Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Die älteste St.Gallerin ist 108: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Francesca Placereani!

Einst Kriegsgefangene in Osteuropa, nun älteste St.Gallerin: Die Italienerin Francesca Placereani wird heute 108 Jahre alt.
David Gadze
Aus ihrem Zimmer blickt Francesca Placereani auf die Kathedrale. Früher war sie jeden Tag dort. Das lässt ihre Gesundheit nicht mehr zu. (Bild: Lisa Jenny)

Aus ihrem Zimmer blickt Francesca Placereani auf die Kathedrale. Früher war sie jeden Tag dort. Das lässt ihre Gesundheit nicht mehr zu. (Bild: Lisa Jenny)

«Die Hexe ist schuld», sagt Francesca Placereani. Schuld daran, dass sie im Mai stürzte, danach noch ein paar Mal. Schuld daran, dass sie jetzt im Rollstuhl sitzt. Bis vor wenigen Monaten hat sie die Morgentoilette selbst erledigt, sich angezogen und das Bett gemacht. Es war ein Stück Selbstständigkeit, das sie sich im Altersheim bewahrt hatte. Jetzt ist sie praktisch bei allem auf Hilfe angewiesen. Ihr Geist will zwar immer noch, doch der Körper hat nicht mehr genügend Kraft – auch daran ist die Hexe schuld. Sie ist das Sinnbild für das Schlechte im Leben.

Und dennoch: Man spürt diese Stärke, die immer noch in der zierlichen Italienerin steckt und die sie so alt hat werden lassen. Francesca Placereani ist die älteste Person in der Stadt St.Gallen. Vermutlich die Älteste, die je hier gelebt hat, heisst es beim Einwohneramt.

Heute wird sie 108 Jahre alt. Bis kurz vor ihrem 100. Geburtstag lebte sie allein in ihrer Wohnung, hütete die Enkelkinder, kochte regelmässig für die ganze Familie. Jetzt kümmern sich ihre Angehörigen um sie. Sie hat drei Kinder, acht Enkelkinder, sechs Urenkelkinder, im Januar kommt das siebte. Auch Ständerat Beni Würth gehört zu ihrer Familie. Er ist mit einer ihrer Enkelinnen verheiratet.

Das halbe Leben im Quartier verbracht

Francesca Placereani sitzt in ihrem Zimmer im Altersheim Schäflisberg und erzählt. Ihr halbes Leben hat sie hier im Quartier verbracht, sie wohnte mit ihrer Familie zuerst an der Berneggstrasse und dann an der Felsenstrasse. Sie spricht gebrochen Deutsch, das meiste erzählt sie auf Friaulisch, ihre Tochter, die sie jeden Tag besucht, und deren Schwiegertochter helfen bei der Übersetzung.

Die weissen Haare umrahmen ihr freundliches Gesicht, das Lebensfreude ausstrahlt. Die hellgrüne Bluse gibt ihr etwas Frühlingshaftes an diesem grauen und kalten Herbsttag. Ihre Augen sind wach, der Blick klar und aufmerksam. Man würde sie viel jünger schätzen. Ihre Haut hat wenig Falten, keine Altersflecken. Sie ist nicht vom Leben gezeichnet. Dabei liesse sich mit ihrer Geschichte ein Buch füllen. Eine der Enkelinnen schrieb einen Teil der Biografie ihrer Nonna gar als Maturaarbeit nieder. Den Teil bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, der auch für ihre Familie einen Neubeginn einläutete.

Aufgewachsen auf einem Bauernhof

Francesca Placereani, geborene Lucardi, kommt am 11.11.1911 in Plazzaris zur Welt, einem Weiler in der Nähe des Dorfes Montenars im Friaul. Die Eltern haben einen Bauernhof, halten Kühe und Hühner, produzieren Honig und züchten Seidenraupen, deren Kokons sie verkaufen. Ihr Vater geht 1913 als Gastarbeiter nach Argentinien, wo er bis 1925 bleibt.

Die Schule besucht sie bis zur dritten Klasse. Sie hilft mit auf dem elterlichen Hof, kümmert sich später selbst um ihn. Die Milch trägt sie zu Fuss ins drei Kilometer entfernte Nachbardorf in die Molkerei. In den 1930er-Jahren verlässt sie ihren Heimatort und geht via Padua nach Vigevano südwestlich von Mailand, wo sie als Dienstmädchen arbeitet. Einen Monat im Jahr hat sie Ferien und kehrt dann jeweils nach Hause zurück.

Im Zweiten Weltkrieg in Gefangenschaft geraten

1942 heiratet Francesca ihren Jugendfreund Giovanni Placereani, der ebenfalls aus Plazzaris kommt. Wegen der schlechten Bedingungen während des Zweiten Weltkriegs geht ihr Mann einen Monat nach der Hochzeit nach Kienberg in der Steiermark, um dort als Maurer zu arbeiten. Francesca arbeitet derweil bei einer Bauernfamilie im polnischen Breslau.

