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Serie

Leben in der Agglo (V): Eine «Trittbrettfahrt» von Teufen nach Speicher

Viele St. Galler sind nicht gut auf Teufen zu sprechen. Der Gemeindepräsident verteidigt sich. Die Speicherer kennen solche Animositäten nicht. Eine Reportage.
Johannes Wey
Von der Haltestelle Riethüsli geht es direkt in den Ruckhaldetunnel. Bild: Lisa Jenny

Von der Haltestelle Riethüsli geht es direkt in den Ruckhaldetunnel. Bild: Lisa Jenny

Leben in der Agglo

Beim Wort Agglomeration denken wir an Betonwüsten und Stau, aber nicht an unsere Wohngemeinden. Doch ob Landgemeinde wie Muolen oder Kleinstadt wie Gossau: Sie alle liegen im Sog der Stadt St.Gallen und bilden damit eine gemeinsame Agglomeration. In dieser Serie widmet sich die Redaktion Gossau/St.Gallen und Umgebung der «Agglo»: ihrem Verkehr, dem Wandel vom Bauerndorf zur Shoppingmeile und den politischen Grenzen, die sich in ihr immer mehr verwischen.

Am Bahnhof Teufen wird gebaut. Ein drittes Gleis muss her, damit die Züge besser kreuzen können. Im Dezember wurde die Durchmesserlinie in Betrieb genommen, seit März verkehren die Züge in Stosszeiten im Viertelstundentakt. Am Bahnhof stehen zwei Bankfilialen, ein Händler in einem Imbisswagen verkauft Kebab. Mercato Shop, Polizeiposten, Beck, das alles findet man direkt im Bahnhofsgebäude. Unter dem Perrondach suchen Passagiere Schutz vor dem Regen.

Das Steuerparadies Teufen grenzt unmittelbar an die Stadt St.Gallen. Zusammen mit Speicher zählt es in der Agglomeration St.Gallen – Bodensee zu den «lokalen Zentren». Trotzdem ist auf den ersten Blick zu sehen, dass beide Dörfer zum Appenzellerland mit seiner charakteristischen Architektur zählen. Die enge Nachbarschaft birgt Konfliktpotenzial: In St.Gallen schnödet man gerne über die Nachbarn als «Trittbrettfahrer». Das Klischee: «Der Teufener» verstopft mit seinem SUV die gleichnamige Strasse, wenn er von der steuergünstigen Wohngemeinde nach St.Gallen zur Arbeit fährt.

Der Teufner Gemeindepräsident Reto Altherr kennt diese Klagen. «Vieles davon basiert auf fehlenden Informationen.» Die Zusammenarbeit der Gemeinden St.Gallen und Teufen, aber auch der Kantone St.Gallen und Ausserrhoden funktioniere hervorragend. Sie verbinde eine historisch gewachsene Symbiose. So leisteten die Appenzeller beispielsweise namhafte Beiträge an Konzert und Theater St.Gallen.

Jeder Fünfte pendelt in die Stadt

Den Pendlerverkehr nach St.Gallen will zwar auch Altherr nicht wegdiskutieren. Jeder Fünfte der 6300 Einwohner arbeitet in St.Gallen. «Bevor ich Gemeindepräsident wurde, machte ich 30 Jahre lang das Gleiche», sagt der Ex-Banker. Allerdings leide nicht nur die Stadt unter dem Verkehr, der aus Teufen, aber auch aus dem übrigen Appenzeller Mittelland sowie Innerrhoden nach St.Gallen strömt.

Man spüre den Durchgangsverkehr und sei zudem Naherholungsgebiet, Kulturstandort und Einkaufsmeile, auch für St.Galler. Teufen sei ja mitgemeint, wenn sich St.Gallen als «Stadt im grünen Ring» vermarktet. «Viel Verkehr kommt auch in unsere Richtung. Das geht oft vergessen.» Er habe den Eindruck, dass sich die neuen Verbindungen bereits auf die Passagierzahlen auswirken, sagt Altherr. «Die direkte Verbindung zum Marktplatz wird geschätzt.» Er nehme selber oft den Zug, wenn er nicht zu viel Gepäck dabei habe.

