Es drohte die Vernichtung der Bodenseeflotte: So wurden heute vor 75 Jahren Passagierschiffe vor der Zerstörung der Nazis in Rorschach versteckt

In der Nacht auf den 27. April 1945 legten im Rorschacher Hafen zwei düstere deutsche Schiffe an. Sie sollten dort während des Zweiten Weltkriegs vor der drohenden Versenkung durch die Nazis bewahrt werden.

Otmar Elsener
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Wegen der Gefahr der Zerstörung durch Nazi-SS-Einheiten wurden die deutschen mit Tarnfarbe angestrichenen Schiffe «Bavaria» und «Bludenz» nächtlich am 27. April 1945 in den Hafen Rorschach eingebracht.

Wegen der Gefahr der Zerstörung durch Nazi-SS-Einheiten wurden die deutschen mit Tarnfarbe angestrichenen Schiffe «Bavaria» und «Bludenz» nächtlich am 27. April 1945 in den Hafen Rorschach eingebracht.

Bild: Archiv/SBB

In diesem seltsamen Coronavirus-Frühling fehlen ausnahmsweise die weissen Passagierschiffe, die den Bodensee beleben und die Bevölkerung zu Ausflugsfahrten auf dem See verlocken. Was eine andere Ausnahmesituation im Frühling vor 75 Jahren in Erinnerung ruft, als während des Zweiten Weltkriegs die Bodensee-Schifffahrt eingestellt war.

Anfang April 1945 hatte sich der Krieg der Schweiz genähert. Mitte April erreichten französische Truppen den westlichen Bodensee. Die Bevölkerung hoffte auf den baldigen Sieg der Alliierten und auf Frieden.

Umso erstaunlicher war die Nachricht, die am Morgen des 27. April die Einwohner der Stadt Rorschach überraschte: Zwei deutsche Schiffe seien mitten in der Nacht in den Hafen eingelaufen und sollen jetzt bewacht an den Anlegeplätzen liegen. Der damals 21-jährige Rorschacher Heiri Eberle, einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen erinnert sich:

«Ganz Rorschach war auf den Beinen und wollte die Schiffe sehen! Es war für uns alle eine Sensation. Da lagen wirklich zwei deutsche Passagierschiffe vor dem Güterschuppen. Dunkelgrau, ja fast schwarz angestrichen.» 

In der Stadt nannte man die beiden Dampfer bald nur die schwarzen Schiffe.

Drohender Befehl «Verbrannte Erde»

Die Bevölkerung fragte sich, wie diese zwei Passagierschiffe unbehelligt in der Nacht in den Hafen einlaufen konnten. Der Sachverhalt klärte sich rasch. Die deutsche Wehrmacht plante wie bereits beim Rückzug aus Russland für den Fall eines Siegeszugs der Alliierten am Bodensee die Taktik «Verbrannte Erde» als letzte verzweifelte Verteidigung einzusetzen. Im Ernstfall lautete der Befehl: Versenkung der gesamten deutschen Bodenseeflotte.

Die Schiffe wurden mit dunkler Tarnfarbe angemalt. Hier zwei davon am Rorschacher Hafen.

Die Schiffe wurden mit dunkler Tarnfarbe angemalt. Hier zwei davon am Rorschacher Hafen.

Archiv SBB

Die Gefahr der Vernichtung der Schiffe so kurz vor dem sich abzeichnenden Kriegsende war realistisch: Um Lindau waren fanatische deutsche SS-Truppen stationiert, denen zuzutrauen war, dass sie in ihrem Nazi-Endkampf und Untergangsfatalismus den sinnlosen Befehl ohne Bedenken ausführen würden. Den Franzosen konnte ja nicht daran gelegen sein, harmlose Passagierschiffe zu zerstören.

Flucht in stockdunkler Nacht

In der Direktion der Deutschen Reichsbahn, der die Flotte gehörte, gab es Leute, welche die Gefahr der Vernichtung erkannten und entschlossen waren, sich dem drohenden Befehl zu widersetzen. Ihr Vorstand fragte heimlich die schweizerischen Zollbehörden in Buchs um die Erlaubnis, die Schiffe in die Schweiz entführen zu dürfen. Die Schweizer Behörden stimmten zu und beauftragten den für die schweizerischen Häfen zuständigen Rorschacher Hafeninspektor Gottlieb Troller, die Schiffe in Empfang zu nehmen.

In den Archiven des «Ostschweizerischen Tagblatts» finden sich diverse zum Teil widersprüchliche Schilderungen der abenteuerlichen Entführung. Zwei an der Aktion beteiligte ehemalige deutsche Bodenseekapitäne, Hans Holzner und Ulrich Weidmann, bekamen spät abends am 25. April Befehl sich zu Mitternacht auf der damals noch in Lindau bestehenden Bundesbahnwerft zu melden:

Die Kapitäne Hans Holzner (links) und Ulrich Weidmann waren an der Aktion beteiligt.

