St.Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin tritt Ende Jahr zurück: «Es ist jetzt definitiv Zeit für einen Wechsel»

Es lag schon länger in der Luft, am Dienstagnachmittag hat er sich erklärt: Der St.Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin stellt sich im Herbst nicht mehr zur Wiederwahl. Der 67-Jährige tritt Ende Jahr nach 14 Amtsjahren aus der Stadtregierung zurück.

Reto Voneschen
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Stadtpräsident Thomas Scheitlin am Dienstagnachmittag in seinem Büro zuoberst im St.Galler Rathaus.

Stadtpräsident Thomas Scheitlin am Dienstagnachmittag in seinem Büro zuoberst im St.Galler Rathaus.

Bild: Ralph Ribi

Politische Kreise in St.Gallen waren schon etwas verunsichert: Geht Stadtpräsident Thomas Scheitlin tatsächlich Ende Jahr und gibt es damit im Herbst Kampfwahlen ums Stadtpräsidium und einen Stadtratssitz? Oder bleibt Scheitlin noch zwei Jahre, um die Bürgerlichen, die in der Exekutive seit 2017 nur noch einen Sitz halten, im Herbst beim Sturmangriff auf die anderen vier Sitze im Stadtrat zu unterstützen?

Thomas Scheitlin auf dem Weg zur Parlamentssitzung vom Dienstag in der Sporthalle Kreuzbleiche.

Thomas Scheitlin auf dem Weg zur Parlamentssitzung vom Dienstag in der Sporthalle Kreuzbleiche.

Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Seit Dienstagnachmittag ist die Sache klar: Die Kampfwahlen im Herbst werden Tatsache. Die FDP-Stadtpartei kündigte in einer Mitteilung an, dass Thomas Scheitlin im Herbst auf eine erneute Kandidatur verzichten wird. Mit dem Ende der laufenden Legislatur beendet er am 31. Dezember 2020 seine 14-jährige Amtszeit als St.Galler Stadtpräsident.

Der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel

Im Gespräch begründet Thomas Scheitlin diesen Schritt damit, dass «es dafür Zeit ist». Er habe in diesem Amt eine gute Zeit gehabt, natürlich nicht alle, aber doch viele Projekte umsetzen und viele seiner Ziele erreichen können: 

«Bei vollem Einsatz macht man diesen Job zwölf bis 16 Jahre. Danach ist es Zeit für einen Wechsel.»
Thomas Scheitlin zusammen mit SP-Stadträtin Maria Pappa während einer Parlamentssitzung im Waaghaus.

Thomas Scheitlin zusammen mit SP-Stadträtin Maria Pappa während einer Parlamentssitzung im Waaghaus.

Bild: Urs Bucher (14.1.2020)

Der Schritt sei ihm natürlich nicht leicht gefallen, sagt Thomas Scheitlin weiter. St.Gallen als seine Heimatstadt sei für ihn immer eine Herzensangelegenheit gewesen. Er habe sich gerne für diese Stadt eingesetzt, die sehr viel Entwicklungspotenzial habe. «Und natürlich gibt es noch viel zu tun, könnte man noch viel Neues anpacken.» Dies werde ab Anfang 2021 eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger tun.

Coronakrise spielt beim Rücktritt keine Rolle

Einen Zusammenhang mit der Coronakrise hat der Rücktritt von Thomas Scheitlin nicht. Er habe den Rücktrittsentscheid schon lange vor Beginn dieses Ausnahmezustands gefasst; eigentlich sei für ihn dieser Schritt schon vor einem Jahr klar gewesen. Ende 2020 sei für ihn einfach Zeit und auch ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören, sagt der Stadtpräsident im Gespräch:

«Man darf so einen langfristigen Entscheid nicht von einer Ausnahmesituation abhängig machen. Wenn man das tut, gibt's immer einen Grund, zu bleiben.»

Impulse für eine Neuausrichtung der Wirtschaft gegeben

Stadtpräsident Thomas Scheitlin auf dem Dach des St.Galler Rathauses.

Stadtpräsident Thomas Scheitlin auf dem Dach des St.Galler Rathauses.

Bild: Urs Bucher (4.7.2019)

Als «grösste Freude» seiner 14-jährigen Amtszeit bezeichnet Thomas Scheitlin, dass es gelungen sei, eine Initialzündung für eine grundlegende Veränderung der Wirtschaft zu geben. Am Anfang habe die Gründung von «Startfeld» gestanden. Viele Leute und Institutionen hätten am gleichen Strick gezogen, um die Plattform zu schaffen. Mit ihrer Hilfe sei es möglich, innovative junge Unternehmen (sogenannte Startups) und die von ihnen angebotenen zukunftsfähigen Arbeitsplätze zu halten.

Ins gleiche Kapitel gehörten die Bildung eines IT-Clusters («IT St.Gallen rockt!»), der Start zur Bildung eines Medtech-Bereichs oder die Schaffung der ersten Stelle eines «Chief Digital Officers» in einer Schweizer Stadt. Dank dieser Aktivitäten stehe St.Gallen heute national mit an der Spitze der Bemühungen zu Entwicklung der Smart City, sagt Thomas Scheitlin.

Gehört auch zu den Aufgaben eines Stadtpräsidenten: Thomas Scheitlin gratuliert Anna Gimmi zum 100. Geburtstag.

Gehört auch zu den Aufgaben eines Stadtpräsidenten: Thomas Scheitlin gratuliert Anna Gimmi zum 100. Geburtstag.

