Die Anfänge der Höhlenforschung in der Ostschweiz: Der Höhlenforscher und die Malerin aus St.Gallen

Ein neues Buch erzählt vom Beginn der Ostschweizer Höhlenforschung um 1900. Der Naturwissenschafter und Museumskonservator Emil Bächler aus St.Gallen spielte dabei eine zentrale Rolle. Und die St.Galler 

Reto Voneschen
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Emil Bächler und seine Helfer bargen aus der Wildkirchli-Höhle nicht nur das ganze Skelett eines Höhlenbären, sondern auch verschiedene Fragmente, darunter fünf Schädel der mächtigen Tierart. (Bild: Archiv «St.Galler Tagblatt»)

Emil Bächler und seine Helfer bargen aus der Wildkirchli-Höhle nicht nur das ganze Skelett eines Höhlenbären, sondern auch verschiedene Fragmente, darunter fünf Schädel der mächtigen Tierart. (Bild: Archiv «St.Galler Tagblatt»)

Die Neuerscheinung «Kohle? Feuer? Mensch? Die Anfänge der Höhlenforschung in der Ostschweiz» hatte jetzt Vernissage. Der 200 Seiten starke Band von Sarah Leib, Laura Prim und Daniel Weber ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Auf den ersten Blick ist sein Erscheinungsbild aber überraschend: mehr Kunst als Buch. Das Titelbild bedarf der Erklärung, die Titelschrift ist unscheinbar, die Gliederung der Geschichte, die erzählt wird, ist nicht auf Anhieb zu erkennen.

Lehrer Graf und Emil Bächler, Drachenloch, 1903. (Bild: Stadtarchiv SG)
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Grundriss Wildenmannlisloch. (Bild: Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen)
Prähistorische Werkzeuge, Fundort: Wildenmannlisloch.
Höhlentagebuch, Drachenloch, Theophil Nigg, 9. August 1917. (Bild: Staatsarchiv Graubünden)
Markasit-Knolle, Fundort: Drachenloch. (Bild: Kantonsarchäologie  St.Gallen, 50‘000 Jahre alt ist der älteste Funde des Kantons St.Gallen)
Zähne eines Höhlenbären, Fundort: Wildenmannlisloch

Lehrer Graf und Emil Bächler, Drachenloch, 1903. (Bild: Stadtarchiv SG)

Wer sich allerdings allein vom ersten Eindruck abschrecken lässt, verpasst etwas. Beim zweiten Durchblättern und erst recht bei der vertieften Lektüre werden die Stärken des Bandes sichtbar, seine Breite und Vielfalt: Das Herausgeber-Trio legt eine umfangreiche Materialsammlung zur Geschichte der Ostschweizer Höhlenforschung vor. Im Zentrum steht die Zeit um 1900 bis zum Zweiten Weltkrieg.

Ein Blick ins Tagebuch des Höhlenforschers

Dabei durchziehen den Band gleich mehrere rote Fäden. Der zentrale ist die Person, der die Publikation gewidmet ist: der St.Galler Naturwissenschafter, Höhlenforscher und Museumskonservator Emil Bächler (1868–1950). Ein anderer sind die steinzeitlichen Höhlenfundorte, die dieser erforschte: Wildkirchli bei Schwende AI 1904 bis 1908, Drachenloch ob Vättis 1917 bis 1923, Wildenmannlisloch bei Wildhaus-Alt St.Johann 1923 bis 1927.

Und nochmals ein roter Faden ist das im Buch ausgebreitete Originalmaterial von Emil Bächler aus diversen Archiven und Sammlungen. Auf diesen Schatz sind die Herausgeber bei der Erarbeitung der Ausstellung zum 50-Jahr-Jubiläum der Kantonsarchäologie St.Gallen gestossen. Zentrale Teile dieses Materials gehören bis heute zu Stadtsanktgaller Museumssammlungen.

Sie liegen etwa im Natur- sowie im Historischen und Völkerkundemuseum. Eine Attraktion im neuen Naturmuseum ist zum Beispiel das vollständige Höhlenbären-Skelett, das Emil Bächler und sein Gehilfe Otto Köberle in der Wildkirchli-Höhle entdeckten. Seine Bedeutung für die modernen St.Galler Museen ist in einem eigenen Kapitel ausführlich beschrieben.

Martha Cunz dokumentiert das Wildkirchli

Zum breiten und darum spannenden Ansatz des Buchs passt, dass darin auch der St.Galler Holzschneiderin, Lithografin, Malerin und Zeichnerin Martha Cunz vorkommt. Das ihr gewidmete Kapitel wurde an der Buchvernissage vom Freitag noch vertieft. Was einen Blick auf die Menschen hinter der Geschichte erlaubt.

Das kleinere Ölbild «Wildkirchli» malte Martha Cunz 1910. Es kam als Schenkung von Elisabeth und Arnold Bächler 2005 in die Sammlung des Kunstmuseums St.Gallen. (Bild: Kunstmuseum St.Gallen/Sebastian Stadler)

Das kleinere Ölbild «Wildkirchli» malte Martha Cunz 1910. Es kam als Schenkung von Elisabeth und Arnold Bächler 2005 in die Sammlung des Kunstmuseums St.Gallen. (Bild: Kunstmuseum St.Gallen/Sebastian Stadler)

Im Zentrum der Anekdote steht ein Ölbild von Martha Cunz, das jahrzehntelang in verschiedenen Wohnungen der Familie Bächler hing und 2005 via Emil Bächlers Enkel Arnold ins Kunstmuseum gelangte. Es entstand 1910 und zeigt das Wildkirchli. Martha Cunz dokumentierte den wichtigen Wirkungsort von Emil Bächler, mit dem sie befreundet war, in mehreren Werken. Sie malte auch das grosse Bild des Wildkirchlis, das im 1911 eröffneten St. Galler Heimatmuseum hing.

Ein Bild für die Sammlung, eines fürs Bistro

Das kleinere Werk schenkte sie Emil Bächler. In der Wohnung des Höhlenforschers und später seines ältesten Sohnes fristete es aber ein Mauerblümchendasein. Die Legende besagt, dass der Hintergrund dafür bei den Frauen der Familie gelegen habe, denen das Verhältnis von Emil Bächler und Martha Cunz nicht ganz geheuer gewesen sei.

Heute gehört das Bild zur Sammlung des Kunstmuseums St.Gallen. Und es passe von der malerischen Qualität her absolut dorthin, sagt Samuel Reller, der es an der Buchvernissage vorstellte. Das grosse Wildkirchli-Bild aus dem Heimatmuseum ist übrigens auch erhalten geblieben: Es hängt im Bistro des Historischen und Völkerkundmuseums.

Im Buchhandel oder beim Verlag

«Kohle? Feuer? Mensch? Die ­Anfänge der Höhlenforschung in der Ostschweiz»: Die Neuerscheinung gibt’s für 42 Franken im Buchhandel oder auch direkt bei der Verlagsgenossenschaft St.Gallen.

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Peter Surber