Am Bahnhof Teufen wird gebaut. (Bild: Johannes Wey)

Am Bahnhof Teufen wird gebaut. (Bild: Johannes Wey)

Den 14.11-Zug nach Trogen mit Halt in St.Gallen besteigt ein gutes Dutzend Passagierinnen und Passagiere. Die Fahrt nach Speicher führt durch drei Ostwind-Zonen und kostet mit Halbtax 3.60 Franken. Natürlich fahren die wenigsten diese Strecke, denn auch Teufen und Speicher sind Nachbargemeinden. Mit dem Postauto dauert die Fahrt 12 Minuten, mit dem «Tango» 35. Das Ziel ist nicht, ohne umzusteigen, von Appenzell nach Trogen zu fahren, sondern eine bessere Anbindung ans S-Bahn- und Fernverkehrsnetz.

Im Dorf Teufen teilen sich Autos und Zug über weite Strecken die Strasse. Seit Jahren wird hier um den Ausbau auf eine Doppelspur oder den Bau eines Tunnels gerungen. Auf der gesamten Strecke bis ins Riethüsli stehen dem Bähnli blinkende Warnschilder an den Bahnübergängen Spalier. Unzählige Strassen und Zufahrten werden blockiert, wenn der Zug vorbeifährt.

Das Vorprojekt für den Pförtner liegt vor

Ab der Lustmühle verlaufen Strasse und Bahntrassee entlang des Wattbachs. Die Besiedelung endet jäh. Irgendwo in diesem Niemandsland soll sich dereinst der Verkehr stauen, der heute zu Stosszeiten die Teufener Strasse in St.Gallen lahmlegt: Eine Pförtneranlage mit Lichtsignal soll die Blechlawine kontrolliert in die Stadt lassen.

Feierabendverkehr auf der Teufener Strasse. (Bild: Benjamin Manser, 8. Februar 2016)

Feierabendverkehr auf der Teufener Strasse. (Bild: Benjamin Manser, 8. Februar 2016)

Das Vorprojekt liegt vor, sagt der stellvertretende Ausserrhoder Kantonsingenieur Urs Kast. Der «ambitionierte» Fahrplan sehe noch bis zum Jahresende die Vernehmlassung, die Information der Bevölkerung, die Projektierung und die Anträge für die Genehmigung von Projekt und Krediten vor. Sobald die Rückmeldungen zum Vorprojekt eingegangen seien, könne das Planauflageverfahren terminiert werden.

Die Diskussionen über den Pförtner haben das Verhältnis zwischen St.Gallen und Teufen in früheren Jahren spürbar abgekühlt. Reto Altherr, seit 2016 Gemeindepräsident, ist nicht grundsätzlich gegen eine solche Anlage, obwohl man die Pläne in Teufen kritisch beobachte. «Sie wird aber auf jeden Fall Anlass zu Diskussionen geben.» Entscheidend werde sein, dass sich keiner einseitig benachteiligt fühlen müsse. «Der Pförtner muss auch uns Vorteile bringen.»

Eine viel massgebendere Entlastung der Teufener Strasse verspricht sich Altherr aber vom Autobahnzubringer Appenzellerland mit einer unterirdischen Verbindung in die Liebegg. Damit rechnet er bestenfalls bis ungefähr 2040. Doch auch dann sei das Projekt noch «zukunftsweisend»: «Die Mobilität wird sich verändern, aber sie nimmt sicher nicht ab», ist Altherr überzeugt.

Nach Inbetriebnahme der Durchmesserlinie hat der motorisierte Individualverkehr im ersten Halbjahr 2019 gegenüber dem Vorjahreszeitraum jedenfalls um fast 5 Prozent abgenommen. Von 12700 sank die Zahl der Fahrzeuge auf 12100 pro Tag, zeigen Zählungen des St.Galler Tiefbauamts. Ob ein Zusammenhang besteht, lässt sich allerdings nicht sagen. Trotzdem verspricht sich die Stadt von der Durchmesserlinie eine Reduktion. Allerdings werden konkrete Auswirkungen erst nach zwei bis drei Jahren erwartet.

Mit dem Zug bis an den Marktplatz

Die Passagiere, die an der Haltestelle Riethüsli warten, können direkt in die Mündung des Ruckhaldetunnels blicken. Sie wurde mit dem Bau des Tunnels verschoben. An ihrem früheren Standort läuft gegenwärtig die Umgestaltung der Teufener Strasse.

Wo einst die Bahnlinien durchführten, wird die Teufener Strasse nun umgestaltet. (Bild: Johannes Wey)

Wo einst die Bahnlinien durchführten, wird die Teufener Strasse nun umgestaltet. (Bild: Johannes Wey)

Erneut steigt ein gutes Dutzend Fahrgäste in den «Tango». Darunter sind auch eine Mutter und ihre Tochter, die von der Durchmesserlinie profitieren. «Wir nehmen gerne den Zug, wenn wir bis an den Marktplatz müssen», sagt die Mutter. Das sei viel bequemer, als mit dem Bus am Bahnhof umzusteigen und auf Anschluss zu warten. Diese Funktion als innerstädtische «Tramverbindung» wollen die Appenzeller Bahnen mit dem Viertelstundentakt zu Hauptverkehrszeiten stärken. Für Aussagen zur Entwicklung der Passagierzahlen muss man sich aber noch ein paar Wochen gedulden, teilen die Appenzeller Bahnen mit.