Bild: Elisabeth Fitze (27.2.2020)

Grösste Enttäuschung: Das zweite Nein zum Marktplatz

Natürlich gab's in 14 Jahren als Stadtpräsident für Thomas Scheitlin auch Tiefpunkte. Er gebe es ehrlich zu, sagt er im Gespräch: Die zweite Ablehnung der Vorlage für die Neugestaltung des Marktplatzes sei ihm sehr nahe gegangen. Die Stadtregierung habe sich da auf der Strasse ins Zeug gelegt, habe für die Vorlage geweibelt - und habe verloren. 

Es sei definitiv die grösste Enttäuschung seiner Amtszeit gewesen, dass es nicht gelungen sei, im Stadtzentrum einen Impuls für eine dynamische Entwicklung zu geben, sagt Thomas Scheitlin:

«Das ist eben die Politik. Man strauchelt, fällt hin, steht wieder auf und macht weiter.»

Kein politischer Marktschreiber

Thomas Scheitlin sitzt für die FDP auch im St.Galler Kantonsrat.

Thomas Scheitlin sitzt für die FDP auch im St.Galler Kantonsrat.

Bild: Regina Kühne (18.2.2020)

Thomas Scheitlin wurde von seinen Kritikern oft vorgeworfen, zu wenig führungsstark zu sein. Andere Politiker in Kollegialregierungen zeigten mehr Profil. Er sei nie der laute Typ und kein politischer Marktschreier gewesen, erwidert Thomas Scheitlin. Um als Stadtpräsident Erfolg zu haben, müsse man nicht «der Lauteste im Umzug» sein.

Er pflege einen strategischen Führungsstil, sagt Thomas Scheitlin: «Ich habe Ziele gesetzt und ‹meinen Leuten› bei deren Umsetzung vertraut. Am Schluss haben wir natürlich die Zielerreichung kontrolliert und Korrekturen angebracht.» Er sei mit dieser Methode immer gut gefahren.

Der Job verlangt Herzblut

Und was gibt Thomas Scheitlin seiner Nachfolgerin oder seinem Nachfolger im Stadtpräsidium und im Stadtrat mit? «Wer lokal ein Exekutivamt übernimmt, muss Herzblut haben für diese Stadt und für seine Aufgaben», ist für den St.Galler Stadtpräsidenten das Wichtigste.

Stadtpräsident Thomas Scheitlin, der eine Stunde vor Beginn der Parlamentssitzung seinen Rücktritt auf Ende Jahr erklärt hat, vor der Parlamentssitzung in der Kreuzbleiche-Halle im Fokus der Medien.
10 Bilder
Die Sitzungen des Stadtparlaments werden durch die Stadtpolizei bewacht. In der Bildmitte FDP-Stadtparlamentarier Marcel Rotach, selber Kantonspolizist, im Gespräch mit den Beamten.
Andreas Hobi (Grüne, links im Bild) und hinten mit Glimmstengel Marcel Baur (GLP) und Etrit Hasler (SP).
Die aufgelockerte Sitzordnung in der Sporthalle Kreuzbleiche.
An der Wand die elektronische Abstimmungsanlage. Stadtschreiber Manfred Linke (hinterste Reihe rechts aussen) gibt gerade einen Kommentar zum Resultat ab.
CVP/EVP-Fraktionspräsident Patrik Angehrn gibt an einem von zwei Rednerpulten ein Votum ab. Links von ihm Stadtrat Peter Jans, Stadträtin Sonja Lüthi und Stadtpräsident Thomas Scheitlin.

Stadtpräsident Thomas Scheitlin, der eine Stunde vor Beginn der Parlamentssitzung seinen Rücktritt auf Ende Jahr erklärt hat, vor der Parlamentssitzung in der Kreuzbleiche-Halle im Fokus der Medien.

Bild: Ralph Ribi

Stadtpräsident

Einiges für die Stadt St.Gallen erreicht

(dwi/vre) Zum Stadtpräsidenten wurde Thomas Scheitlin im Herbst 2006 gewählt - als Nachfolger von CVP-Mann Franz Hagmann und trotz starker Konkurrenz bereits im ersten Wahlgang. Seither wurde Scheitlin dreimal mit besten Resultaten im Amt bestätigt.

Seit Anfang 2007 steht Thomas Scheitlin der städtischen Direktion Inneres und Finanzen vor. Der FDP-Mann sitzt im Kantonsrat, ist des St.Galler Universitätsrat und Verwaltungsratspräsident der Olma-Messen. Vor seiner Wahl zum Stadtpräsidenten war er fünf Jahre vollamtlicher Präsident der Ortsbürgergemeinde St.Gallen.

Startfeld, IT rockt und Medtech-Cluster

In seinen 14 Amtsjahren war Thomas Scheitlin besonders in der Wirtschafts- und Standortförderung aktiv. Er war massgeblich beteiligt am Aufbau des Netzwerks «Startfeld» für Innovationen und Startups sowie bei der Gründung von «IT St.Gallen rockt!». Auf ihn geht auch der Start zur Bildung eines Medtech-Clusters in der Gallusstadt zurück.

In der Kulturpolitik fallen die Strategie «Drei Museen – drei Häuser» in seine Amtszeit. Damit ist im Osten der Stadt das neue Naturmuseum entstanden und das Historische- und Völkerkundemuseum  wurde worden. Das Kunstmuseum soll in den nächsten Jahren saniert und ausgebaut werden.

Gut gefüllte Stadtkasse

Als Finanzchef der Stadt St.Gallen schnürte Thomas Scheitlin massgeblich das Sparpaket «Fit13 plus». Aktuell ist das Programm «Fokus 25» in Arbeit. Die Jahresrechnungen der Stadt fielen in aller Regel besser aus als budgetiert. Die Folge: Das Eigenkapital der Stadt wuchs in Scheitlins Amtszeit auf über 100 Millionen Franken an. Die gut gefüllte Stadtkasse dürfte jetzt auch die Bewältigung der Coronakrise erleichtern. 

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