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Die erste Seklehrerin von Goldach kam aus Tschechien

Jana Brändli kam 1971 aus Tschechien in die Schweiz und wurde Lehrerin an der Goldacher Sekundarschule. Später engagierte sie sich in der Politik und als Laienrichterin. Ihre osteuropäische Vergangenheit hat Brändli bis heute stark geprägt.
Rossella Blattmann
Jana Brändli verbringt ihre Freizeit gerne im Garten zu Hause in Goldach. (Bild: Rossella Blattmann)

Jana Brändli verbringt ihre Freizeit gerne im Garten zu Hause in Goldach. (Bild: Rossella Blattmann)

«Das Lehrerzimmer war eine einzige Raucherhöhle!» Als Jana Brändli vor 42 Jahren als erste Frau überhaupt im Alter von 26 an der Sekundarschule Goldach als Lehrerin angefangen hat, war es normal, dass die Kollegen in den Pausen drinnen rauchten. Rücksicht auf Nichtraucher habe man wenig genommen, sagt sie. Sie könne ja rausgehen, habe man ihr gesagt. «Ich habe den Lehrerberuf bis zur Pensionierung immer mit grosser Freude ausgeübt.» Doch der Anfang in Goldach sei für sie nicht immer leicht gewesen. Das sollte sich nicht nur am Raucherqualm im Lehrerzimmer zeigen.

Brändli ist bis heute als Politikerin in Goldach und als Laienrichterin am Kreisgericht Rorschach aktiv. Langweilig sei ihr nach der Pensionierung bis heute nie geworden. «Ich habe immer etwas zu tun.» Brändli sitzt am Stubentisch in ihrem Haus in Goldach. Dort lebt sie zusammen mit Mann Rolf und Sohn Lukas. Die erwachsene Tochter ist schon lange ausgezogen. Porzellanfiguren und böhmische Möbelstücke aus der alten Heimat schmücken das Wohnzimmer.

Der Grossvater starb im Konzentrationslager

Jana Brändli, geborene Toman, wuchs im tschechischen Prachatice, im Böhmerwald, nahe der deutschen und österreichischen Grenze, auf. «Vor vielen Jahren», sagt sie schmunzelnd. «Mein Bruder und ich hatten eine sehr glückliche Kindheit», sagt sie, und trinkt einen Schluck Kaffee. Von der Mutter habe sie die positive Lebenseinstellung, die Herzlichkeit und den Pragmatismus geerbt. «Doch es war mein Vater, der mich am meisten geprägt hat. Von ihm habe ich den Humor, die Gradlinigkeit, und vor allem meine Freiheitsliebe.»

Brändlis Vater war Student, als Hitler im März 1939 in Tschechien einmarschierte und alle Studenten nach Deutschland deportieren wollte. Er flüchtete über Umwege in den Westen. Sein Vater und seine Schwester wurden deswegen von den Nationalsozialisten in ein Konzentrationslager gebracht. «Mein Grossvater starb im KZ, meine Tante an dessen Folgen», fügt Brändli traurig hinzu. «Mein Vater schloss sich während des zweiten Weltkriegs als tschechischer Legionär der englischen Armee an. Deswegen hatte er bis zum Fall der Mauer 1989 kein einfaches Leben.»

Über Bayern und Zürich bis an den Bodensee

Nach dem Gymnasium in Prachatice begann Brändli 1967 in Prag das Jurastudium. «Damals fingen in Europa gerade die Studentenunruhen an. Auch ich habe demonstriert und in der Uni auf dem Boden geschlafen», sagt sie. Bald folgte der sogenannte Prager Frühling. «Dieser Versuch, den Sozialismus zu liberalisieren und zu demokratisieren, missfiel den Russen, und im August 1968 besetzten sie Tschechien.»

Die darauffolgende «Zeit der Verfolgung» war auch der Grund, warum Jana Brändli 1971 über Umwege in die Schweiz kam. «Im Sommer dieses Jahres konnte ich meine Verwandten, Sudetendeutsche in Bayern, besuchen.» An der Grenze habe sie eine sehr rigorose Kontrolle erlebt. «Ich musste mich komplett ausziehen, da man Spionagematerial bei mir vermutete» Daraufhin fasste die junge Frau den Entschluss, der tschechischen Heimat den Rücken zu kehren. «Ich wollte nicht mehr zurück. Ich hatte Angst.» So blieb Brändli zunächst bei den Verwandten in Bayern. Damit dies möglich war, musste ihre Mutter Massnahmen ergreifen. «Sie hat jeden möglichen Beamten in meiner Heimatstadt bestochen, damit ich legal auswandern konnte.» Zuerst hat Brändli Deutsch gelernt, bis sie 1972 für das Sekundarlehrerstudium nach Zürich ging. Vier Jahre später bekam sie als erste Frau in der Geschichte Goldachs eine Stelle als Sekundarlehrerin.

"Die Zeitung bezeichnete mich als Rabenmutter"

Neben der Raucherhöhle Lehrerzimmer machte der emanzipierten, jungen Tschechin in Goldach auch die ungleiche Behandlung von Frauen am Arbeitsplatz zu schaffen. Als sie 1980 nach der Geburt ihrer Tochter nach drei Monaten wieder arbeiten wollte, sei man schockiert gewesen. «In der Zeitung wurde ich deswegen sogar als Rabenmutter angegriffen!», beklagt Brändli. Auch als ihr Vater, der zu Besuch war, das Baby zum stillen in der Pause ins Schulhaus vorbeigebracht habe, habe man sie ziemlich schräg angeschaut.

Jana Brändli war Lehrerin mit Leib und Seele. Nach der Sekundarschule Goldach unterrichtete sie an der Berufsschule Rorschach Allgemeinbildung und Englisch für Erwachsene am KV Rorschach und St. Gallen. Wenn sie von ihrem Beruf spricht, glänzen ihre Augen. Auch wenn sie von ihrer Tätigkeit am Kreisgericht Rorschach und ihrem langjährigen Engagement in der CVP Goldach spricht, ist Brändlis Enthusiasmus deutlich spürbar. Ihr Jurastudium in Prag und die politische Vergangenheit ihrer Familie und die Geschichte Tschechiens hätten sie zu dem gemacht, was sie heute sei, sagt sie. «Meine Wurzeln sind in Tschechien. Doch gewachsen bin ich hier in Goldach.»

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