Vom Marktplatz fährt die S21 an der Kantonsschule am Burggraben vorbei. Je nach Stundenplan sitzen auch viele Ausserrhoder Kantischüler im Zug – das Postauto ab Teufen kann mit dem Viertelstundentakt nicht mithalten. Für die Schüler muss es ein bitterer Anblick sein: Von der Haltestelle Spisertor, wo die St.Galler Kanti liegt, dauert die Fahrt nach Trogen nochmals 21 Minuten. Sie führt quer über den schönsten Kreisel der Stadt auf die Speicherstrasse. Sollte die Verkehrsabnahme auf der Teufener Strasse tatsächlich auf die Durchmesserlinie zurückzuführen sein, ist hier davon noch nichts zu spüren: Gemäss Verkehrszählung liegt sie im ersten Halbjahr 2019 unverändert bei rund 4200 Fahrzeugen pro Tag.

Bauarbeiten am Spisertorkreisel im September 2014: Bahnlinien queren den schönsten Kreisel der Stadt. (Bild: Coralie Wenger)

Bauarbeiten am Spisertorkreisel im September 2014: Bahnlinien queren den schönsten Kreisel der Stadt. (Bild: Coralie Wenger)

Weiter geht es über die Notkersegg und den Schwarzen Bären. Auch ins eigene Naherholungsgebiet kommen die St.Gallerinnen und St.Galler also nun mit ihrem neuen «Tram». Nur die Anwohner im Rank profitieren nicht davon. Die letzte Haltestelle auf Stadtgebiet wurde mit dem Fahrplanwechsel im vergangenen Dezember aufgehoben. Der Frust war nach zehnjährigem, vergeblichem Kampf gegen die Aufhebung gross.

Über Speicher wird nicht geschnödet

Nach der Vögelinsegg, wo viele St.Galler das Skifahren erlernt haben, gibt eine scharfe Biegung schon bald den Blick auf Speicher frei. Die reformierte Kirche ist auf ihrem Hügel schon von weitem zu sehen. Fast zeitgleich mit dem Zug trifft das Postauto aus Teufen am Bahnhof ein. Die Fahnen der Schweiz, des Kantons und der Gemeinde zeugen noch vom Bundesfeiertag.

Der Bundesfeiertag wirkt nach. (Bild: Johannes Wey)

Der Bundesfeiertag wirkt nach. (Bild: Johannes Wey)

Der Speicherer Gemeindepräsident Paul König sieht den grössten Vorteil der Durchmesserlinie im höheren Takt des Fahrplans. «Gute Verbindungen hatten wir schon zuvor, nun verteilen sich die Passagiere besser.» Zwei- oder dreimal sei er bisher ohne Umstieg nach Appenzell gefahren. «Das ist zwar komfortabel, aber nicht der Hauptnutzen der Durchmesserlinie auf Trogner Seite.» Er selber habe aber noch nicht festgestellt, dass nun mehr Einwohnerinnen und Einwohner seiner Gemeinde die Bahn nutzen würden. Auf der Speicherer Seite der Stadt beginnen die Bauarbeiten an der Durchmesserlinie aber gerade erst. König erwähnt insbesondere die Anpassung der Bahnhöfe, die rollstuhlgängig und Bahnübergänge die gesichert werden.

Obwohl auch von den knapp 4400 Speichererinnen und Speicherern täglich ein Fünftel nach St.Gallen pendelt, sehen sie sich keine Ressentiments wie die Teufener ausgesetzt. «Wir sind anders aufgestellt, weniger gross, ländlicher und steuerlich eher im Mittelfeld», mutmasst König. Dadurch sei die Durchmischung bei den Einwohnerinnen und Einwohnern anders. «Wir sind attraktiv für alle, die gerne nahe an der Stadt wohnen und doch im Grünen.» Dementsprechend wirbt die Gemeinde auch mit dem Slogan «naheliegend». «Das bezieht sich nicht nur auf die Nähe zu St.Gallen. Wir sehen uns einfach als die naheliegende Wahl.»

Im Rahmen der Serie bereits erschienen:

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