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Der Trump Tower von St.Gallen

«Trunk», die monumentale Plastik des Künstlers Richard Serra, liess von Beginn weg niemanden kalt. Für die einen war sie ein wichtiges Stück Kunstgeschichte, für die anderen eine Verschandelung des Platzes oder gar Symbol amerikanischer Überheblichkeit.
Roger Berhalter
Zerschneidet den Blick aufs Kunstmuseum: die Skulptur «Trunk» von Richard Serra vor dem Theater. (Bild: Hanspeter Schiess)

Zerschneidet den Blick aufs Kunstmuseum: die Skulptur «Trunk» von Richard Serra vor dem Theater. (Bild: Hanspeter Schiess)

Dieses Kunstwerk kennt jedes Kind. Und zwar von innen. Die zwei gebogenen Stahlplatten laden nämlich geradezu ein, sich in den Raum dazwischen zu stellen und das Echo der eigenen Stimme zu testen. Das ist ganz im Sinne des weltberühmten amerikanischen Künstlers Richard Serra, von dem die Eisenplastik «Trunk» stammt. «Es sollen Figuren sein, um die man herumgehen kann, durch die man hindurchgehen kann», sagte er einmal über seine monumentalen, tonnenschweren Eisenplastiken, die er auf der ganzen Welt platziert. Viele davon waren und sind umstritten. Nicht alle mögen die riesigen, rostigen Stahlplatten von Richard Serra – auch viele St. Gallerinnen und St. Galler nicht.
Der «Trunk» – zu Deutsch Stamm – ist sechs Meter hoch, 26 Tonnen schwer und ragt zwischen dem Theater und dem Kunstmuseum in den Himmel. Wer vom Unteren Brühl her in den Stadtpark will, kommt zwangsläufig an den Stahlplatten vorbei.

Brutale Barrikade am falschen Standort

Just dieser Standort war es auch, der im Frühling 1988 zu Diskussionen führte. Dabei war der Stadtrat damals stolz auf das Kunstwerk, das er San Francisco vor der Nase weggeschnappt hatte. Mit privaten Geldern und Unterstützung aus der Wirtschaft kaufte die Stadt den «Stamm» für rund 400000 Franken (ohne Transportkosten). Am 20. Januar 1988 kam Richard Serra nach St. Gallen und wählte vor Ort den idealen Standort aus. Zwischen Theater und Museum wollte er den «Stamm» pflanzen und damit den Übergang markieren zwischen der vieleckigen Architektur des Theaterbaus und der klassizistischen Gartenanlage des Museums. Hier sollte der «Stamm» seinen definitiven Platz erhalten – und nicht wie ursprünglich geplant in Münster, wo das Kunstwerk nach Protesten aus der Bevölkerung wieder abgebaut worden war.
Auch die St. Galler protestierten, noch bevor der «Trunk» überhaupt da war. Die Stadt liess zunächst ein 1:1-Modell der Kunstwerks aufstellen – und löste damit empörte Reaktionen aus, wie Leserbriefe und Schreiben an den damaligen Stadtpräsidenten Heinz Christen zeigen. Von einer «Verschandelung des Platzes» war die Rede. Der Raum zwischen Theater und Museum werde «brutal verbarrikadiert und um seine vertraut gewordene Harmonie gebracht», schrieben Architekten und Rechtsanwälte in der «Ostschweizer AZ» vom 8. Juni 1988. «Besorgte Frauen der Stadt» sammelten Unterschriften gegen das «Stahlungetüm». Ein Leser tadelte die angebliche Überheblichkeit des amerikanischen Künstlers: «Er lebt in der Ära eines Trump Towers, wo man sich erlauben kann, einen babylonischen Turm dort aufzustellen, wo die eigene Macht es zulässt.» Viele kritisierten die Nähe zum beliebten Gauklerbrunnen von Max Oertli. «Diese Erniedrigung verdient der Gaukler nicht», heisst es in einem Leserbrief. Der Blick auf den Brunnen und das Kunstmuseum werde zerschnitten.
Mit Vorschlägen für alternative Standorte hielten sich die Kritiker nicht zurück. Auf dem Rasen auf dem Unteren Brühl käme die Serra-Plastik voll zur Geltung, meinte ein Architekt. Eine «Tagblatt»-Leserin wollte die Skulptur zum Fassbrunnen von Roman Signer ins Grabenpärklein stellen, der ein Jahr zuvor die Gemüter erregt hatte: «Die beiden Ungeliebten wären dann wenigstens beisammen und könnten sich gegenseitig trösten.»

Die «Gartenzwerg-Liebhaber-Mentalität» der St.Galler

Fünfmal musste der Künstler Richard Serra für klärende Gespräche nach St. Gallen kommen, davon ging es dreimal allein um den Standort seiner Skulptur. Ein deutscher Kunstexperte, der Serra dabei begleitete, gab sich in einem Brief an den Stadtpräsidenten irritiert über die «Gartenzwerg-Liebhaber-Mentalität» der St. Galler Bevölkerung, und liess deren «Vorbehalte gegenüber Werken der Avantgarde-Kunst» nicht gelten.
Schliesslich kam der «Trunk» doch noch nach St. Gallen, wenn auch etwas später als geplant. Die Kritik ist verklungen, die Stahlplatten gehören heute zum Stadtbild, St. Gallen-Bodensee-Tourismus zählt sie auf ihrer Webseite zu den «Top 10 der Stadt St. Gallen».
Manchmal riecht der «Stamm» allerdings auch etwas streng, weil einige Passanten das wichtige Werk des Minimalismus als Pissoir missbrauchen. Ein Schicksal, das auch andere, ebenfalls Sichtschutz bietende Werke von Richard Serra ereilt hat. Immerhin ist es dem «Trunk» nicht so ergangen wie der Skulptur auf der Federal Plaza in New York. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit mit dem Künstler liess die US-Regierung sie wieder abreissen.

Kulturelle Skandale und Skandälchen

Kunstschaffende, die verändern wollen, die Missstände anprangern oder provozieren, ecken natürlich an. In den vergangenen fünfzig Jahren gab es in der Stadt St. Gallen einige kulturelle Skandale und Skandälchen. Der Sturm im Wasserglas um den Nicht-Kulturpreis für Theatermacher Milo Rau in diesem Frühsommer hat Erinnerungen geweckt. Die «Tagblatt»-Stadtredaktion geht ihnen in den nächsten Wochen nach. (vre)

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