Die Kapitäne Hans Holzner (links) und Ulrich Weidmann waren an der Aktion beteiligt.

Archiv SBB

«Ein Oberrat der Bahn erklärte uns die Lage, es war bekannt geworden, dass die SS die in Bregenz und Lindau liegenden Raddampfer sprengen wollte. Wir mussten die ‹Bavaria› von der Helling ins Wasser lassen. Die ‹Deutschland› nahmen wir in Schlepp und liefen bei stockdunkler Nacht aus. Die ‹Augsburg› und die ‹Lindau› folgten. Gleichzeitig hatten die ‹Austria›, damals auf ‹Ostmark› umgetauft, und die ‹Stadt Bremen› von Bregenz abgelegt. Sämtliche Schiffe nahmen Kurs auf die Schweiz, ohne dass die deutschen Wehrmachtsstellen etwas merkten.»

Andere Quellen hingegen beschreiben, dass die Schiffe bis Mitte See verdunkelt und danach friedensmässig beleuchtet und mit weisser Fahne das Schweizer Ufer erreichten. Dass dies aber unbemerkt geschehen konnte, ist eher unwahrscheinlich.

«Bavaria» und «Bludenz» legten in Rorschach an

Genauer ist wohl die Schilderung in der Rorschacher Monatschronik vom Mai 1945: «In der Nacht auf den 26. April fuhren die Dampfer ‹Deutschland›, ‹Ostmark›, ‹Allgäu› in den Hafen von Romanshorn und die Schiffe ‹Lindau› und ‹München› in den Arboner Hafen ein. Einzig die grosse ‹Deutschland› bewegte sich mit eigener Kraft, die anderen Schiffe wurden im Schlepptau von Motorbooten eingebracht. In der folgenden Nacht erreichten dann die Dampfer ‹Bavaria› und ‹Bludenz› in gleicher Weise den Rorschacher Hafen und die ‹Oesterreich› legte in Staad an. Freudlos, wie sie kamen, waren sie auch angestrichen und lagen so wochenlang in unsern Häfen, grau und leblos.»

Nicht nur am Rorschacher Hafen (links) sondern auch in Arbon wurden die Schiffe vor den Nazis versteckt.

Nicht nur am Rorschacher Hafen (links) sondern auch in Arbon wurden die Schiffe vor den Nazis versteckt.

Archiv SBB

Da die Schiffe in den ersten Kriegsjahren noch regelmässig verkehrten, waren sie zum Schutz vor Fliegerangriffen mit der düsteren Tarnfarbe bemalt worden. Wenige Tage später zogen die französischen Truppen in Bregenz ein, wo SS-Formationen noch Widerstand leisteten, obgleich der Krieg längst verloren war. Von Rorschach aus sah man Rauchwolken, die von den Kämpfen zeugten. Am 17. Mai 1945, kurz vor dem Pfingstwochenende, fuhren zwei Motorboote unter französischer Flagge in den Rorschacher Hafen ein. Französische Matrosen und Offiziere brachten ehemalige deutsche Schiffsmannschaften, um die schwarzen Schiffe ins besetzte Deutschland zurückzuholen:

Archiv SBB

Wieder fand sich eine grosse Zuschauermenge am Hafen ein, um die Franzosen und die Ausfahrt der Schiffe zu bestaunen. Nachdem am 8. Mai der Krieg endlich zu Ende war, freute sich Rorschach diese düsteren Boote wieder los zu sein.

Ausflugsschiffe beförderten erst im nächsten Jahr Passagiere

Auf dem See blieb es hingegen das ganze Jahr hindurch so still wie in den Kriegsjahren. Erst im folgenden Jahr sah man ab 30. Juni wieder erste weisse schweizerische Ausflugsschiffe auf Bodensee-Rundfahrten dem deutschen Ufer entlang und zur Insel Mainau fahren. Chronist Franz Mächler schrieb:

«Die Schiffe mit flatterndem Schweizerkreuz und der französischen Trikolore erfreuten sich einer solch grossen Beliebtheit, dass die Fahrten bis in den Oktober hinein mit voll besetzten Schiffen veranstaltet werden konnten.»

Und am 23. September 1946 fuhr nach der jahrelangen Pause das erste schweizerische Schiff aus dem Rorschacher Hafen nach Lindau. Der Dampfer war bis auf den letzten Platz besetzt.

Heute, 75 Jahre später, stellt sich die Frage, wann in diesem Sommer nach dem hoffentlich baldigen Ende der Coronakrise die Weisse Flotte wieder ausfahren darf.