Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Die beliebten E-Trottinette in St.Gallen haben eine zweifelhafte Ökobilanz

Seit einer Woche sind 100 E-Trottinette in der Stadt St.Gallen im Einsatz. Ob diese jedoch wirklich nachhaltig sind, ist umstritten.
Sandro Büchler
Vor dem Neumarkt stehen drei der 100 Elektro-Trottinette, die seit einer Woche in St.Gallen benutzt werden können. (Bild: Benjamin Manser)

Vor dem Neumarkt stehen drei der 100 Elektro-Trottinette, die seit einer Woche in St.Gallen benutzt werden können. (Bild: Benjamin Manser)

Die rot-schwarzen E-Trottinette sausen seit vergangener Woche durch die St.Galler Innenstadt. Bereits werden die 100 Elektro-Scooter rege benutzt. Manche drehen nur eine kurze Runde, um das trendige Produkt zu testen, andere reizen die Akkuleistung der Trottinette voll aus und fahren die Hügel hinauf. So fuhr bereits am dritten Tag nach der Einführung eine Person bis nach Niederteufen.

Die Stadt St.Gallen will in einer drei Monate dauernden Pilotphase zusammen mit dem schwedischen Anbieter Voi herausfinden, wie die E-Trottinette bei der Bevölkerung ankommen.

Die mit einer Batterie betriebenen Fahrzeuge seien im Sinne des städtischen Energiekonzepts 2050 und ermöglichten einen «umweltfreundlichen, effizienten und cleveren Mix verschiedener Verkehrsmittel», schrieb die Stadt beim Rollout.

Einsammeln mit Benzin

Bereits kommen aber erste Zweifel auf, wie nachhaltig die Elektro-Trottinette sind. So legt eine am vergangenen Freitag publizierte Studie nahe, dass Elektroroller gar nicht so ökologisch sind, wie dies angepriesen wird. Die Forscher der US-amerikanischen Universität North Carolina haben Daten aus dem Stadtstaat Monaco ausgewertet und herausgefunden, dass man mit einem E-Scooter mehr Treibhausgase pro Kilometer produziert, als wenn man mit Bus, Velo, Mofa oder zu Fuss unterwegs ist. Einerseits sei für die Produktion der Batterien der E-Scooter viel Energie notwendig, so die Studie. Andererseits stammen die Materialien für den Energiespeicher meist aus fraglichen Abbaugebieten, was die Ökobilanz der flinken Trottinette verschlechtere. Aber auch die Einsammelaktionen in den Nachtstunden, um die Flitzer ins Depot zu bringen und den Akku für den nächsten Tag aufzuladen, führen zu Abstrichen bei der Ökologie. Denn das Einsammeln geschieht meist mit benzin- oder dieselbetriebenen Fahrzeugen.

Auch in St.Gallen wird ein Grossteil der Trottinette am Abend eingesammelt und über Nacht aufgeladen. Diese Logistik soll in Zukunft gänzlich mit elektrisch betriebenen Fahrzeugen erfolgen, sagt Claus Unterkircher, General Manager des Anbieters Voi. Zudem seien austauschaubare Akkus ein Thema, was das System vereinfachen und verbessern würde (siehe Zweittext unten).

Rolf Wüstenhagen, Professor für Wirtschaft und Ökologie an der Universität St.Gallen

Rolf Wüstenhagen, Professor für Wirtschaft und Ökologie an der Universität St.Gallen

Rolf Wüstenhagen ist Professor für Wirtschaft und Ökologie an der Universität St.Gallen. Der Experte für erneuerbare Energien weist darauf hin, dass die Leichtbauweise ein ökologischer Vorteil sei. Er vergleicht: «Mit einer 1,5 Kilogramm schweren Batterie bewegen sie einen 80 Kilogramm schweren Menschen.» Bei einem ein bis zwei Tonnen schweren Elektroauto hingegen wiege allein die Batterie zwischen 300 und 600 Kilogramm.

Schweizer sind sorgsam mit Mietobjekten

Für Wüstenhagen steht bei der Beurteilung der Ökologie ohnehin die durchschnittliche Lebensdauer der Elektro-Trottinette im Vordergrund. «Entscheidend ist, wie lange die Scooter im Einsatz sind.» Erfahrungen aus anderen Städten zeigen, dass die Nutzer der Elektroroller teils rabiat mit diesen umgehen oder gar mutwillig zerstören. Einige europäische E-Scooter-Anbieter berichten von einer Lebensdauer von sieben Monaten. In der US-amerikanischen Stadt Louisville soll es gar nur ein Monat sein. Wüstenhagen sagt, dass ab einer Nutzungsdauer von zwei Jahren «kein ökologischer Nachteil» entstehe.

«Sharing, also das Teilen des Verkehrsmittels, ist in der Regel besser als privates Eigentum.»

Der Nachhaltigkeitsexperte betont, dass Schweizerinnen und Schweizer in der Regel sorgsam mit gemietetem Eigentum umgehen. «Die Schweiz ist ein Land der Mieter. Auch mit Mietwohnungen wird hierzulande achtsam umgegangen», sagt Wüstenhagen. «Womöglich denkt man in anderen Kulturkreisen anders über Geliehenes.»

Heftig umstritten ist auch die Frage, ob das neue E-Scooter-Angebot die Menschen zu einem Umstieg weg vom Auto bewegt. Eine kürzlich in Frankreich durchgeführte Umfrage bei mehr als 4000 E-Trottinett-Nutzern kam zu einem ernüchternden Ergebnis. Auf die Frage, welches Verkehrsmittel sie benutzt hätten, wären keine Elektroroller bereitgestanden, antworten 47 Prozent der Befragten mit «zu Fuss». 29 Prozent hätten stattdessen den Bus genommen und nur gerade acht Prozent hätten sich ins Auto gesetzt.