1943 folgt sie ihrem Mann nach Kienberg, dann geht das Paar nach Gloggnitz, wo Giovanni in einer Eisengiesserei arbeitet und Francesca für Gastarbeiter kocht und wäscht. Dort kommt ihr erstes Kind Carla zur Welt. Kurze Zeit später ziehen sie nach Neunkirchen in der Nähe von Wien. Als dort die Russen im April 1945 einmarschieren, plündern sie alles, vergewaltigen Frauen, von Mädchen bis zu Seniorinnen.

Francesca wird Zeugin der Gräueltaten, bleibt aber verschont. Die Russen nehmen die Familie jedoch in Kriegsgefangenschaft und deportieren sie über Wien, Budapest, Belgrad nach Bulgarien. Als sie erfahren, dass alle Gefangenen in ein Arbeitslager kommen sollen, fliehen sie. In Sofia verhaftet sie jedoch die Polizei und steckt sie ins Gefängnis. Nachdem sie an der griechischen Grenze den Amerikanern übergeben werden, kommen sie nach Thessaloniki in ein Flüchtlingslager. Schliesslich kehrt die Familie nach Plazzaris zurück.

Heimat ist, wo die Familie ist - und eine Kirche

1947, kurz nach der Geburt des zweiten Kindes, kommt Giovanni Placereani als Saisonnier nach St.Gallen. Neun Monate am Stück arbeitet er hier und kehrt für die übrigen drei Monate zu seiner Familie nach Italien zurück. 15 Jahre lange geht das so. Erst 1962, sechs Jahre nach der Geburt des dritten Kindes, folgt Francesca ihrem Mann in die Schweiz.

Zwei Jahre nach seiner Pensionierung stirbt Giovanni 1980 an einem Herzinfarkt, während er in Plazzaris beim Wiederaufbau der Häuser hilft, die das Erdbeben von 1976 zerstört hatte. Beerdigt ist er in St.Gallen. Denn hier haben die Placereanis eine neue Heimat gefunden, auch dank der vielen italienischen Familien, die sie kennen gelernt haben. Und Francesca braucht nicht viel, um sich an einem Ort wohlzufühlen: «Die Familie und eine Kirche», sagt ihre Schwiegerenkelin.

Der Glaube gibt ihr Kraft

Das Zimmer von Francesca Placereani ist einfach eingerichtet. Ein Bett, ein Schrank, eine Couch, ein kleiner Pult, ein Nachttisch, ein Tischchen mit Röhrenfernseher, davor Bilder der Familie. Den Fernseher braucht sie nie. Ihre Augen sind zu schwach. Darum fällt ihr auch das Lesen schwer. Dabei mag sie Bücher und Gedichte, hat früher selbst welche geschrieben. Ihrer Tochter diktierte sie gar den ersten Liebesbrief.

Das Zimmer von Francesca Placereani ist mit vielen religiösen Symbolen geschmückt. (Bild: Lisa Jenny)

Das Zimmer von Francesca Placereani ist mit vielen religiösen Symbolen geschmückt.
(Bild: Lisa Jenny)

An der Wand über der Couch hängen Bilder von Jesus und Maria, auf dem Nachttisch steht eine Mariafigur neben einem Engel. Und aus ihrem Fenster blickt sie direkt auf die Kathedrale. Der Glaube gibt Francesca Placereani Kraft. Sie betet täglich, hat immer einen Rosenkranz bei sich. Früher ging sie jeden Tag in die Kirche. Das ist inzwischen nicht mehr möglich. Seit sie im Rollstuhl sitzt, ist sie nicht mehr gerne draussen. Die Vibrationen beim Fahren behagen ihr nicht. Die wöchentlichen Gottesdienste in der Kapelle des Altersheims lässt sie sich aber nicht entgehen. Dann sitzt sie im Rollstuhl gleich neben dem Altar und spricht beim gemeinsamen Gebet auch die Passagen des Pfarrers mit.

Der Pfarrer war schon da zur Krankensalbung

Vor vier Wochen glaubte die Familie, dass Francesca Placereani sterbe. Sie hatte Atembeschwerden, der Pfarrer war bereits zur Krankensalbung gekommen. Doch sie betete – und erholte sich wieder. So feiert sie heute ihren 108. Geburtstag. Ihre Familie wird natürlich da sein, «nur» zwölf Personen, mehr ist im Altersheim nicht möglich.

Francesca Placereani hat immer einen Rosenkranz bei sich. (Bild: Lisa Jenny)

Francesca Placereani hat immer einen Rosenkranz bei sich. (Bild: Lisa Jenny)

Grosse Feste mag die Jubilarin ohnehin nicht. Für sie müsse die Familie kein Geld ausgeben. Sie ist genügsam, aber grosszügig. Und was ist ihr Geheimnis für ihr hohes Alter? «Wenig Fleisch, viel Gemüse.» Angst vor dem Tod hat sie nicht. «Irgendwann muss man sterben», sagt sie. Die Batterien ihres Herzschrittmachers, den sie mit 99 Jahren bekam, sollten noch drei Jahre halten, fügt sie mit einem Lachen an. Was sie sich noch wünscht? «Ins Paradies zu kommen. Aber das ist schwierig.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.