Neustart-Festival
Die Kulturbranche der Stadt St.Gallen wagt den Neustart mit einem Festival: Die Qual, nein, das Glück der Wahl

325 verschiedene Künstlerinnen und Künstler sind am Samstag an insgesamt 45 Standorten aktiv. Die Veranstalter wollen den Menschen damit zeigen, dass die Kultur noch lebt.

Renato Schatz Jetzt kommentieren
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Am Samstag gibt es in Museen und Konzertlokalen viel zu entdecken.

Am Samstag gibt es in Museen und Konzertlokalen viel zu entdecken.

Bild: Benjamin Manser

Eineinhalb Jahre ist es nun her, seitdem das Leben mit ungeheurer Geschwindigkeit langsamer wurde. Und damit langweiliger. Auch, weil die Bühnenscheinwerfer erloschen.

Die Kulturbranche litt schwer und tut es noch immer. Auch in St.Gallen. Mit dem Neustart-Festival wagt sie einen Neustart. Und was für einen.

Mehr Auftritte als Zeit

An 45 Standorten in der Stadt stellen insgesamt 325 Künstlerinnen und Künstler aus, singen oder tanzen. Sie kommen vornehmlich aus der Region. Oder sind Freischaffende, die besonders gelitten haben. Es gibt Ausstellungen, Führungen, Konzerte, Lesungen, Workshops, Performances.

Es gibt mehr zu sehen und zu hören, als es Zeit gibt. Denn es ist unmöglich, alle Darbietungen zu sehen.

FDP-Stadtparlamentarier Karl Schimke ist einer der Initianten des Festivals und sitzt im Organisationskomitee. Er sagt: «Am meisten freut mich, dass es so schwierig zu entscheiden ist, wo man als Nächstes hingehen möchte.» Die Qual der Wahl.

Karl Schimke hat Spenden für Kulturschaffende gesammelt.

Karl Schimke hat Spenden für Kulturschaffende gesammelt.

Bild: Michel Canonica

Entstanden ist die Idee im Frühling. Die Abfallentsorgung St.Gallen baute nicht mehr benötigte Reserven zunächst mit einem 40-Franken-Gutschein für Abfallsäcke ab. Schimke sagt: «Ich dachte mir, dass man mit diesem Geld Sinnvolleres anstellen kann, als Abfall zu verbrennen.» Der 50-Jährige ist seit 25 Jahren als Tubist beim Sinfonieorchester und damit in der Kulturbranche aktiv. Er weiss, wie sehr Branchenkolleginnen und -kollegen leiden. Also rief er die Aktion «Weniger Abfall, mehr Kultur!» ins Leben. Wer wollte, konnte fortan seinen Gutschein nicht für Abfallsäcke einlösen, sondern an die IG Kultur Ost spenden. Bei der Sammelaktion seien 45'000 Franken zusammengekommen.

Beim Festival gilt die 3-G-Regel

Dann fragte sich Schimke: «Was machen wir mit dem Geld?» Schimke, die IG Kultur Ost sowie die Verantwortlichen der Museumsnacht dachten sich: ein Festival.

Die Spenden von «Weniger Abfall, mehr Kultur!» hätten allerdings niemals gereicht, um das Festival und die Gagen der Kulturschaffenden zu decken. So steuerten auch die Stadt St.Gallen, Sponsoren und Stiftungen Geld bei.

Barbara Affolter ist ebenfalls im Organisationskomitee vertreten, sie ist auch Co-Leiterin der Fachstelle Kultur der Stadt St.Gallen und Präsidentin der Museumsnacht. Die Wege sind kurz und die Solidarität ist gross.

Affolter sagt: «Mit 5000 verkauften Tickets wäre uns geholfen.» Von mindestens 5000 Besucherinnen und Besuchern gehe sie indes auch aus. Prognosen sind jedoch schwierig, weil der Vorverkauf erst heute Freitag startet. Da beim Festival die 3-G-Regel gilt, müssen Getestete einen Test vorweisen, der bei Festivalende, also am Sonntagmorgen um ein Uhr, maximal 48 Stunden alt ist. Das Neustart-Festival stellt im Innenhof der Stiftsbibliothek ein Testcenter zur Verfügung.

Ein 248 Jahre langes Musikstück

Das ist, was Schimke meint, wenn er sagt: «Wir wollen der St.Galler Bevölkerung zeigen, dass wir diese herausfordernde Zeit überstanden haben – auch wenn man sagen muss, dass noch nicht alles überstanden ist.» Mit den gegenwärtigen Bestimmungen sei es dennoch möglich, Kultur zu geniessen.

Schimke freut sich besonders auf das, was um 21 Uhr in der Kunsthalle aufgeführt wird. Francesca Ceccherini und Eleonora Stassi haben ein Menuett von Mozart mit einem Computer ausgedehnt. Das Stück ist nun 248 Jahre lang. 30 Minuten davon sind in der Kunsthalle um 21 Uhr zu hören. Schimke:

«Acht Streicher werden eine halbe Stunde lang einen einzigen Ton spielen.»

Vielleicht haben sich die letzten eineinhalb Jahre ähnlich angefühlt: wie in Zeitlupe, monoton und manchmal auch langweilig. Zwischen elf Uhr morgens und ein Uhr nachts sorgen 325 verschiedene Kulturschaffende für die unterschiedlichsten Klänge und damit für Kurzweiligkeit. Der Versuch eines Neustarts.

Tickets für das Neustart-Festival können bei der Valiant Bank, St.Gallen-Bodensee Tourismus, im Naturmuseum, im Kunstmuseum, im Historischen und Völkerkundemuseum sowie auf dem Kornhausplatz bei Mint Event erworben werden. Erwachsene bezahlen 20 Franken für einen Eintritt. Wer über eine Kulturlegi verfügt, zahlt nur zehn Franken. Gratis ist der Eintritt für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre sowie Personen mit Aufenthaltsbewilligung F und N. Um lange Wartezeiten zu vermeiden, wird empfohlen, den Vorverkauf am Freitag zu nutzen. Notwendig ist eine Identitätskarte sowie ein gültiges Covid-Zertifikat.

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