Serie

Die Adventskalender-Geschichte (9/24): Die Schicksale hinter der Polizeimeldung

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um einen Mann, der sich nach einem Autounfall zurück in den Alltag gekämpft hat. 

Linda Müntener
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129 Unfälle mit Fussgängern zählt die Kantonspolizei St.Gallen im Jahr 2017. Das sind knapp 11 pro Monat.

129 Unfälle mit Fussgängern zählt die Kantonspolizei St.Gallen im Jahr 2017. Das sind knapp 11 pro Monat.

Bild: Linda Müntener

Ich stand gerade in der Umkleidekabine eines Kleidergeschäfts, als die Nachricht kam, dass er von einem Auto angefahren worden war. Meine Knie wurden weich, ein Stechen im Bauch, das Herz pochte auf einmal so fest, dass es fast weh tat. Ich liess alles liegen und rannte raus.  

Linda Müntener, stv. Leiterin Online

Linda Müntener, stv. Leiterin Online

Bild: Urs Bucher

Dieser Unfall vor zwei Jahren, der meine Welt durcheinander brachte, erschien Tags darauf in der Zeitung als Randspalte. Ein paar Zeilen, wer, wann, wo, was, wie. Eine Meldung, wie tausend andere eben. Hinter jeder steckt ein Schicksal. Opfer von Verkehrsunfällen müssen sich oft jahrelang für eine Genugtuung und eine Entschädigung stark machen. Nicht selten leiden sie unter den Spätfolgen – sowohl unter den körperlichen als auch unter den psychischen. 

Was kommt nach einem Unfall? Das wollte ich in einer Reportage veranschaulichen. Ich kontaktierte die Opferhilfe. Diese bietet auch Verkehrsunfallopfern Unterstützung an. Man vermittelte mir einen Mann, der ebenfalls von einem Auto angefahren worden war. Ich traf mich mit ihm und seiner Frau. Der Mann hat immer noch Schmerzen, ist im Alltag eingeschränkt. Ich war berührt davon, wie die beiden das als Paar meistern. Der Unfall hat sie zusammengeschweisst, er hat ihnen gezeigt, was am Ende des Tages wirklich zählt. Sie leben nun bewusster, sagen sie. Das hat mich tief beeindruckt. 

Wer einem Verkehrsunfall zum Opfer fällt, ist nicht alleine. Bei der Opferhilfe in St.Gallen traf ich auf einfühlsame Mitarbeitende, die sich Zeit für jene nehmen, die ein solches Erlebnis verarbeiten müssen. Für Antworten auf die Fragen nach den Finanzen studierte ich Entschädigungskataloge der Unfallversicherung, suchte im Polizeiarchiv nach Zahlen und den Bemühungen der Behörden, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Die Zahl der Unfälle mit Fussgängern ist in den vergangenen Jahren im Kanton St.Gallen mehr oder weniger konstant geblieben. Und doch sagt die Polizei: 

«Leider sind wir bei so tiefen Zahlen dem Zufall erheblich ausgeliefert.»

Mir hat diese Geschichte gezeigt, dass man selbst aus einem tragischen Erlebnis Positives ziehen kann – mit der Unterstützung von Familie, Freunden und öffentlichen Institutionen. Und sie hat mir gezeigt, dass wir alle im Strassenverkehr achtsamer sein müssen. Ich schaue lieber einmal zu viel nach links und rechts, bevor ich die Strasse überquere. 

Die Reportage zum Nachlesen:

Alle bisherigen Beiträge aus der Adventsserie: