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Die gute Fee am Briefkasten: Diese Gossauer Pensionärin verteilt täglich die Zeitung

Rosmarie Raimann verteilt in Gossau jeden Morgen das «Tagblatt», obwohl sie auch ausschlafen könnte.
Melissa Müller
Die 75-jährige Rosmarie Raimann bessert ihre AHV als Zeitungsverträgerin auf. (Bild: Michel Canonica)

Die 75-jährige Rosmarie Raimann bessert ihre AHV als Zeitungsverträgerin auf. (Bild: Michel Canonica)

Die Gossauerin Ruth Tanner staunte nicht schlecht, als sie einmal zu nächtlicher Stunde aus dem Fenster schaute. Sie sah «eine kleine Dame, welche grössenmässig kaum unseren Briefkasten erreicht». So lernte sie Rosmarie Raimann kennen. «Sie ist die gute Fee, welche uns jeden Morgen mit dem ‹St.Galler Tagblatt› bedient.»

Immer fröhlich, aufgestellt, zu einem Schwatz bereit – so ist die 75-Jährige unterwegs. Längst pensioniert, verträgt Rosemarie Raimann seit sechs Jahren Zeitungen, um ihre AHV-Rente aufzubessern. Damit nicht genug, sie hilft auch freiwillig in der gemeinnützigen Institution Friedegg-Treff mit, rüstet Gemüse für den Mittagstisch und faltet Karton zusammen. «Ich ziehe den Hut vor Rosmarie Raimann», sagt Ruth Tanner. «Die Einstellung dieser sympathischen Frau ist einfach unglaublich, hochanständig und engagiert.»

Nächtliche Gespräche mit Katzen

Die Schicht der Zeitungsverträgerin beginnt um 2 Uhr und endet um 5 Uhr. Bei einer Scheune holt sie 125 Zeitungen ab, die sie entlang der Florastrasse sorgfältig in die Briefkästen schiebt. «Ich falte die Zeitungen nie – sonst beschweren sich die Abonnenten.» Raimann achtet auch penibel darauf, dass die Zeitungen nicht nass werden, wenn es regnet. Wenn ein zerfleddertes Exemplar übrig bleibt, nimmt sie es mit nach Hause. Dann liest sie im «Tagblatt» die Gossauer Seite und die Todesanzeigen.

Raimann geht langsam und hinkend. Im schneereichen letzten Winter war die Tour oft anstrengend für sie. «Seit ich einen Herzinfarkt hatte, darf ich nicht mehr pressieren. Ich lasse mich nicht stressen.» Auch eine Arthritis macht ihr das Leben schwer. Statt den Arzt zu beschäftigen, zieht sie es aber vor, sich weiterhin mit Frühmorgen-Gängen fit zu halten.

«Die Ärzte wollen immer, dass man etwas hat. Dabei war ich mein Leben lang nie krank.»

Auf ihren nächtlichen Touren trifft sie viele Katzen. «Hoi Miezi, wie geht es dir?», sagt sie, wenn eine Samtpfote ihren Weg kreuzt. «Ich rede immer mit den Katzen, das mögen sie», sagt die Dame mit dem freundlichen runden Gesicht. Trotz sommerlicher Hitze trägt sie ein kariertes Flanellhemd, rote Hosen und dicke Socken in den Sandalen. Früher war sie 1,40 Meter gross, mit dem Alter sei sie noch ein bisschen kleiner geworden. «Aber man hat mich nie geschont.»

Rosmarie Raimann wuchs in einem Bauernhof in Goldingen im Zürcher Oberland auf. Ihr Vater starb, als sie neun war. Mit 16 musste sie von zu Hause fort, um ihr Brot selber zu verdienen. Man hielt es nicht für nötig, dass sie eine Ausbildung macht. «Bücher kann man nicht essen», meinte ihr Bruder. «Heute hocken die Jungen zu Hause, bis sie 22 sind. Das war bei uns undenkbar.» In Niederwil fand sie eine Anstellung in einer Bäckerei. «Die weissen Gwändli der Bäcker, der Duft von frischem Brot, das habe ich gemocht.» Sie putzte, räumte die Backstube auf, verkaufte Brot. 28 Jahre lang.

Lieber allein als in einer zerstrittenen Ehe

Dass sie nicht geheiratet hat, bereut Raimann nicht. Zu oft traf sie Frauen, die wegen Eheproblemen litten und weinten. «Das muss mir nicht passieren», sagte sich die Alleinstehende. Auch ihre Eltern hätten oft gestritten. «Wenn eine Kuh nicht fressen wollte, gab mein Vater der Mutter die Schuld.»

Die entbehrungsreiche Kindheit lehrte sie Sparsamkeit. «Wer kein Geld hat, sollte nicht ausgehen. Auch keinen Kaffee auswärts trinken.» Rosmarie Raimann fügt hinzu, dass sie selten ins Restaurant geht. Und noch nie in den Ferien war. Auch um Schwimmbäder macht sie einen Bogen. «Diese Fleisch­lawinen in der Badi muss ich nicht haben», sagt sie und kichert wie ein junges Mädchen.

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