Die litauische Hauptstadt Vilnius als Vorbild: Jetzt drängen St.Galler Bars und Beizen aufs Trottoir

Gartenbeizen in der Stadt St.Gallen dürfen mit einem Gesuch öffentlichen Boden nutzen. Doch «Nacht Gallen» will mehr, um den Gastronomen zu helfen.

Sandro Büchler
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Der Betreiber des Restaurants Elba im Heiligkreuz trennt zwei Tische mit einem Plexiglas voneinander ab.

Der Betreiber des Restaurants Elba im Heiligkreuz trennt zwei Tische mit einem Plexiglas voneinander ab.

Bild: Benjamin Manser

Vor dem Restaurant 90 Grad auf dem Marktplatz stehen der Wirt und ein Stadtpolizist und diskutieren. Dann wird das Massband ausgelegt. Vier Sitzplätze pro Tisch, zwei Meter Abend zum Nebentisch. Mit diesen Regeln können Restaurants, Cafés und Bars seit Montag wieder öffnen.

Da dies für einige Gastronomen jedoch nicht ausreicht, um gewinnbringend zu wirtschaften, können sie seit Montag auch öffentlichen Boden für ihre Gartenbeiz beanspruchen. Voraussetzung ist ein Gesuch an die Stadt. Vor Ort soll die Stadtpolizei jeden Fall einzeln prüfen. Denn durch die Erweiterung der Aussenfläche dürfen nicht mehr Gäste bedient werden als pro Lokal bewilligt. Beizen und Bars müssen zudem von Mitternacht bis 6 Uhr geschlossen bleiben.

Eine Piazza auf dem Gallusplatz?

Lukas Hofstetter, Vorstandsmitglied von Nacht Gallen

Lukas Hofstetter, Vorstandsmitglied von Nacht Gallen

Bild: Adriana Ortiz Cardozo

«Wir sind superhappy, dass es so schnellgegangen ist», freut sich Lukas Hofstetter über das unbürokratische Handeln der Stadt. Er ist Veranstalter und Vorstandsmitglied von Nacht Gallen, dem Verein, der sich für ein lebendiges Nachtleben in der Stadt einsetzt. Die Gastronomen seien froh um jeden Rappen, der zusätzlich reinkomme.

«Wo es die Platzverhältnisse zulassen, hilft die zusätzliche Bestuhlung enorm.»

Hofstetter hätte den Stadtrat gern noch etwas mutiger gesehen. «Beizen mit wenig Platz draussen sollten auch auf dem Trottoir bestuhlen oder einen Parkplatz nutzen können.» Hofstetter erwähnt Litauens Hauptstadt Vilnius. Dort hat der Bürgermeister vor kurzem beschlossen, den ganzen öffentlichen Raum gratis für Strassenbeizen freizugeben. Vilnius wurde über Nacht ein Freiluftcafé.

In Litauens Hauptstadt Vilnius hat der Bürgermeister vor kurzem überraschend beschlossen, den ganzen öffentlichen Raum gratis für Strassenbeizen freizugeben.
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Vilnius wurde über Nacht ein Freiluftcafé.
Sollte der Weg versperrt sein, plädiert der Bürgermeister für Toleranz.
Velofahrer, Fussgänger und Gäste sollen gegenseitig Rücksicht nehmen.
Vilnius hat rund 570'000 Einwohnerinnen und Einwohner.
Ein Strassencafé im Stadtzentrum von Vilnius.
Erstmals wurde auf dem Flughafen von Vilnius zudem ein Autokino eingerichtet.

In Litauens Hauptstadt Vilnius hat der Bürgermeister vor kurzem überraschend beschlossen, den ganzen öffentlichen Raum gratis für Strassenbeizen freizugeben.

Mindaugas Kulbis / AP

Dies wäre auch in St.Gallen möglich. Hofstetter schwebt eine Piazza auf dem Gallusplatz oder der Kaffeegenuss am Sockel des Vadian-Denkmals vor.

Nacht Gallen will alles tun, um den arg gebeutelten Gastronomen und Veranstaltern auf die Beine zu helfen. Deshalb hatte sich der Verein bereits vergangene Woche mit einem Brief an den Stadtrat und das Stadtparlament gewandt. Die Stadt solle auf verschiedene Gebühren, etwa auf das Wirtepatent oder Bewilligungen, verzichten.

