Glosse

Die Kunstgiesserei in St.Gallen macht sich einen Namen als Kurhotel für Reformatoren

Erst Vadian, jetzt Zwingli: Im Sittertobel geben sich Schweizer Reformatoren die Klinke in die Hand. Hoffentlich kommt dereinst Pierre Viret zu Besuch.

David Gadze
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Ulrich Zwingli wartet nach fast einjähriger Kur vor der Kunstgiesserei auf die Rückreise nach Zürich.

Ulrich Zwingli wartet nach fast einjähriger Kur vor der Kunstgiesserei auf die Rückreise nach Zürich.

Benjamin Manser

St.Gallen macht sich mehr und mehr einen Namen als Kurort. Die Oberwaid im Osten strahlt weit über die Stadtgrenzen hinaus. Und neuerdings zieht ein Betrieb im Westen prominente Gäste an. Ist es wegen der idyllischen Lage im grünen Tal der Sitter? Oder aufgrund der fachmännischen Betreuung durch die Angestellten? Vermutlich beides. Jedenfalls entwickelt sich die Kunstgiesserei zu einer anerkannten Wohlfühloase. Und zwar für Reformatoren.

Nach Vadian liess es sich Zwingli im Sittertal gut gehen

Nachdem sich 2013 der St.Galler Reformator Joachim von Watt alias Vadian zur Kur in die Kunstgiesserei begab, liess es sich auch sein Zürcher Berufskollege Ulrich Zwingli im Sittertal gut gehen. Im vergangenen Sommer – ausgerechnet im Zwingli-Jahr, 500 Jahre nach seiner Ankunft in Zürich – hat er seinen Sockel hinter der Wasserkirche verlassen und sich seither in der Kunstgiesserei auf Herz, Nieren und Schäden prüfen und die Wehwehchen beheben lassen.

Was dem gebürtigen Toggenburger Zwingli fehlte, ist nicht überliefert. Auch nicht, ob ihm sein Jahrgänger Vadian zur Behandlung in St.Gallen geraten hatte. Es scheint aber, dass er seine Beschwerden inzwischen auskuriert hat: Am Dienstag soll Zwingli die Rückreise antreten.

Eine Geisel für den Kulturgütertausch

Es wäre aber ziemlich leichtfertig, ihn ohne Weiteres gehen zu lassen. Die St.Galler täten jedenfalls gut daran, ihn als Geisel zu nehmen und gegen verlorene – oder genauer: gestohlene – Kulturgüter einzutauschen. Schliesslich steht im Landesmuseum das Original des St.Galler Globus, der bei der Plünderung des Klosters durch Zürcher und Berner Truppen 1712 nach Zürich gelangt war. Die Kopie, die seit 2009 in der Stiftsbibliothek steht, ist zwar schön. Aber es ist eine Kopie.

Und hoffentlich begibt sich irgendwann auch der Waadtländer Reformator Pierre Viret zur Kur von Lausanne nach St.Gallen. Vielleicht liesse sich sein Relief nach der Restaurierung gegen den Cup-Pokal eintauschen, den Lausanne-Sports 1998 dem FC St.Gallen auf grausame Weise entrissen hatte. Bis dahin bleibt der Trost, dass sich der FCSG seither erfolgreicher reformiert hat als der Club vom Lac Léman.

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