Fertig mit Vorschriften: Die St.Galler Musikschule rückt die Kinder ins Zentrum – und möchte die Freude an der Blockflöte zurückbringen

Kinder sollen ab übernächstem Sommer schon in der ersten Klasse in die Musikschule gehen. Und mit dem Wunschinstrument beginnen.

Diana Hagmann-Bula
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Ab dem Schuljahr 2021/22 soll in der Musikschule nur noch Blockflöte spielen, wer sich bewusst für sie entscheidet.

Ab dem Schuljahr 2021/22 soll in der Musikschule nur noch Blockflöte spielen, wer sich bewusst für sie entscheidet.

Bild: Imago Images

Beyoncé auf der Blockflöte, das geht. Die klassische Band Spark beweist es. Wer es nicht gehört hat, glaubt es kaum. Denn die Blockflöte hat sich in letzter Zeit den Ruf eingehandelt, unmodern, folkloristisch und bubieinfach zu sein. «Zu Unrecht, sie ist ein Konzertinstrument», sagt Christian Braun, Leiter der Musikschule St.Gallen.

Er hat sich vorgenommen, das Ansehen der Blockflöte wieder herzustellen. «Ab dem Schuljahr 2021/22 sollen unsere Schüler den Weg in die Musik nicht mehr nur über die Blockflöte oder die Geige finden.» Fertig also mit Vorschriften, wie der musikalische Anfang auszusehen hat. «In Zukunft steht der Wunsch des Kindes noch mehr im Zentrum. Wir trauen den Familien zu, den richtigen Weg selber zu finden», sagt Braun.

Viele Eltern stellten Ausnahmegesuche

Das ist nur einer von mehreren Schritten, mit denen sich die Musikschule neu ausrichten will. «Sich der Gesellschaft und deren Lebenswelt annähern», nennt es Braun. Das aktuelle Reglement sei zehn Jahre alt, es sei an der Zeit für einige strukturelle Anpassungen. «Damit wir fit für die nächsten zehn Jahre sind.»

Vielleicht werde die Zahl der Blockflötenschülerinnen und -  schüler zu Beginn abnehmen, gibt Braun zu bedenken. «Wer sich in Zukunft aber für die Flöte entscheiden wird, wird mit Herz dabei sein, weil sie oder er sich bewusst für dieses Instrument entschieden hat.» Ändern wird sich ausserdem: Der Eintritt in den Musikunterricht erfolgt generell in der ersten Klasse und nicht mehr stufenweise. Mit sechs Jahren konnten Kinder bisher mit Cello oder Geige beginnen, ab der zweiten Klasse mit Blockflöte, ab der dritten mit anderen Instrumenten.

«Wir reagieren damit auf ein Bedürfnis. Die Anzahl Ausnahmegesuche, Kinder schon früher als im Reglement festgehalten zu uns schicken zu können, hat stetig zugenommen», sagt Braun. Dabei hat der bekannte Schweizer Kinderarzt Remo Largo erst vor ein paar Tagen Förderwut bei den Eltern diagnostiziert. Sie würden dem Nachwuchs damit Zeit für eigene Erfahrungen nehmen, sagte er der «Sonntagszeitung». Sogar in der Freizeit hätten Kinder immer etwas zu leisten. Largo nannte die Musikschulen als Beispiel dafür. Jedes Kind sei anders, sagt Braun und ist damit ganz bei Remo Largo. «Ist eines in der ersten Klasse bereit und will musizieren, wollen wir ihm das ermöglichen.»

Doch was, wenn ein Erstklässler dem ACDC-Schlagzeuger Chris Slade nacheifern will, die Arme aber noch nicht bis zu den Becken reichen? Oder ein Mädchen Tuba lernen will, jedoch nur wackelige Töne herausbringt, weil ihr Atem zu schwach ist? «Dann reden wir mit den Eltern», sagt Braun. Unter solchen Umständen bereite Musizieren Kindern ja auch keinen Spass. Und eben er sei Voraussetzung dafür, um dranzubleiben. Jahre-, nicht nur monatelang.

Weniger Lektionen fürs Vollpensum

Gleichberechtigung bei den Instrumenten. Und auch für die Lehrer, sieht die neuausgerichtete Musikschule vor. «Wir möchten analog zur Volksschule einen Berufsauftrag für Musiklehrer einführen», sagt Braun. Will heissen: Kein Kontrollinstrument erschaffen, sondern noch besser sichtbar machen, was Aufgaben und Auftrag eines Musiklehrers sind. «Wir wollen ihn dem Volksschullehrer gleichstellen und seine Arbeit aufwerten.»

Gemäss Stadtrat Markus Buschor, Direktion Bildung und Freizeit, soll auch das Vollpensum der Musiklehrer jenem der Volksschullehrer angeglichen werden: «In Zukunft machen nicht mehr 30, sondern nur noch 28 Lektionen eine 100-Prozent-Anstellung an der Musikschule aus.» Wie wirkt sich all das finanziell aus? Eine Musiklektion wird Familien gleich viel kosten wie bisher. Die Stadt nimmt zwar mehr ein (früherer Einstieg der Kinder); es fallen aber auch mehr Ausgaben an, weil sie nicht die Vollkosten verrechnet. Darum werde letztlich das Parlament über die jährlich wiederkehrenden Kosten entscheiden müssen, sagt Buschor.

«Musikschule wird zum Labor»

Von wertvollen Schritten spricht er. Und: Er freue sich auf eine Musikschule, die mit der Zeit gehe. «Einer meiner Fehler im Leben bisher war, dass ich kein Instrument gelernt habe. Mein Fokus lag als Jugendlicher auf dem runden Leder. Dafür kann ich musikalisch nun auf meine drei Töchter zählen», sagt der Stadtrat.

Musik mache einen Menschen reicher, erweitere seinen Horizont, meint Christian Braun. Und erläutert dann die Eigenschaft einer modernen Musikschule: «Sie ist nicht nur ein Ort zum Lernen, sie ist auch ein Ort, der inspiriert, der Kreativität weckt, der zusammenbringt. Ein sozialer Ort.» Da genügt es nicht mehr, dass der Lehrer sagt: Ich weiss, wie etwas geht und zeige dir das nun vor. Braun: «Die Musikschule entwickelt sich zum Labor.»