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«Der Termin ist mir heilig»: Weshalb ein 63-Jähriger zweimal pro Woche in einem St.Galler Kindergarten mithilft

Bis vor kurzem leitete Toni Steinmann seine eigene Firma. Jetzt hilft er zweimal pro Woche in einem St.Galler Kindergarten und in der Schule mit. Nicht nur die Kinder fiebern auf den Besuch des Chindsgi-Opas hin.
Seraina Hess
Lotto im Kindergarten: Toni Steinmann hilft Buben und Mädchen beim Zahlensuchen. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Lotto im Kindergarten: Toni Steinmann hilft Buben und Mädchen beim Zahlensuchen. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Während Raphaela Frei eine Nummer zieht und diese verkündet, beobachtet Toni Steinmann genau, ob die Kinder im Kreis die richtige Zahl abdecken. Hier hilft er einem Mädchen, dort korrigiert er einen Buben – Steinmann hat an diesem Morgen im Kindergarten Grütli gut zehn Lottokarten im Blick.

Der 63-Jährige ist seit Mitte 2018 im Ruhestand. Zuvor war er Mitinhaber und Geschäftsführer eines Holzverarbeitungsbetriebs der Region. Gleich nach der Pensionierung informierte er sich über Angebote in der Freiwilligenarbeit.

«Ich wusste, dass ich mit Kindern arbeiten möchte. Ich bin selber Vater, habe aber noch keine Enkel.»

Er meldete sich bei Pro Senectute und wurde zum Gespräch eingeladen. Das Ergebnis: Steinmann ist bestens geeignet als Chindsgi-Opa – auch, weil er sich körperlich noch fit fühlt. Seit Oktober unterstützt er deshalb jeden Freitagmorgen Kindergärtnerin Raphaela Frei; meistens beim Waldbesuch, wie heute einer ansteht. «Der Termin im Chindsgi ist mir heilig», sagt Steinmann, Privates lege er stets darum herum, obschon es sich um eine ehrenamtliche Aufgabe handelt.

Ein männlicher Gegenpol in einer von Frauen dominierten Branche

Die Buben und Mädchen wollen Herrn Steinmann nicht mehr missen, sagt Kindergärtnerin Raphaela Frei:

«In diesem Quartier leben viele Kinder, deren Grosseltern im Ausland wohnen. Sie haben in der unmittelbaren Umgebung also keine Bezugsperson, die einem Grossvater gleichkommt.»

Auch Frei ist dankbar um Steinmann. Einerseits wegen der Hilfe, die er leistet: Im Wald hackt er Holz, schnitzt Spiesse zum Grillieren – im Kindergarten flickt er kaputtes Spielzeug. Andererseits schätzt sie Steinmann als männlichen Gegenpol in einer von Frauen dominierten Branche. «Es ist gut für die Kinder, sich auch einmal mit einem Mann austauschen zu können. Vor allem für die Buben.»

Gestylt wie Herr Steinmann in die Kinderdisco

Ohnehin täten das die Kindergärtler gern. Die ganze Woche warten sie darauf, Herrn Steinmann ihre Geschichten erzählen zu dürfen. Auch Vorbild ist er manch einem Buben: Einer kam zum vorweihnachtlichen Disco-Nachmittag mit Chüeligurt, weil er einen solchen bei Herrn Steinmann gesehen hatte.

Das Projekt «Generationen im Klassenzimmer», das Pro Senectute und die Schule gemeinsam anbieten, stösst in der Stadt auf Anklang. 48 Seniorinnen und sieben Senioren sind derzeit engagiert, vom Polizisten über die Verkäuferin bis hin zum Unternehmer. Wichtig sei nicht die Ausbildung, sondern die Lebenserfahrung.

Der Kindergarten sei aber nicht jedermanns Sache: «Manche möchten explizit in eine Handarbeitslektion, andere beispielsweise ausschliesslich in die Mittelstufe», sagt Projektverantwortliche Ruth Monstein. Die Wünsche werden stets berücksichtigt; Toni Steinmann besucht neuerdings auch donnerstags eine 1. und 2. Klasse.

Toni Steinmann ist im Kindergarten eine grosse Hilfe. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Toni Steinmann ist im Kindergarten eine grosse Hilfe. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Eine grosse Hilfe auf Exkursionen

Raphaela Frei gibt zu bedenken, dass Exkursionen gar nicht möglich wären ohne eine Begleitperson wie Steinmann. «Weil sie schlicht zu gefährlich wären.» Angefangen bei der Busfahrt, aufgehört beim Spielen in der Natur. «Alleine würde ich solche Ausflüge mit 20 Kindern nicht unternehmen – und immer eine Mutter aufzubieten, ist auch keine Lösung.»

Steinmann helfe ihr nicht nur als Aufsichtsperson, er sei auch ein Puffer für Emotionales. Etwa dann, wenn Frei selbst gerade keine Zeit hat, intensiv auf ein einzelnes Kind einzugehen. Sie sagt:

«Wir haben Toni fix adoptiert und möchten ihn gar nicht mehr hergeben.»

Wie gross Toni Steinmanns Hilfe ist, zeigt sich auch an diesem Morgen. Eine gute Viertelstunde verstreicht, bis jedes Kind in der Regenhose steckt, den Rucksack angeschnallt und die Jacke geschlossen hat. Aufgestellt in Zweierreihe geht es los – zu einem neuen Besuch im Wald, gemeinsam mit dem Chindsgi-Opa.

Brücken zwischen Generationen bauen

Seit 2007 leisten Seniorinnen und Senioren im Rahmen eines Freiwilligen-Engagements Einsätze in verschiedenen Schulhäusern, Kindergärten und familienergänzenden Betreuungsangeboten. Das Angebot wird gemeinsam von der Dienststelle Schule und Musik der Stadt St.Gallen und der Regionalstelle von Pro Senectute geführt. Es soll den Kontakt und das Verständnis zwischen den Generationen fördern und gleichzeitig den Schul- und Betreuungsalltag bereichern. Wer sich für ein ehrenamtliches Engagement interessiert, ist gebeten, sich bei Roberto Bertozzi von Pro Senectute Stadt St.Gallen zu melden unter 071-227-69-25 oder per E-Mail an roberto.bertozzi@sg.prosenectute.ch. (seh)

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