Serie
Die Adventskalender-Geschichte (24/24): Der erfüllte Lebenstraum von einem Hotel voller Glanz

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnungen im Berufsalltag zurück. Im letzten Beitrag geht es um die bewegende Geschichte einer Frau, die ihr Lebenswerk aufgegeben hat.

Raphael Rohner
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Die Hotelbesitzerin vom St.Galler «Hotel am Ring» geniesst einen letzten Kaffee. Die Dekorationen im Hotel waren weitherum bekannt.

Die Hotelbesitzerin vom St.Galler «Hotel am Ring» geniesst einen letzten Kaffee. Die Dekorationen im Hotel waren weitherum bekannt.

Bild: Raphael Rohner

Fast eine jede Geschichte bei der Zeitung beginnt als Gerücht. «Hast du schon das Neueste gehört? Man munkelt wieder, dass...». Oder es heisst am Tisch nebenan in der Beiz schlicht: «Da isch au no verruckt...» Und schon spitzt man als Reporter seine Ohren und beginnt sich die Menschen hinter den Gerüchten vorzustellen. Man stellt sich Fragen: Wer sind sie? Was haben sie erlebt? Wie kam es dazu? Dann macht man sich auf, den Gerüchten auf den Grund zu gehen.

Während 43 Jahren hat Eliane Vilarino ...
17 Bilder
... ihr Hotel am Ring in St.Gallen geführt. Sie hat ...
... ihr Hotel all die Jahre mit viel Herzblut geführt und nimmt...
... nun Abschied von ihrem Lebenswerk. Das Hotel war bis zuletzt...
... enorm beliebt bei Gästen aus dem In- und Ausland. Das Café ...
... im Erdgeschoss lockte mit hunderten Kristallkronleuchtern und...
...ausgesuchtem Dekor. Vilarino hat sich so die weite Welt ...
... in ihr Hotel geholt. Die Gäste kamen in den Genuss...
... von edelstem Porzellan zu essen. Das Hotel konnte seinen Charme...
... über alle Jahrzehnte bewahren. Auch gewisse Abläufe ...
... liefen noch wie vor 40 Jahren. Das Telefon zum Beispiel...
... wäre eigentlich ein Museumsstück. Doch tat es seinen Dienst und passte...
... hervorragend zu den Kristallkronleuchtern. Die Zimmer des Hotels...
...wurden bis ins kleinste Detail von Vilarino dekoriert. Die suchte ...
...teils über Jahre nach ihren kostbaren Stücken. So passte am Ende alles...
...in den Zimmern zusammen. Mit dem Ende vom herkömmlichen «Hotel am Ring»...
... geht Vilarino in den Ruhestand. Die Dekorationen des Hotels verschwinden.

Während 43 Jahren hat Eliane Vilarino ...

(Bilder: Raphael Rohner)

In diesem Fall ging es um eines der wohl schönsten und liebevollsten Hotels der Stadt St.Gallen. Ein Gerücht machte die Runde, dass es schliessen sollte und die Besitzerin einige hundert Kristall-Kronleuchter verkaufen müsse. Ich war schon einige Male dort und kannte den Sohn der Besitzerin. So schrieb ich ihm eine Whatsapp-Nachricht und wollte vorbeikommen. Erst druckste er herum, und schliesslich rief mich seine Mutter an: «Ja, es stimmt. Es wird sich vieles verändern», sagte Eliane Vilarino bewegt am Telefon. Ab dann war klar: Das könnte eine sehr emotionale Geschichte werden. Vilarino führte das Hotel 43 Jahre lang und erfüllte sich damit einen Traum, den sie bis zuletzt lebte.

Mein Reporter-Kollege Sandro Büchler und ich verabredeten uns bei Vilarino im Hotel zum Kaffee. Wir planten einige Fotos zu schiessen, einen Rundgang im Video festzuhalten und ein Gespräch mit ihr über ihr Lebenswerk zu führen. Beim Betreten des Hotels sass sie da inmitten ihrer Kristall-Kronleuchter und dem filigran dekorierten Café im Parterre des Hotels. Sie blickte zur Türe, und ich wurde nervös: «Das ist das Bild! Ich muss das gleich so schiessen!» Ich zückte meine Kamera und hielt den Moment fest. Danach tischte Eliane Vilarino uns Gebäck auf und machte Kaffee. Wir wurden mit einem Schlag in das aufregende Leben der Hotellerie geschubst und konnten uns kaum satthören an den Ausführungen der Hotel-Direktorin.

Eliane Vilarino führte ihr Hotel 43 Jahre lang. 2019 war Schluss, und das Hotel verwandelte sich.

Eliane Vilarino führte ihr Hotel 43 Jahre lang. 2019 war Schluss, und das Hotel verwandelte sich.

Bild: Raphael Rohner

Es folgten ein Rundgang im Hotel und die wohl ergreifendsten Szenen meines Jahres. Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten über vier Jahrzehnte an Ihrem Herzensprojekt, und dann müssen Sie es aufgeben. Wir standen in einem wunderschön dekorierten Hotelzimmer, und Vilarino lief durch das Zimmer, erklärte die Herkunft einer jeder Dekoration und die Geschichte eines jeden Stückes im Zimmer. Sie streichelte mit ihren Händen über feinen Vorhangstoff, strich die Falten glatt, und dann begradigte sie ein Bild an der Wand. Ich fragte sie, ob es ihr nicht schwer fallen würde, das alles aufzugeben...

Es folgte eins der ehrlichsten und bewegendsten Interviews des Jahres. Über die Zeit, über Lebensträume und wie man seinen Weg so geht. Das «Hotel am Ring» war Eliane Vilarinos Leben.

Zum Schluss unserer Begegnung fragten wir sie, was ihr die Zeit bedeute. Sie dachte kurz nach und erklärte ihr Verständnis dafür: «Ich schaue nie auf die Uhr. Ganz egal, ob es acht oder vierzehn Stunden waren, ich habe einfach immer gearbeitet, solange es Arbeit gab», sagte die 66-Jährige. Die Zeit nehme sie gar nicht wahr. «Erst wenn ich in den Spiegel schaue, bemerke ich, wie sehr ich mich in den Jahren verändert habe.» Eine wirklich besondere Begegnung mit einer Frau, einer echten Dame, die ihr Ziel über all die Jahre nie aus den Augen verloren hat. Ganz am Ende, bei der Verabschiedung, erzählte sie uns noch beiläufig über eine Entdeckung, die sie beim Gassigehen gemacht hatte. Ein weiteres Gerücht, das schon für Aufsehen in der Stadt gesorgt hatte. Und schon wieder waren wir auf dem Weg zu einer neuen Geschichte...

Die Begegnung mit der Hotelbesitzerin zum Nachlesen:
Alle restlichen Beiträge aus der Adventsserie:

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