Der Wirtschaftsstandort St.Gallen verharrt im Mittelfeld

Wie steht es um die Wirtschaft und die Arbeitsplätze in der Region St.Gallen? Das wollte eine Studie wissen. Das Ergebnis ist zwiespältig.

Sandro Büchler
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Blick Richtung Silberturm und St. Fiden: Hier sieht der Stadtpräsident Potenzial für einen «Medtech-Cluster». (Bild: Urs Bucher)

Blick Richtung Silberturm und St. Fiden: Hier sieht der Stadtpräsident Potenzial für einen «Medtech-Cluster». (Bild: Urs Bucher)

Die Studie hielt den versammelten Wirtschafts- und Gewerbevertretern im «Walhalla» den Spiegel vor. Das Basler Forschungsinstitut BAK Economics hatte im Auftrag von Wirtschaft Region St.Gallen (WISG) den Wirtschaftsraum St.Gallen untersucht. Die Resultate, die Forschungsleiter Marc Bros de Puechredon am Mittwochabend präsentierte, lassen sich kurz zusammenfassen: Keine Sparte überwiegt, die Branchen sind breit aufgestellt, vieles ist Durchschnitt.

In der Regionalstudie hatte De ­Puechredon die Stadt St.Gallen und ihre Agglomerationsgemeinden mit Basel, Biel, Luzern, Winterthur sowie dem Schweizer Durchschnitt verglichen. Erste Erkenntnis: Die Produktivität sei nahe am Schweizer Mittelwert. Hingegen sei die Zahl der Beschäftigten in den letzten zehn Jahren in St.Gallen weniger stark gewachsen als in den Vergleichsstädten. «Dies lässt sich teilweise mit dem eher tiefen Bevölkerungswachstum erklären», sagte der Forschungsleiter. Nur Biel rekrutierte noch weniger Arbeitskräfte als St.Gallen.

Von Leuchttürmen und Pflänzchen

Die zweite Erkenntnis: Der grösste Teil der Wertschöpfung kommt aus den «klassischen» Branchen im Dienstleistungssektor, also aus dem Handels- und Finanzsektor sowie weiteren unternehmensbezogenen Dienstleistungen. Im Vergleich mit der restlichen Schweiz haben besonders der Pflege- und der Gesundheitssektor an Marktanteilen und somit an Bedeutung für St.Gallen gewonnen, so der dritte Befund. Zudem sei der IT-Sektor für die Region wichtiger geworden.

Positiv wertet De Puechredon viertens die moderate Unternehmensbesteuerung. Trotzdem wurden in der Stadt St.Gallen im Vergleich zu den untersuchten Regionen weniger Firmen gegründet. Insgesamt sei die Standortattraktivität des Wirtschaftsraums St.Gallen aber nahe dem Mittel der Vergleichsregionen.

Nach der Präsentation diskutierten Studienautor De Puechredon, die Präsidentin von Wirtschaft Region St.Gallen-Bodensee, Priska Ziegler, dazu der Stadtpräsident Thomas Scheitlin und David Ganz, CEO der Ganz Gruppe und Präsident der WISG. Die Ergebnisse seien wenig überraschend, hielt die Runde fest.

Von links: Moderator Philipp Landmark; Stadtpräsident Thomas Scheitlin; Priska Ziegler, Präsidentin Wirtschaft Region St.Gallen-Bodensee; David Ganz, Präsident WISG; und Marc Bros de Puechredon, Studienleiter BAK Economics. (Bild: leaderdigital.ch)

Von links: Moderator Philipp Landmark; Stadtpräsident Thomas Scheitlin; Priska Ziegler, Präsidentin Wirtschaft Region St.Gallen-Bodensee; David Ganz, Präsident WISG; und Marc Bros de Puechredon, Studienleiter BAK Economics. (Bild: leaderdigital.ch)

Die St.Galler Wirtschaft sei breit gefächert, sagte Stadtpräsident Scheitlin.

«Wir müssen ehrlich sein, wir sind nicht die Champions League.»

Daraufhin fragte Moderator Philipp Landmark, wo denn die von Scheitlin oft zitierten Leuchttürme in St.Gallen seien. «Sie entstehen dort, wo wir unsere grösste Kompetenz haben», antwortete Scheitlin. Investiert habe die Stadt einerseits im IT-Bereich. «IT rockt» und das Projekt Startfeld seien erfolgreiche Bespiele dafür. «Diese Pflänzchen beginnen nun zu wachsen.»

Andererseits sei im Gesundheitsbereich das Kantonsspital hervorzuheben, das grösste nichtuniversitäre Spital der Schweiz, so Scheitlin. «Zusammen mit der Empa hat das zu einem starken Forschungsfeld geführt.» Dabei könnten die Areale Busdepot und St.Fiden in Zukunft dazu beitragen, in der Nähe des Spitals einen «Medtech-Cluster» zu initiieren und aufzubauen. Dies sei nicht abwegig, kommentierte De ­Puechredon. Im Wallis, im Tessin oder in Bern hätten ähnliche Initiativen Erfolge erzielt.

Aus dem Publikum kam die Frage, wo die Stadt punkto Innovationspark stehe. Scheitlin sagte, der Kanton St.Gallen habe den Faden aufgenommen und ein Gesuch eingereicht. Denn der Innovationspark sei wichtig für die Standortattraktivität der ganzen Region. Die ersten Signale des Bundes seien positiv. Scheitlin erinnerte an die beiden gescheiterten Kandidaturen und sagte: «Aller guten Dinge sind drei  – wie auch beim Marktplatz.»

Hochqualifizierte verlieren Bezug zur Heimat

Für David Ganz sind die Zahlen aus der Studie dennoch ernüchternd.

«Wir Ostschweizer pflegen gar einen lustvollen Umgang mit der Durchschnittlichkeit.»

Nun müsse man aus den Diskussionen eine Vision für die Region entwickeln. Priska Ziegler forderte dazu auf, in grösseren Regionen – etwa der neuzuschaffenden Metropolitanregion – zu denken.

«Man sollte mehr in die Schlüsselbranchen investieren.»

Auf die Frage, wer investieren soll, antwortete WISG-Präsident Ganz, Wirtschaft, Politik und die Gesellschaft seien gleichermassen gefordert. Miteinander müsse man an den Rahmenbedingungen arbeiten, um potenzielle Investoren nach St.Gallen zu locken. Die Stadt könne wie beim Startfeld Anschubfinanzierungen leisten, sagte Scheitlin. «Aber irgendwann müssen wir uns auch wieder zurückziehen.» Denn es gehe nicht darum, mit Steuergeldern Firmen zu gründen. «Wir können aber den Boden dafür schaffen.»

De Puechredon erinnerte daran, dass bei den Arbeitnehmern auch die Lebensqualität in der Umgebung einen massgeblichen Einfluss habe. «Die Menschen wollen auch da leben, wo sie forschen.» Daran knüpfte Ziegler an. Viele würden gar nicht sehen, welche Qualitäten und Angebote der St.Galler Wirtschaftsraum überhaupt habe. «Denn viele Hochqualifizierte aus der Region verlieren während ihrer Laufbahn die wirtschaftliche Verbindung zu ihrer Heimat.»