Düster sehe es trotz allem weiterhin für Bars und Clubs aus. Sie können nicht auf Unterstützungsgelder des kantonalen Amts für Kultur hoffen. «Kommerzielle Orte, deren Betreiber mit Konzerten und DJs ebenfalls zur Kultur beitragen, können sich nur mit Krediten über Wasser halten», sagt Hofstetter. Anders in Zürich: Dort hat der Kanton den notleidenden Clubs finanzielle Hilfe zugesagt. Die Clubkultur sei genauso schützenswert wie das Sechseläuten, befand Madeleine Herzog, Leiterin der Zürcher Kulturfachstelle. Sie leitete bis vor sechs Jahren noch die Kulturförderung der Stadt St.Gallen.

Eine gestern bekannt gewordene Nachricht enttäuscht Hofstetter zudem. Der Stadtrat will den Pilotversuch für mediterrane Nächte um ein Jahr verschieben. «Es ist schade, dass dies auf die lange Bank geschoben wird. Das Unterfangen wäre jetzt wichtiger denn je.»

Stadtrat beantwortet dringliche Interpellation: Pilotversuch mit «mediterranen Nächten» frühestens 2021

In lauen Nächten darf in der Stadt St.Gallen diesen Sommer keine Gartenbeiz länger als bisher offen bleiben. Der Stadtrat will das Konzept der sogenannten «mediterranen Nächte» erst auf den Sommer 2021 hin ermöglichen. Im Februar hatten sich 50 von 63 Mitgliedern und fünf der sechs Fraktionen des Stadtparlaments (mit Ausnahme der Grünen) mit einer dringlichen Interpellation in dieser Sache an den Stadtrat gewandt.

Die Forderung der Interpellation: ein zweijähriger Pilotversuch. Dabei sollen Gastronomen von Gartenbeizen auf Stadtgebiet von Juni bis August am Freitag und Samstag zwei Stunden länger wirten dürfen. Statt bis 22 Uhr sollen Gäste bis Mitternacht draussen bei einem Bier sitzen können. Für die Beizen rund um den Marktplatz wäre gar eine Bewirtung im Freien bis 2 Uhr möglich. Das Konzept wird in Thun bereits erprobt. In Zürich stösst es in der Bevölkerung teilweise auf Widerstand.

Für eine sorgfältige Abklärung ist die Zeit bis Juni zu knapp

«Grundsätzlich sind wir bereit, einen Pilotversuch zu ermöglichen», antwortet der Stadtrat auf die Interpellation. Es müsse aber nicht nur das städtische Immissionsschutzreglement angepasst, sondern auch ein Umsetzungskonzept erarbeitet werden. Um den Bedenken von Anwohnerinnen und Anwohnern Rechnung zu tragen, schlägt der Stadtrat zudem einen runden Tisch vor.

Wolle man alle diese Arbeiten mit der dafür nötigen Sorgfalt angehen, sei die Zeit bis Juni dieses Jahres zu knapp, schreibt der Stadtrat in seiner Antwort zum Fahrplan der «mediterranen Nächte» in St.Gallen. Zudem sei wegen den Einschränkungen des Bundes gegen die Coronapandemie aktuell Vieles unsicher. Deshalb strebt der Stadtrat einen Pilotversuch im Sommer 2021 an.

Morgen trifft sich der Stadtrat ausserordentlich

Sonja Lüthi, St.Galler Stadträtin und Vorsteherin Direktion Soziales und Sicherheit

Sonja Lüthi, St.Galler Stadträtin und Vorsteherin Direktion Soziales und Sicherheit

Bild: PD

Stadträtin Sonja Lüthi, Vorsteherin der Direktion Soziales und Sicherheit, zeigt Verständnis für die Sorgen der Bar- und Restaurantbesitzer. «Wenn es der rechtliche Rahmen zulässt und der Stadtrat Spielraum hat, versuchen wir, ihnen so weit wie möglich entgegenzukommen.» Dem Stadtrat liege die Gastronomie am Herzen, und es sei wichtig, pragmatische Lösungen zu finden.

Es bestünden noch viele offene Fragen – auch neue seien hinzugekommen. Der Stadtrat werde diese und weitere offene Traktanden deshalb an einer ausserordentlichen Sitzung morgen Samstag behandeln.