Die acht Kandidatinnen und Kandidaten für den St.Galler Stadtrat schenken sich auf dem «Tagblatt»-Podium nichts – noch kein klarer Favorit fürs Stadtpräsidium erkennbar

Die Kandidaten fürs Stadtpräsidium haben sich am «Tagblatt»-Podium über Steuerfuss, Führungsstärke und Wachstum gestritten. Auch die Kandidaten für den Stadtrat kreuzten im Pfalzkeller am Dienstagabend die Klingen.

Luca Ghiselli
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Der Kampf ums Stadtpräsidium

Wer schafft den Sprung ins Stadtpräsidium? Maria Pappa (SP), Markus Buschor (parteilos) und Mathias Gabathuler (FDP) während der Diskussion am «Tagblatt»-Podium im Pfalzkeller. Flankiert werden die Kandidaten von den Moderatoren Daniel Wirth (links) und Reto Voneschen (rechts).

Wer schafft den Sprung ins Stadtpräsidium? Maria Pappa (SP), Markus Buschor (parteilos) und Mathias Gabathuler (FDP) während der Diskussion am «Tagblatt»-Podium im Pfalzkeller. Flankiert werden die Kandidaten von den Moderatoren Daniel Wirth (links) und Reto Voneschen (rechts).

Bild: Nik Roth (8. September 2020)

Es war ein lebhaftes Hin und Her, das sich die drei Kandidierenden für das St.Galler Stadtpräsidium am Dienstagabend am «Tagblatt»-Podium vor 150 Interessierten lieferten. Die ganz grossen Angriffe blieben zwar aus. Trotzdem verlief die von den «Tagblatt»-Stadtredaktoren Daniel Wirth und Reto Voneschen moderierte Diskussion stellenweise hitzig.

Gabathuler und die Kapitänsrolle

Mathias Gabathuler, FDP-Kandidat fürs Stadtpräsidium.

Mathias Gabathuler, FDP-Kandidat fürs Stadtpräsidium.

Bild: Nik Roth

Mathias Gabathuler (FDP) begründete gleich zu Beginn, warum ein Quereinsteiger dem Stadtpräsidium gut täte: «Es braucht einen liberalen Geist, der Aufbruchstimmung erzeugt.» In den vergangenen zehn Jahren habe er als Rektor der Kantonsschule am Brühl bewiesen, dass er seine Führungserfahrung «wirksam umsetzen» könne. Gabathuler propagierte das Ziel von 100000 Einwohnern für die Stadt St.Gallen. «Die Vision des Stadtrats darf nicht Lippenbekenntnis bleiben.»

Angriffiger wurde der Freisinnige nur selten. Zum Beispiel, als er dem Stadtrat ein schlechtes Zeugnis in punkto Führungsstärke in der Coronakrise ausstellte. «In Krisenzeiten muss der Kapitän auf die Kommandobrücke. Das habe ich im Lockdown vermisst. Wo war der Stadtrat?» Der Aussenseiter im Kampf ums Stadtpräsidium landete damit einen Treffer. Sowohl Schuldirektor Markus Buschor als auch Baudirektorin Maria Pappa machten insofern Eingeständnisse, als dass man gegen aussen stärker hätte auftreten können.

Pappas Brandrede gegen den «Frauenbonus»

Maria Pappa, Baudirektorin und SP-Stadtpräsidiumskandidatin.

Maria Pappa, Baudirektorin und SP-Stadtpräsidiumskandidatin.

Bild: Nik Roth

Angriffig und temperamentvoll zeigte sich in der weiteren Diskussion insbesondere die Sozialdemokratin Maria Pappa. Auf die Frage, ob acht Jahre in der städtischen Politik nicht etwas wenig seien für das Stadtpräsidium, erwiderte sie: «Markus Buschor hat auch acht Jahre Erfahrung, und Mathias Gabathuler gar keine.» Die Direktion Planung und Bau habe vor ihrer Zeit immer wieder für Negativschlagzeilen gesorgt, mit ihr sei Ruhe eingekehrt.

Auch vom «Frauenbonus» wollte Pappa nichts wissen. «Wer diesen Begriff verwendet, hat etwas nicht begriffen», rief Pappa merklich verärgert. Es habe in den 100 Jahren seit der Stadtverschmelzung gewiss viele Frauen gegeben, die geeignet gewesen wären. Dass es trotzdem keine zur Stadtpräsidentin geschafft habe, spreche für sich. Auf die Frage, ob sie die dritte Röhre durch den Rosenbergtunnel und die Teilspange in die Liebegg befürworte: «Ich trage als Bisherige den Entscheid des Gesamtstadtrats mit. Aber das letzte Wort wird die Stimmbevölkerung haben, und darauf freue ich mich.»

Buschors Sachpolitik und der Schulstreit

Markus Buschor, Schuldirektor und parteiloser Kandidat fürs Stadtpräsidium.

Markus Buschor, Schuldirektor und parteiloser Kandidat fürs Stadtpräsidium.

Bild: Nik Roth

Markus Buschor trat indes zurückhaltender auf als Pappa und Gabathuler. Auf die Frage, warum er nicht an der Smartvote-Umfrage teilgenommen habe, antwortete er: «Ich betreibe seit acht Jahren Sachpolitik und zähle darauf, dass mich die Bürgerinnen und Bürger entsprechend wahrnehmen.» Er habe in den vergangenen zwei Legislaturen bewiesen, auch unpopuläre Entscheide vertreten zu können. Der Schuldirektor führte die Schliessung des Schulhauses Tschudiwies an. «Die Entscheidung war äusserst unpopulär, aber richtig. Und jetzt ist das Schulhaus belebt mit einer neuen Nutzung.»

Auch zum Schulstreit, der Ende 2019 in der Kündigung der Schulchefin Marlis Angehrn gipfelte, äusserte sich Buschor: «Das war nur in der Aussenwahrnehmung ein Streit. Nach aussen war’s laut, intern haben wir die Situation bewältigt und einen Schlussstrich gezogen.»

Die drei Kandidierenden fürs Stadtpräsidium (von links): Maria Pappa (SP), Markus Buschor (parteilos) und Mathias Gabathuler (FDP).

Die drei Kandidierenden fürs Stadtpräsidium (von links): Maria Pappa (SP), Markus Buschor (parteilos) und Mathias Gabathuler (FDP).

Bild: Nik Roth

Zum Schluss kam mit dem Steuerfuss ein Dauerbrenner der städtischen Politik aufs Parkett. Während Pappa und Buschor bekräftigten, dass man den aktuellen Steuerfuss brauche, um die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen und auf das ausgebaute Angebot sowie die hohen Zentrumslasten der Hauptstadt verwiesen, blies Gabathuler zum Schlussangriff: «Wir verlieren jedes Jahr mehrere Millionen Franken Steuersubstrat, weil gute Steuerzahler abwandern. Längerfristig muss eine Senkung deshalb das Ziel sein.»

Die Neuen: Winters Parteibuch, Cozzios Alter

Trudy Cozzio (CVP), Karin Winter-Dubs (SVP) und Markus Müller (parteilos) stellen sich den Fragen der «Tagblatt»-Moderatoren Daniel Wirth (ganz links) und Reto Voneschen (ganz rechts).

Trudy Cozzio (CVP), Karin Winter-Dubs (SVP) und Markus Müller (parteilos) stellen sich den Fragen der «Tagblatt»-Moderatoren Daniel Wirth (ganz links) und Reto Voneschen (ganz rechts).

Bild: Nik Roth

In der Runde mit den Neuen wurde eines schnell klar: Markus Müller wurde seiner Aussenseiterrolle gerecht. Der Hauswart des Rathauses kandidiert als Parteiloser, liess sich partout nicht politisch einordnen («Ich bin ein vernetzt denkender Pragmatiker») und wiederholte mantraartig, wie wichtig ihm das Vorantreiben der Digitalisierung sei.

Die 62-jährige Trudy Cozzio (CVP) sah sich in der Dreierrunde gleich zu Beginn mit kritischen Fragen bezüglich ihres Alters konfrontiert. «Das bedeutet auch Lebenserfahrung», konterte sie. Auf das Nachhaken des Moderatorenduos reagierte Cozzio irritiert: «Ich bin gut erhalten. Wenn ich gesund bleibe, liegen zwei Amtszeiten drin.» Cozzio argumentierte für den Wiedereinzug der CVP in den Stadtrat – allerdings wenig überzeugend: Die Stadt sei nicht nur links und grün, jede Gruppierung sollte vertreten sein.

Karin Winter-Dubs (SVP) ihrerseits will für die SVP den ersten St. Galler Stadtratssitz der Parteigeschichte erobern. Die Frage von «Tagblatt»-Stadtredaktionsleiter Daniel Wirth, ob sie ihren Beitritt zur SVP im Wahlkampf schon bereut habe, beantwortete sie mit einem klaren Nein.

