Die Liebe ist stärker als Corona: Wie sich zwei Wittenbacher das Jawort geben trotz Pandemie

Wegen der Corona-Krise verschieben zahlreiche Brautpaare ihre geplante Hochzeit. Nicht so Coralie Voutat und Mike Walter.

Sandro Büchler
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«Ein Kuss mit der Frau, die ich liebe und mit der ich zusammenwohne, muss möglich sein», sagt Mike Walter.

«Ein Kuss mit der Frau, die ich liebe und mit der ich zusammenwohne, muss möglich sein», sagt Mike Walter.

Bild: Michel Canonica

Der Lastwagenfahrer hupt, um Glück zu wünschen, als er das Brautpaar vor dem Gemeindehaus von Wittenbach sieht. Coralie Voutat und Mike Walter lachen, winken zum Dank zurück und freuen sich über die kleine Geste. Die beiden heiraten heute. Es ist der grosse Tag. Ihr grosser Tag.

Wäre da nicht die omnipräsente Gefahr des Corona-Virus. Um dessen Ausbreitung zu verlangsamen, hat der Bundesrat in den letzten Tagen einschneidende Massnahmen angeordnet: Zwei Meter Abstand zu anderen Personen einhalten, wenn möglich zu Hause bleiben, alle Restaurants, Bars und Freizeiteinrichtungen wurden geschlossen, sämtliche Veranstaltungen verboten.

Noch am selben Freitagnachmittag, an dem sich Voutat und Walter das Jawort geben, verbietet der Bundesrat zudem Menschenansammlungen von mehr als fünf Personen.

Die Hochzeit erregt Aufsehen

Zwar sind zivile Trauungen trotz Ausnahmezustand weiter möglich, allerdings unter strengen Auflagen: Nur das Brautpaar, ihre Trauzeugen und die Standesbeamtin sind im Zivilstandsamt noch erlaubt. Von den Widrigkeiten lassen sich Coralie Voutat und Mike Walter nicht abhalten. Gerade eben sind die beiden mit einem schicken weissen BMW vorgefahren und steigen aus.

Noch bevor sie Hand in Hand die wenigen Schritte zum Gemeindehaus gehen, küssen sie sich innig. Vögel kreisen am Himmel. Am blauen Firmament sind keine Flieger zu sehen. Ein Mann, der eben noch den Rasen mähte, stellt den Motor ab und schaut beinahe ungläubig herüber, ob da wirklich jemand heiratet. Bereits an normalen Tagen erregt eine Hochzeit Aufsehen. In Zeiten von Corona ist sie noch aussergewöhnlicher. Voutat sagt: 

«Es soll trotz Krise ein schöner Tag
für uns sein.»

Sie trägt ein schlichtes rosafarbenes Kleid, seine Fliege passt dazu. «Klar, wir hatten es uns anders erhofft, gell?», sagt die 26-Jährige mit Blick zu ihrem zukünftigen Mann. «Aber wir geniessen es auch so und wollen es jetzt einfach durchziehen.» Im vergangenen Juli habe er ihr den Antrag gemacht, erzählt die Braut.

Ein Dreivierteljahr habe sie sich auf diesen Tag gefreut. «Der 20. März ist auch ein besonderes Datum für uns», ergänzt Mike Walter. Denn sie haben sich im März vor vier Jahren kennengelernt. Und 20 – 20, das passe.

Im kleinen Kreis statt ein grosses Fest

Die beiden Wittenbacher hatten grosse Pläne: ein grosser Apéro nach der Trauung, später ein grosses Fest im nahen Schloss Dottenwil. «Das alles ist nun leider in die Hose gegangen», sagt der 40-Jährige. Stattdessen will das Brautpaar sein grosses Highlight im kleinsten Kreis feiern – nur zusammen mit den Trauzeugen. Walters Bruder bezeugt später drinnen im Gemeindehaus den Bund der Ehe, Voutat wird von ihrer Schwester sowie der besten Freundin begleitet.

Mike Walter und Coralie Voutat geben sich am 20. März 2020 in Wittenbach das Jawort.
3 Bilder
Zwei Meter Abstand, das Mikrofon mit einem Plastiksack umhüllt.
Die Gästezahl ist überschaubar. Hinten an der Glastür hängen Plakate, die die Hygieneregeln in Erinnerung rufen.

Mike Walter und Coralie Voutat geben sich am 20. März 2020 in Wittenbach das Jawort.

Bilder: Michel Canonica

Mit ihnen hat sich das Brautpaar auch beraten, ob sie die Hochzeit wirklich durchführen oder im letzten Moment doch noch abblasen wollen. Sie kamen zum Entschluss: «Wir heiraten trotzdem.» «Denn wir können die Situation jetzt auch nicht ändern», sagt Voutat, die als Buchhalterin arbeitet.

Von der Einführung des Veranstaltungsverbots seien sie jedoch überrascht worden. Denn damit sei das geplante Fest ins Wasser gefallen. Im ersten Moment sei sie enttäuscht gewesen, so Voutat.

«Man plant und macht, und freut sich darauf, die ganze Verwandtschaft zu sehen und mit ihnen die Hochzeit zu feiern.»

Das sei schon schade, dass es nun kein Fest gebe. «Gott sei Dank konnten wir das Catering und die Saalmiete ohne weiteres absagen – ohne finanzielle Folgen.» Alle hätten Verständnis für ihre Situation gezeigt. Das Fest wollen sie irgendwann nachholen. «Wir wissen heute aber noch nicht, wann das sein wird», sagt der Bräutigam, der im Aussenhandel tätig ist. Erst müsse man schauen, wie sich die Lage nun weiter entwickle.

Viel Zeit für Fotos

Doch, was macht das Brautpaar nun nach der Ziviltrauung, wenn kein Fest stattfinden kann? Walter lacht: «Wir haben viel Zeit. Wir nutzen die Gelegenheit, kurven herum in der Region, um Fotos an verschiedenen Standorten zu machen.» Am Abend gehe es nach Hause für ein feines Nachtessen – wiederum nur mit den Trauzeugen. «Mehr liegt wegen der Restriktionen nicht drin.»

«Ehrlich gesagt, bin ich aber auch froh, dass wir es noch schaffen», sagt Voutat. Wer wisse schon, was noch komme. Auch gehöre niemand von ihnen zu einer Risikogruppe.

«Wir sind alle jung und gesund.»

Das zähle jetzt. In diesem Moment öffnet die Standesbeamtin die Tür und bittet die kleine Festgemeinschaft hinein. Beschwingt steigt das Brautpaar die Treppe hoch und betritt das Gemeindehaus – vorbei am rot-gelben Plakat mit den Verhaltensregeln des Bundesamts für Gesundheit. Alle desinfizieren sich die Hände. Dann schreiten sie zur Trauung.