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Die Adventskalender-Geschichte (17/24): Die St.Gallerin, die Sterbenden die Angst vor dem Tod nimmt

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um eine St.Gallerin, die sich im Hospiz-Dienst engagiert und ihre Pensionszeit am Bett von schwerkranken Menschen verbringt.

Perrine Woodtli
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Hospiz-Freiwillige begleiten Sterbende und Schwerkranke in ihren letzten Tagen oder Stunden.

Hospiz-Freiwillige begleiten Sterbende und Schwerkranke in ihren letzten Tagen oder Stunden.

Bild: Getty

Es gibt Tage in der Redaktion, da fragen sich Journalistinnen und Journalisten: Was schreiben wir dieses Mal darüber? Fasnacht oder Ostern sind Beispiele solcher wiederkehrender Ereignisse. Oder Allerheiligen. Kurz vor dem 1. November dieses Jahres steckten wir deshalb die Köpfe zusammen.

Allerheiligen rückt den Tod in den Mittelpunkt. Die Idee war es schliesslich, mit jemandem vom Hospiz-Dienst St.Gallen zu reden. Dessen 85 Freiwillige begleiten Schwerkranke und Sterbende in der Region. Sie schenken Zeit, Trost und Gesellschaft.

Perrine Woodtli, Redaktorin

Perrine Woodtli, Redaktorin

Bild: Ralph Ribi

Mir wurde eine Frau aus der Stadt St.Gallen vermittelt. Sie sei seit dreieinhalb Jahren dabei, mit 78 Jahren die Älteste unter den Freiwilligen und eigne sich bestens. Als ich sie anrief, sagte sie mir, sie wolle ja eigentlich gar nicht mitmachen. Sie liess sich aber überreden. «Ich weiss nicht, wieso genau ich das Interview geben soll», sagte sie. Und sie mache doch eigentlich auch gar nichts. Dieser erste Eindruck von Bescheidenheit sollte sich mir in unserem Gespräch am Folgetag bestätigen.

Als ich die Räume des Hospiz-Dienstes betrat, traf ich auf eine kleine, fröhliche Frau. Sie war bunt gekleidet und geschminkt und machte den Eindruck, dass sie sich nun doch ein wenig auf das Interview freute. Die einzige Bedingung von ihr: Sie wollte anonym bleiben. Sie müsse nicht jedem unter die Nase reiben, dass sie sich hier engagiere. Ich nannte sie also Silvia B.

Ich hatte mir im Vorhinein Gedanken darüber gemacht, ob man irgendwann nach so vielen Krankenbesuchen auch etwas abgestumpft ist. Während Silvia B. erzählte und erzählte (sie entschuldigte sich mehrmals, dass sie ohne Punkt und Komma rede), wurde mir bewusst, dass dies nicht so ist. Ihr gehen die Besuche nahe, oft braucht sie danach ein paar Minuten für sich alleine. Die aufgeweckte Frau, die sich selber als Tropenvogel bezeichnet, verwandelte sich während des Gesprächs in eine nachdenkliche, ruhigere Person.

Nahe ging mir besonders eine Geschichte. Silvia B. erzählte mir, wie sie einmal eine Stube betrat und feststellte, dass ihr Gegenüber ihr vertraut war. Sie und der Mann, der nun schwach im Bett lag, kannten sich von früher, hatten sich aber länger nicht mehr gesehen. Mit einem leicht gequälten Lächeln sagte sie:

«Er erkannte mich nicht mehr. Das tat weh und war erschreckend.»

Während des Treffens hatte ich den Eindruck, Silvia B. wisse selber nicht, was sie leistet. Sogar mit knapp 80 Jahren macht sie auch Nachteinsätze und verbringt Stunden neben einer schlafenden Person. Das sei zwar nicht immer einfach, aber sie wolle eben etwas zurückgeben. Diese Einstellung imponierte mir. Die Welt braucht selbstlose Menschen wie sie. Menschen die ihre Zeit jenen schenken, die selber nicht mehr viel davon haben.

Der Freiwilligendienst habe ihre Einstellung zum Tod verändert, erzählte Silvia B. am Schluss unseres Gesprächs.

«Er hat mir die Angst davor genommen und gezeigt, wie man auf eine gute Art Abschied nehmen kann.»

Und so wie ihr die Angst vor dem Tod genommen wurde, nimmt auch Silvia B. die Angst auch jenen Menschen, denen das Ableben kurz bevorsteht. Viele haben Angst davor, alleine zu sterben. So lange es Menschen wie Silvia B. gibt, wird es aber immer jemanden geben, der ihnen die Hand hält.

Die Geschichte über die Sterbebegleiterin zum Nachlesen:
Alle bisherigen Beiträge aus der Adventsserie:

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