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«Die fehlerhafte Meldung hat uns schockiert»: St.Galler Clubs ärgern sich über BAG-Ente zum Ansteckungsrisiko

Nach der BAG-Falschmeldung zu Infektionen im Nachtleben wurden Schliessungsforderungen laut. Für die St.Galler Clubs ein verheerendes Signal.

Luca Ghiselli und Aybüke Köseoglu
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Nur 1,9 Prozent der rückverfolgbaren Corona-Infektionen haben sich im Nachtleben ereignet.

Nur 1,9 Prozent der rückverfolgbaren Corona-Infektionen haben sich im Nachtleben ereignet.

Michel Canonica

Die Zahl war derart hoch, sie konnte nur Empörung auslösen. Drei Viertel aller bekannten Corona-Neuinfektionen sollen sich im Ausgang zugetragen haben, berichtete SRF am Freitag und berief sich auf Zahlen des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Der mediale Aufschrei war gross. So wurde erneut die Schliessung von Ausgehlokalen gefordert, wie sie der Kanton Genf bereits beschlossen hat.

Zwei Tage später, am Sonntag, ruderte das BAG dann zurück. Die Zahlen seien fehlerhaft gewesen, räumten die Verantwortlichen ein. Vielmehr sei es so, dass sich rund 40 Prozent der Neuansteckungen nicht lokalisieren liessen. Rund 27 Prozent steckten sich im familiären Umfeld an, 8,7 Prozent bei der Arbeit, 3 Prozent bei einem Privatfest und nur gerade 1,9 Prozent der bekannten Neuansteckungen erfolgten tatsächlich in einem Club.

Doch der Imageschaden, das berichten mehrere St.Galler Clubbetreiber, war bereits angerichtet, die öffentliche Meinung gemacht. Zumal die Veranstaltungs- und Unterhaltungsbranche seit Ausbruch der Pandemie sowieso schon unter Druck war. Das veranlasste den St.Galler Trischli-Club am Sonntag, in den sozialen Medien zu fordern, das «Club-Bashing», also die herabwürdigende öffentliche Kritik an der Clubszene, müsse aufhören.

Palace: «Die Planung steht 
auf wackligen Beinen»

«Wir waren erstaunt, als wir diese Schlagzeile gelesen haben», sagt Johannes Rickli. Der Co-Programmleiter des Palace hat in den vergangenen Wochen und Monaten beobachtet, dass das Nachtleben in der Öffentlichkeit unter Beschuss geraten ist.

«Als die Zahlen tief waren, wurde rasch geöffnet. Das war aber nicht unsere Idee, sondern jene der Politik.»
Das Palace in St.Gallen.

Das Palace in St.Gallen.

Raphael Rohner

Nun, da die Fallzahlen wieder ansteigen, schiebe man der Ausgehszene die Schuld in die Schuhe. Das sei nicht die reflektierte Auseinandersetzung, die er sich wünsche, sagt Rickli. «Solche Falschinformationen geradezubiegen ist nicht einfach, wenn sie einmal veröffentlicht sind.» Derzeit arbeite man auf eine möglichst normalen Saisonstart im September hin. «Wir wissen aber, dass einiges auf wackligen Beinen steht.» Deshalb bereite man sich auch auf eine erneute Verschärfung der Auflagen – zum Beispiel eine Beschränkung auf 100 Personen – vor.

Ostklang: «Ein solcher 
Fehler darf nicht passieren»

«Die fehlerhafte Meldung des BAG vom Freitag hat uns schockiert», sagt Mitgründer Martin Mettler des Labels Ostklang, das am Bohl Elektro-Partys veranstaltet. Er sei natürlich froh über die notwendige Richtigstellung des BAG, doch laut Mettler dürfe ein solcher Fehler nicht passieren.

Er habe die Genauigkeit der Zahlen bereits im Vorfeld der Korrekturmeldung angezweifelt. Enttäuscht ist Mettler zudem davon, dass auch die meisten Medien zu wenig kritisch reagiert hätten. Die hitzige Debatte während der letzten Wochen habe einen zusätzlichen Imageschaden bei vielen Clubbetreibern verursacht.

«Wir fühlen uns, als wären wir schuld an den steigenden Coronazahlen.»

