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Die Adventskalender-Geschichte (12/24): Wie die Bäckerei Gehr über Nacht verschwand – oder: Das hochemotionale Treffen mit einem entlassenen Mitarbeiter 

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um den überraschenden Konkurs der Bäckerei Gehr, der im Juli das Fürstenland aufrüttelte.

Sandro Büchler
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Lichterlöschen bei der Bäckerei Gehr: Im Juli musste die Bäckerei mit ihren sechs Filialen Konkurs anmelden.

Lichterlöschen bei der Bäckerei Gehr: Im Juli musste die Bäckerei mit ihren sechs Filialen Konkurs anmelden. 

Bild: Benjamin Manser

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Die Bäckerei Gehr ist Konkurs! Der Dorfbeck schlechthin. Ein Traditionsbetrieb mit einer 111-jährigen Geschichte, voller Herzblut und Leidenschaft: Einfach so vorbei, Schluss, aus. Wie konnte es so weit kommen?

Sandro Büchler, Redaktor.

Sandro Büchler, Redaktor.

Bild: Ralph Ribi

Es war Donnerstag in der ersten Woche der Sommerferien, als in der «Tagblatt»-Redaktion ein Bild eintraf. Darauf zu sehen war eine amtliche Versiegelung der Bäckereifiliale in Gossau. Der journalistische Reflex: Stimmt das wirklich? Das Bild muss verifiziert werden. Anruf beim kantonalen Konkursamt. «Ja, über die Firma Begehrenswert AG wurde durch das Kreisgericht St.Gallen ein Konkursverfahren eröffnet.» Alle sechs Filialen in Gossau, Arnegg, Andwil, Degersheim und Herisau sind versiegelt. Der Zutritt zu den Filialen richterlich untersagt.

Um 17.40 Uhr am 11. Juli ging der Artikel, in dem der Konkurs bestätigt wurde, auf tagblatt.ch online. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Tausende Ostschweizerinnen und Ostschweizer beschäftigte das Aus des Dorfbecks. Was war schiefgelaufen? Die Frage nach dem Warum interessierte die Bevölkerung brennend. Bereits kurz nach der Veröffentlichung machten Gerüchte die Runde, Mutmassungen wurden geäussert. Es sei schon länger bergab gegangen. Kunden vergrault worden. Andere schworen auf die bekannte Himbeerroulade. Was geschieht mit den 60 Mitarbeitern, welche die Bäckerei Gehr laut ihrer Firmenwebseite beschäftigte? Fragen über Fragen. Wir mussten mehr wissen.

An diesem Abend und in den folgenden Tagen versuchte ich immer wieder die Geschäftsleitung zu kontaktieren. Per Telefon, E-Mail, über ihnen nahestehende Personen. Doch die Geschäftsleitung ging auf Tauchstation. Die Führungsriege einer Firma muss sich nicht über ihr Geschäft äussern, das ist ihr gutes Recht. Besonders in der wohl dunkelsten Stunde der Firmengeschichte. Doch nur zu gerne hätte man mehr gewusst.

«Alles ist futsch»

«Finde heraus, was du kannst», hiess es deshalb am kommenden Tag, einem Freitag. Früh fuhr ich nach Gossau. Ich dachte, manche hätten noch nichts vom Konkurs gehört und würden nun verdutzt vor den geschlossenen Ladentüren stehen. Doch dies war ein Irrglaube. Die ganze Stadt schien bereits vom Lichterlöschen beim Dorfbeck gehört zu haben. In der Pizzeria kommentieren die Gäste das Aus mit «schlimm» und «schade». Ansonsten auch hier Mutmassungen.

Ich begann, Passanten zu befragten. Einer der Befragten erzählte mir sogleich, sein Mitbewohner habe bei der Bäckerei gearbeitet. Ihm sei nun gekündigt worden. Nach der Hiobsbotschaft habe er zwei Nächte kein Auge zugemacht. Ich fragte vorsichtig, ob ich mit dem Mann reden könne. Er kontaktierte ihn, und nur wenig später kam der Mann dazu. Er sprach leise, in gebrochenem Deutsch, war niedergeschlagen und traurig. Die Arbeit in der Bäckerei habe ihm Sicherheit gegeben. Er stamme aus dem Balkan, und der Job bei der Bäckerei sei ihm wichtig gewesen. Er wisse nicht, ob er so schnell wieder eine Arbeit finde. Seine Existenz schien in Frage gestellt zu sein. Von einem Moment auf den anderen sei alles futsch.

Er habe nun einen Termin beim RAV. Ohne dass er es sagen musste, war klar, wie schwer ihm dieser Gang fiel. Den Mann, der da vor mir stand, hatte der Verlust seiner Arbeitsstelle sichtlich getroffen. Ihn offensichtlich aus der Bahn geworfen. Er verkörperte das Aus der Dorfbäckerei, er gab ihm ein Gesicht. Er war ein Sinnbild für den abstrakten Begriff «Niedergang». Und er tat mir leid. Als er sich verabschiedete, vergass ich, ihn nach seinem Namen zu fragen. Nur zu gerne würde ich ihn heute fragen, wie er die Situation verkraftet hat, wie es ihm heute geht.

Einige Minuten nach dieser kurzen, aber sehr aufwühlenden Begegnung sah ich auf meinem Handy eine Mitteilung der Gehr-Geschäftsleitung. 43 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seien vom Konkurs betroffen. Der Betrieb sei aus «wirtschaftlichen Gründen» eingestellt worden. Die Worte klangen hohl, ohne Emotionen und distanziert. Denn was «wirtschaftliche Gründe» aus einem Mann machen, hatte ich kurz zuvor beim namenlosen Mann gesehen.

Die Geschäftsleitung hat sich bis heute nicht weiter zum Konkurs geäussert.

Das Treffen mit dem geschockten Mitarbeiter zum Nachlesen:
Alle bisherigen Beiträge aus der Adventsserie: