Serie
Die Adventskalender-Geschichte (19/24): Zu Besuch bei der ältesten St.Gallerin

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um die älteste St.Gallerin, die während des Zweiten Weltkriegs als Kriegsgefangene nach Osteuropa deportiert wurde - und das im Gespräch mit keinem Wort erwähnte.

David Gadze
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Von ihrem Zimmer im Altersheim Schäflisberg blickt Francesca Placereani direkt auf die Kathedrale. Früher war sie jeden Tag dort.

Von ihrem Zimmer im Altersheim Schäflisberg blickt Francesca Placereani direkt auf die Kathedrale. Früher war sie jeden Tag dort.

Lisa Jenny

Einer der schönsten Aspekte am Beruf als Journalist ist, dass man die unterschiedlichsten Menschen trifft, vom Strassenwischer zum Stadtrat, vom Büezer zum Banker, vom Flüchtling zum Fussballstar. Oft sind es rein berufliche Treffen, mit dem simplen Ziel des Informationsaustauschs. Doch es gibt auch jene Begegnungen, die in Erinnerung bleiben, persönliche Geschichten, die bewegen, nachdenklich machen und gerührt zurücklassen.

David Gadze, Ressortleiter Stadt St.Gallen

David Gadze, Ressortleiter Stadt St.Gallen

Hanspeter Schiess

Eine der eindrücklichsten Begegnungen seit langem hatte ich vor rund einem Monat. Ich hatte das Vergnügen, die älteste Person in der Stadt St.Gallen zu porträtieren. Im November feierte Francesca Placereani, geboren am 11.11.1911, ihren 108. Geburtstag. Beim Treffen in ihrem Zimmer im Altersheim Schäflisberg war ich anfangs nicht sicher, ob sie überhaupt Freude hatte an meinem Besuch. Sie sei nicht wichtig, sagte sie gleich zu Beginn des Gesprächs. Auf Friaulisch – übersetzt von der Tochter und deren Schwiegertochter – und in gebrochenem Deutsch beantwortete sie die Fragen, erzählte aber wenig von sich aus. Sie sprach vom Leben in Italien, von der langen Zeit ohne ihren Mann, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Gastarbeiter in die Schweiz ging, von ihrem Leben in der neuen Heimat in St.Gallen. Und von ihrem Glauben, der dank zahlreicher religiöser Symbole und Bilder überall in ihrem sparsam eingerichteten Zimmer greifbar war und der ihr bis heute Kraft gibt. Irgendwann hatten sich die Fragen erschöpft.

Beim Abschied drückte mir Francesca Placereani dann aber sogar ein Küsschen auf die Wange – und eine ihrer Enkelinnen eine Maturaarbeit in die Hand, die ihre Cousine über die Nonna verfasst hatte. Ich konnte kaum glauben, was ich zu Hause dann las. Francesca Placereani erlebte nicht nur beide Weltkriege, sie war insbesondere vom Zweiten Weltkrieg direkt betroffen. Als Kriegsgefangene, die von den Russen zusammen mit ihrem Mann und der knapp zweijährigen Tochter über mehrere Stationen nach Osteuropa deportiert wurde. Davon hatte sie während des ganzen Gesprächs kein Wort gesagt.

Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr bewunderte ich Francesca Placereani. Nicht nur, weil sie bis kurz vor ihrem 100. Geburtstag alleine wohnte, ihre Enkelkinder hütete und in ihrer Rolle als gute Seele der Familie offensichtlich völlig aufging. Sondern auch, weil sie nicht über ihr Schicksal und die schlimmen Erlebnisse klagte und stattdessen das Schöne in den Vordergrund rückte. Die Kraft, die diese zierliche Frau immer noch hat – oder besser gesagt: aus ihrem Glauben schöpft – ist bewundernswert. Auch wenn sie seit einigen Monaten auf den Rollstuhl angewiesen ist, strahlt sie Lebensfreude aus. Und es scheint, als sei ihre Familie für sie immer noch eine Lebensaufgabe, auch wenn sich die Rollen inzwischen geändert haben.

Das Zimmer von Francesca Placereani ist mit vielen religiösen Symbolen geschmückt.

Das Zimmer von Francesca Placereani ist mit vielen religiösen Symbolen geschmückt.

Lisa Jenny

Beim Treffen (und beim Schreiben des Porträts) musste ich an meine Grossmutter in Kroatien denken, die heute ihren 99. Geburtstag feiert und in diesem hohen Alter – dank der grossen Hilfe von Verwandten – noch alleine wohnt, wie Francesca Placereani damals. Und die jetzt, wie jedes Jahr, eigens für die Feier ihres Wiegen- und des Weihnachtsfests angereist ist - mit dem Nachtzug. Ich bewundere diese beiden Frauen für ihren unbändigen Willen, ihre Stärke, ihren Widerstand gegen die Widrigkeiten des Lebens. Ihre Geschichten relativieren das Älterwerden auf eine sehr schöne Weise. Sie haben mir gezeigt, dass es ganz schön sein kann, 100 Jahre oder älter zu werden, wenn man auf diese Weise altern kann.

Und das sei noch gesagt: Alles Gute zum Geburtstag, Baka!

Alle bisherigen Beiträge aus der Adventsserie:

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