Serie
Die Adventskalender-Geschichte (16/24): Der Käser aus dem Krieg

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um Hayatullah Mohammadi, der aus Afghanistan floh, in der Käserei Muolen eine Lehrstelle fand – und mit einem Spitzenresultat abschloss.

Melissa Müller
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Hayatullah Mohammadi hat seine Käserlehre in Muolen mit der Note 5,6 abgeschlossen.

Hayatullah Mohammadi hat seine Käserlehre in Muolen mit der Note 5,6 abgeschlossen.

Bild: Urs Bucher

Dem Muolener Gemeindeblatt entnahmen wir, dass der Lehrling der Dorfkäserei seine Ausbildung mit der Glanznote 5,6 gemeistert hatte. Wobei es sich um einen ungewöhnlichen jungen Mann handelte: Hayatullah Mohammadi, geflohen aus dem Krieg in Afghanistan. Käse war ihm fremd, bevor er im Exil ankam.

Melissa Müller, Redaktorin.

Melissa Müller, Redaktorin.

Ralph Ribi

Meine Neugier war geweckt. Damals hatte ich afghanische Nachbarn, eine warmherzige junge Familie mit einem Baby. Das Paar – eine Englischlehrerin und ein Herrenschneider – büffelte ehrgeizig Deutsch, was unfassbar schwierig ist, wenn die Muttersprache Persisch ist. Sie klingelten oft an meiner Tür und überraschten mich mit Köstlichkeiten wie frittierten Gemüsetaschen. Durch unsere Begegnungen bekam ich eine Ahnung davon, was es heisst, alles zurückzulassen: Freunde, Familie, Beruf und Renommee. Um in der Schweiz, wo niemand auf dich gewartet hat, bei Null anzufangen. Als gläubige Muslime fiel es ihnen schwer, unsere Alkoholkultur zu verstehen. Sie staunten über die selbstbewussten Frauen in St.Gallen. Anfänglich irritiert, lernten sie die Vorzüge der Gleichberechtigung schätzen.

Wie geht es wohl einem afghanischen Käser in Muolen? Hat er einen ähnlichen Kulturschock erlebt? Hayatullah Mohammadi zog es allerdings nicht ins Rampenlicht. Das Interview mit dem «Tagblatt» gab er seinem geschäftstüchtigen Chef zuliebe. Wir zogen uns kurz in die Küche der Käserei zurück, um unter vier Augen zu reden. Ich lernte einen höflichen, zurückhaltenden 35-Jährigen kennen, der sein Schicksal mit Würde trägt. Eigentlich hätte er gern Politik studiert. «Wäre ich in jüngeren Jahren in die Schweiz gekommen, wäre es vielleicht möglich gewesen», sagte er. Da schwang leises Bedauern mit.

Kurz nach dem «Tagblatt»-Artikel bat auch die Bauernzeitung Hayatullah Mohammadi um ein Interview. Diesmal sagte er Nein.

Das Gespräch mit dem Käser aus Afghanistan zum Nachlesen:
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