Linke SVPler und eine Wachstumsdiskussion

«Ich wurde vor 30 Jahren Mitglied, als es um den EWR und die Unabhängigkeit der Schweiz ging. Daran hat sich nicht viel geändert.» Es könne im übrigen auch linke SVPler geben. «Das wird mir auch oft nachgesagt.»

Die SVP-Fraktionspräsidentin im Stadtparlament überzeugte generell durch ihr gradliniges Auftreten – so auch bei der Antwort auf die Frage nach der fehlenden Wahlempfehlung des Frauenstreik-Kollektivs: «Ich bin immer ehrlich – und entsprechend habe ich auch ihren Fragebogen ausgefüllt.»

In der Faktencheck-Runde zum Schluss herrschte dann bis auf eine Ausnahme heiter Einigkeit bei den Neuen. Dritte Röhre und Tunnel in die Liebegg? Dreimal ja. Rettung der Olma durch Stadt und Kanton? Dreimal ja. 100000 Einwohner? Da gingen die Meinungen auseinander. Winter-Dubs sagte, man müsse erst die eigenen Probleme lösen und sicherstellen, dass es der Stadtbevölkerung gut gehe. «Wachsen können wir nur mit Fusionen, aber mit diesen Unterschieden bei den Steuerfüssen funktioniert das nicht.» Trudy Cozzio plädierte für ein Wachstum bei den Arbeitsplätzen in der Privatwirtschaft und für attraktiven Wohnraum. «Die Leute sollen kommen und bleiben.» Und Markus Müller sagte dass man einen Zuwachs von 20 Prozent erst einmal managen müsse.

Die Bisherigen: Jans' zukünftige Lieblingschefin und Lüthis leerer Wahlzettel

Sonja Lüthi (GLP) und Peter Jans (SP) auf dem «Tagblatt»-Podium im Pfalzkeller.

Sonja Lüthi (GLP) und Peter Jans (SP) auf dem «Tagblatt»-Podium im Pfalzkeller.

Bild: Nik Roth

Den Anfang am «Tagblatt»-Podium im Pfalzkeller haben mit Peter Jans (SP) und Sonja Lüthi (GLP) jene beiden bisherigen Stadträte gemacht, die nicht fürs Präsidium kandidieren. Ihre Nicht-Kandidatur fürs Präsidium war denn auch gleich eingangs der Runde Thema. Peter Jans sagte, er hätte sich eine Kandidatur gut vorstellen können. Es sei aber für ihn klar gewesen, dass er seiner Parteikollegin Maria Pappa den Vortritt lasse.

Auch Sonja Lüthi sagte, sie habe sich eine Kandidatur lange überlegt. Dann sei sie aber zum Schluss gekommen, dass sie nach zweieinhalb Jahren als Sozial- und Sicherheitsdirektorin eine gute Balance zwischen Berufstätigkeit und Privatem gefunden habe und dort ihre Projekte weiterführen wolle.

Peter Jans antwortete auf die Frage, ob Maria Pappa denn auch seine Lieblingschefin wäre: «Die zukünftige Stadtpräsidentin ist zwar nicht die Chefin. Aber ich wünsche mir, dass Maria Pappa auf dem Stuhl von Thomas Scheitlin sitzt.» Sonja Lüthi gab sich in dieser Frage bedeckter. Ihr Wahlzettel sei noch nicht ausgefüllt und sie höre am Podium aufmerksam zu.

Unter dem Radar in den Stadtrat fliegen?

Ob der Verzicht auf die Kandidatur fürs Stadtpräsidium ein Nachteil im Wahlkampf sei, könne man noch nicht sagen, meinte Lüthi. Es sei zwar schade, dass der Fokus hauptsächlich auf dem Rennen um das Stadtpräsidium liege. Aber: «Jeder Stadtrat kann viel bewirken und in der Exekutive ist jede Stimme ausschlaggebend.» In eine ähnliche Kerbe schlug Peter Jans. Vielleicht sei es ja auch möglich, unter dem Radar wieder in den Stadtrat zu fliegen, gab er zu bedenken.

Welchen Themen wollen sich Jans und Lüthi in der kommenden Legislatur schwerpunktmässig widmen? Sonja Lüthi erwähnte die Altersstrategie und den demografischen Wandel, Jans die Klimapolitik. «Wir haben viel vor in den nächsten Jahren.» Es sei ein schönes Gefühl, dass seine Projekte an der Urne stets auf viel Zuspruch stössen, sagte er. «Aber das liegt nicht an mir, das liegt an den Themen.»

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