Dass wegen der falschen Zahlen die Kritik von den älteren Generationen gegenüber der jungen Clubszene lauter wurde, kann er nachvollziehen. «Diese haben aber ein falsches Bild vermittelt.» Das Label Ostklang habe in den vergangenen Monaten versucht, unter Einhaltung aller behördlichen Massnahmen das Nachtleben für die Jungen trotz Coronapandemie am Leben zu halten, sagt Martin Mettler.

Und das werde es auch weiterhin versuchen. Aber: Auch künftig werde es schwierig bleiben, die Lage müsse laufend beurteilt werden.

«Sollte es wieder eine Beschränkung auf 100 Personen geben, ist es für uns unrealistisch, weiter geöffnet zu haben.»

Ivy-Club: «Wir wünschen uns eine bessere Kommunikation»

Für René Meier, Inhaber des Ivy Club an der Bahnhofstrasse, hat die Korrekturmeldung hingegen keine grosse Bedeutung. «Klar handelt es sich um einen groben Fehler des Bundesamts für Gesundheit», erklärt er auf Anfrage. Dennoch ist das Risiko, sich in den Clubs anzustecken, nach wie vor vorhanden und auch ernstzunehmen», sagt Meier. Die Ansteckungsrate müsse deshalb weiterhin so tief bleiben, wie sie in den korrigierten Zahlen des BAG angegeben ist, zeigt sich der Clubbetreiber überzeugt. Ein Anstieg der Ansteckungsrate in Clubs wäre für Meier langfristig gravierend.

Auch er habe die negativen Auswirkungen des «Club-Bashings» wahrgenommen, sagt Meier.

«Nach dem Superspreader-Vorfall in Zürich und den Berichten darüber haben wir einen starken Rückgang der Besucherzahlen registriert.»

Und er übt auch Kritik an den Behörden – namentlich fehle es an einheitlichen Richtlinien. «Ich wünsche mir eine verständlichere Kommunikation seitens des BAG», sagt René Meier. Man habe den Clubbetrieb während der Coronapandemie den schwierigen Umständen angepasst, die Situation bleibe aber nach wie vor unberechenbar.

Das sagen der DJ und die Produzentin

Der St. Galler DJ Johnny Lopez hat am 24. Juli in der «Südbar» aufgelegt. Es war eines seiner wenigen Engagements seit dem Lockdown, wie er sagt. Das Clubbing sei unter den gegebenen Umständen schwierig, sagt Lopez. Schwierig in Bezug auf das Einhalten der Abstandsregeln, und schwierig, weil die Verunsicherung unter den Veranstaltern von Partys gross sei. Ein Beispiel: Der regional bekannte DJ wurde für einen Event in der «Strandbar» am Seeufer in Horn gebucht – aber kurzfristig wieder ausgeladen, weil die Veranstalter wegen steigender Ansteckungszahlen aus freien Stücken davon abgesehen hatten, die Party durchzuführen. Lopez sagt, es sei für ihn, der vom Nachtleben lebe, schwierig, die Coronasituation richtig einzuordnen. Falsch kommunizierte Zahlen des Bundesamts für Gesundheit trügen das Ihre dazu bei. Von einer Schliessung der Clubs, wie das im Kanton Genf der Fall ist, halte er wenig.

Auch die international tätige St. Galler DJane und Produzentin Tanja La Croix legt gegenwärtig selten Musik auf, wie sie auf Anfrage sagt. In den vergangenen zwei Wochen hatte sie Ferien und legte einmal auf im «Kalua» auf der griechischen Insel Mykonos. Die Gäste seien sehr diszipliniert gewesen bei der Party, sagt La Croix. Allerdings sei dies auch einfach gewesen, weil sie unter freiem Himmel stattgefunden habe und viel Platz vorhanden war. Tanja La Croix sagt, sie nutze die Zeit mit wenigen Engagements als DJane, um neue Musik zu produzieren und sich der Malerei zu widmen. Sie spüre aber, dass vor allem junge Menschen das Bedürfnis hätten, wieder auszugehen und zu feiern. Dafür habe sie Verständnis, sagt die St. Galler DJane. (dwi)

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