Ratgeber.