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Deutsch für Flüchtlinge: Die St.Galler Sprachschule Integra zieht um

Die Sprachschule Integra ist für Asylsuchende in der Region St.Gallen die erste Anlaufstelle, um Deutsch zu lernen. Jetzt zügelt die Schule von St.Fiden ins «Tschudiwies». Das hat vor allem Vorteile, aber auch einen Nachteil.
Roger Berhalter
Blick ins Klassenzimmer: Lehrerin Myriame Schlegel bringt ihren Schülern neue Wörter bei. (Bilder: Benjamin Manser)

Blick ins Klassenzimmer: Lehrerin Myriame Schlegel bringt ihren Schülern neue Wörter bei. (Bilder: Benjamin Manser)

«Kennen Sie Pippi Langstrumpf?», fragt Lehrerin Myriame Schlegel in die Runde. Im Klassenzimmer sitzen vier Frauen und vier Männer. Immerhin zwei der Migranten haben schon vom frechen Mädchen mit den Zöpfen gehört. Anhand von Pippi Langstrumpf bringt die Lehrerin ihren Schülern einige neue Wörter bei. «Wo sitzt das Äffchen? Auf der Schulter, genau.»

Szenen wie diese sind im alten Schulhaus in St. Fiden Alltag. Früher war hier an der Oststrasse die Scuola Italiana zu Hause, Gastarbeiter-Kinder wurden nach italienischem Lehrplan unterrichtet und so auf ihre Rückkehr in die Heimat vorbereitet. Seit 2010 befindet sich hier die Sprachschule Integra, und Asylsuchende aus aller Welt gehen ein und aus. Im Moment vor allem Afghanen, Syrierinnen, Iraker, Iraner, Eritreer, Tibeterinnen, Somalierinnen und Äthiopier. Viele von ihnen kommen in St.Fiden zum ersten Mal mit der deutschen Sprache in Kontakt.

Freiwillig, ehrenamtlich und kostenlos

Christian Crottogini koordiniert den Integra-Schulbetrieb

Christian Crottogini koordiniert den Integra-Schulbetrieb

In drei Klassenzimmern unterrichten rund 60 Lehrerpersonen insgesamt 350 Schülerinnen und Schüler. Die Zimmer sind unter der Woche von morgens bis abends belegt, ein weiterer Raum steht seit einem Jahr im Pfarreizentrum zur Verfügung. «Wir müssen nicht Werbung machen, an unseren Aufnahmeterminen stehen die Leute jeweils Schlange», sagt Christian Crottogini. Der ehemalige Leiter des städtischen Schulamtes koordiniert seit zwei Jahren den Integra-Betrieb. Er klärt ab, wie gut jemand schon Deutsch spricht, er verteilt die Schüler und Lehrer auf die Klassenzimmer, und er steht für Sprechstunden zur Verfügung. Crottogini tut dies ehrenamtlich, so wie alle bei Integra: Die Lehrer arbeiten ohne Lohn, auch die Schüler sind alle freiwillig da. Der Unterricht ist für sie kostenlos.

In der Sprachschule büffeln vor allem Asylsuchende mit dem Ausweis N, also Migranten, die mitten im Asylverfahren stecken und noch nicht wissen, ob sie länger in der Schweiz bleiben dürfen. «Was Deutschförderung betrifft, läuft bei ihnen nichts», sagt Crottogini. In der Regel bezahle die Gemeinde erst anerkannten Flüchtlingen einen Deutschkurs.

Die Integra möchte diese Lücke füllen und auch jenen Asylsuchenden das Deutschlernen ermöglichen, die den Gemeinden der Region frisch zugewiesen worden sind. «Die bestehenden Angebote genügen nicht, deshalb braucht es uns», sagt Crottogini. Die Quartierschulen beispielsweise seien zwar wichtig für die Integration, reichten aber bei weitem nicht aus, um Deutsch zu lernen. «Man kann in ein paar Wochen keinen Grundwortschatz vermitteln.»

Mit Händen und Füssen und Tablet

Vom blutigen Anfänger, der erst einmal das Alphabet lernen muss, bis zur Fortgeschrittenen, der schon Bücher lesen kann: In der Integra sind alle Lernstufen vertreten. Oft gilt es zunächst einmal kulturelle Unterschiede zu klären, bevor der Sprachunterricht beginnen kann. Wenn Crottogini in der Klasse zum Beispiel von früher erzählt, sind Tibeter irritiert, denn sie kennen in ihrer Sprache keine eigentliche Vergangenheitsform. Wenn Crottogini seine Schüler bittet, das Buch auf Seite 5 aufzuschlagen, beginnen Afghanen von hinten her zu blättern – sie lesen und schreiben von rechts nach links.

Mit Händen und Füssen und mit dem Tablet könne man solche Missverständnisse klären, sagt Crottogini. Zudem seien alle Lehrerpersonen gut geschult, denn viele würden auch beruflich als Lehrer oder Ausbildner arbeiten. Zum Team gehören zudem Ärzte, Anwälte, Pfarrer, ein Journalist sowie Studenten der HSG und der Pädagogischen Hochschule.

Finanziert durch die Gemeinden

Finanziell geht es der Integra besser als auch schon, denn sie ist nicht mehr nur von Spenden abhängig. Die Stadt St.Gallen hat ihren jährlichen Beitrag von 50000 auf 80000 Franken erhöht, auch Gossau, Wittenbach und Mörschwil beteiligen sich finanziell. «So ist es machbar», sagt Crottogini. Mittlerweile lägen auch Teamanlässe und interne Weiterbildungen für die Lehrpersonen drin.

Solihaus nicht mehr in der Nachbarschaft

Die Integra bekommt nicht nur mehr Geld, sondern bald auch mehr Platz. Sie zügelt ins «Tschudiwies» und wird dort ab August im leer stehenden Primarschulhaus fünf Klassenzimmer nutzen. Crottogini freut sich auf die modernen Räume, doch habe der Umzug auch einen Nachteil: Die Nähe zum Solihaus geht verloren, einem wichtigen Treffpunkt für Migranten. Das Solihaus ist wie die Integra eine Institution des Solidaritätsnetzes Ostschweiz. Die Schule tritt gegen aussen als eigenständiger Verein auf.

«Wie nennt man diese Frisur?» Myriame Schlegel zeigt ihren Schülern ein Bild von Pippi Langstrumpf auf dem Tablet. «Ja, das ist ein Zopf. Es gibt auch Brot, das Zopf heisst.» Und schon haben die Migranten wieder etwas Deutsch gelernt und ein wenig Schweizer Kultur verstanden.

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