Rolf Wüstenhagen relativiert. Andere Studien hätten eine etwas höhere Anzahl von Nutzern gezeigt, die vom Auto auf E-Trottinette umsteigen würden.

«Es ist eine zusätzliche Option im Stadtverkehr.»

Zwar sei das neue Angebot nicht die grosse Lösung, um Städte autofrei zu machen. Vermieden werden könne aber beispielsweise der Kauf eines zweiten Autos für einen Haushalt.

Stadt hat nur wenige Kriterien gestellt

Die St.Galler Stadtbehörden haben dem Anbieter der E-Scooter für die Pilotphase nur wenige Vorgaben gestellt. «Bedingung waren qualitativ gute Fahrzeuge», sagt Karin Hungerbühler von der Dienststelle Umwelt und Energie. Daneben seien die Anzahl der E-Trottinette und die nächtliche Einsammlung in Gesprächen festgelegt worden. Wie die 100 Elektroroller eingesammelt werden sollen, dazu gab die Stadt keine Vorgaben. «Die Ausarbeitung des Pilots verlief relativ pragmatisch», sagt Hungerbühler. Werde der Testbetrieb positiv bewertet und das Angebot weitergeführt, behalten sich die Behörden aber zusätzliche Kriterien vor.

«Denkbar ist, die E-Trottinette mit Cargo-Bikes einsammeln zu lassen oder die Berücksichtigung einer Sozialfirma für die Logistik.»

Wie ökologisch sinnvoll die E-Roller sind, könne die Stadt noch nicht abschliessend beurteilen, sagt Hungerbühler. Das Thema sei neu und werde deshalb im In- und Ausland intensiv diskutiert.

Das Angebot kommt gut an – und wird bald verbessert

E-Trottinette erfreuen sich immer grösserer Beliebtheit, um kurze Strecken zurückzulegen – seit einer Woche auch in St.Gallen. Der schwedische Anbieter Voi hat vergangenen Dienstag 100 solcher Scooter in der Innenstadt aufgestellt. Die Nutzung ist einfach: In der Handy-App Voi sehen Nutzerinnen und Nutzer, wo das nächste freie Trottinett steht. Das sogenannte Geschäftsgebiet reicht dabei von der St.-Leonhard-Strasse und der Geltenwilenstrasse über die Altstadt und das Olma-Areal bis zum Bahnhof St.Fiden. In diesem Gebiet kann man Trottinette ausleihen und wieder abstellen. Um sie zu entsperren, muss man mit dem Handy bloss den QR-Code einscannen.

Für die Nutzung der App beziehungsweise des Dienstes gibt es keine Anmelde- oder Grundgebühr. Bei der Fahrt wird eine Startgebühr von zwei Franken berechnet, pro Minute kommen weitere 30 Rappen hinzu. Wer das Trottinett an einem Veloabstellplatz abstellt – diese sind in der App mit einem Stern markiert – und dies mit einem Bild dokumentiert, bekommt einen Franken zurückerstattet.

Dank austauschbarer Akkus bald rund um die Uhr im Einsatz

In der App sind jedoch regelmässig auch vereinzelte freie Trottinette zu sehen, die sich ausserhalb des Geschäftsgebietes befinden. Technisch sei es möglich, sie an einem beliebigen Ort abzustellen, sagt Claus Unterkircher, General Manager von Voi. Das sei aber nicht der Sinn einer Sharing-Plattform: «Die Trottinette sind zum Teilen da, nicht zum Besitzen.» Also um für wenig Geld eine Strecke von A nach B zurückzulegen. Ausserdem muss der Nutzer eine Gebühr von 25 Franken bezahlen, wenn er das Trottinett ausserhalb des Geschäftsgebiets abstellt.

Die E-Scooter stehen grundsätzlich rund um die Uhr zur Verfügung. Abends zeigt die App aber nicht allzu viele Fahrzeuge an, da die meisten ab 21 Uhr zum Aufladen eingesammelt werden und über Nacht weg sind. Auch jene, deren Akku nicht mehr allzu viel Leistung hat, sehen die Nutzerinnen und Nutzern nicht. Spätestens ab 7 Uhr morgens sind dann wieder alle Fahrzeuge im Einsatz.

Das soll sich bald ändern: Gemäss Unterkircher ist geplant, die bestehende Trottinett-Flotte noch in diesem Jahr durch neue Modelle zu ersetzen, bei denen man den Akku austauschen kann, wenn er leer ist. Somit müsste nicht das ganze Gefährt zum Laden aus dem Verkehr gezogen werden, sondern könnte praktisch den ganzen Tag und die ganze Nacht im Einsatz stehen.

Ausweitung des Gebiets ist wahrscheinlich

Auch eine Ausweitung des Geschäftsgebiets fassen die Betreiber ins Auge. Denn die Resonanz auf das Angebot sei nach der ersten Woche sehr gut, sagt Claus Unterkircher. «Die E-Trottinette werden sehr oft gebraucht.»

Doch je grösser das Gebiet ist, desto mehr Trottinette braucht es. Für Voi kein Problem – im Gegenteil. «Wir stehen in regelmässigem Austausch mit der Stadt und schauen, was gut funktioniert und was weniger gut. So können wir auch kurzfristig Anpassungen am System vornehmen.» Diese will Voi bei Bedarf schon vor Abschluss des Pilotprojekts, das bis Ende Oktober läuft, umsetzen. «Es ist ein lebendes Pilotprojekt.» (dag)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.