«Der Regelung mit dem Schulgeld fehlt jede Logik»: CVP fordert mehr Geld für Talentschüler in der Stadt St.Gallen

Der Kanton soll die Talentschulgelder erhöhen oder die Finanzierungslücke selber schliessen. Davon profitierte die Stadt St.Gallen.

Daniel Wirth
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30 von derzeit total 103 Talentschülern werden in der Stadt in der Sparte Gestaltung unterrichtet.

30 von derzeit total 103 Talentschülern werden in der Stadt in der Sparte Gestaltung unterrichtet.

Bild: Hanspeter Schiess (20.August 2019)

Das Urteil des Bundesgerichts habe ihn überrascht, sagte Stadtrat Markus Buschor, Vorsteher der Direktion Bildung und Freizeit, am 6. Dezember vorigen Jahres gegenüber dieser Zeitung. Das Urteil traf ihn sinnbildlich wie ein Fitz mit der Rute des Samichlaus. Die Richter in Lausanne hatten der Stadt mitgeteilt, dass die von der St.Galler Kantonsregierung beschlossene Regelung beim Schulgeld für Talentschüler rechtmässig sei.

Die Regierung hatte im Sommer 2018 festgelegt, dass Schulgemeinden, die eine Schülerin oder einen Schüler auswärts an eine Talentschule abgeben, der Trägergemeinde 11'000 Franken für ein Talent im Sport und 15'000 Franken für ein Talent in der Kunst bezahlen müssen, sofern die Begabten in gemischten Klassen unterrichtet werden. 19'000 Franken beträgt das Schulgeld, wenn Begabte in reinen Talentklassen unterrichtet werden.

Der St.Galler Stadtrat Markus Buschor, Direktion Bildung und Freizeit.

Der St.Galler Stadtrat Markus Buschor, Direktion Bildung und Freizeit.

Michel Canonica

Mit diesem Schulgeld werden die Vollkosten von 21'500 Franken nicht gedeckt. Gemäss Urteil des Bundesgerichts ist es der Stadt St.Gallen auch nicht mehr möglich, den Differenzbetrag bei den Eltern einzufordern. Mit seinem Urteil wies das Bundesgericht eine Beschwerde der Stadt St.Gallen gegen diese Regelung ab und es stiess einen Entscheid des St.Galler Verwaltungsgerichts aus dem Jahr 2010 um. Weil schon vor Erhalt des Urteils Unsicherheit bestand wegen des Talentschulgelds, entschied die Direktion Bildung und Freizeit, ab dem Schuljahr 2019/2020 keine neuen Talentschülerinnen und -schüler aus anderen Gemeinden mehr aufzunehmen. Das gilt weiterhin.

Kantonsräte wollen Änderung des Systems

Der Eggersrieter Kantonsrat (CVP) Christoph Bärlocher.

Der Eggersrieter Kantonsrat (CVP) Christoph Bärlocher.

Urs Bucher

Daran stört sich Christoph Bärlocher. Der CVP-Kantonsrat aus Eggersriet, der in der Stadt St.Gallen eine Bauunternehmung führt, reichte in dieser Woche im Kantonsparlament eine Interpellation zum Thema «Talentschulen» ein. Mitunterzeichner sind Patrizia Adam, ehemalige St.Galler Stadträtin und Juristin, sowie Sandro Hess, Schulleiter aus Balgach (beide CVP). «Ich verstehe den Unmut, den das Bundesgerichtsurteil in der Stadt St.Gallen ausgelöst hat», sagt Bärlocher. Die Ungleichbehandlung zwischen Talenten und konventionellen Oberstufenschülern, die auswärts wohnen und in der Stadt unterrichtet werden, sei nicht nachvollziehbar, sagt der CVP-Kantonsrat.

Die Stadt St.Gallen nimmt viele auswärtige Schülerinnen und Schüler auf, nicht nur Talente. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um Jugendliche, die in Gemeinden wohnen, die keine Oberstufe führen; als Beispiele seien Mörschwil und Eggersriet genannt. Für sie stellt die Stadt St.Gallen ein jährliches Schulgeld von 21'500 Franken in Rechnung.

Dass die Stadt St.Gallen für eine Talentschülerin oder einen Talentschüler weniger Geld erhält, ist für Bärlocher unsinnig.

«Mit den Talentschülern hat die Stadt den deutlich grösseren Aufwand.»

Er nennt die Koordination und Absprachen mit den Vereinen und Verbänden, das Gestalten der speziellen Stundenpläne, damit diese mit den Trainings oder Übungseinheiten vereinbar seien. Das sei eine erhebliche administrative Arbeit. Hinzu komme, dass ein Talentschüler rund 20 Prozent der Zeit für den Sport oder die Kunst zur Verfügung habe. Darum erstaune ihn, dass das Schulgeld nur gerade rund 50 Prozent der Vollkosten ausmache. Das sei nicht gerecht, sagt Bärlocher.

Der Regelung mit dem Schulgeld für Talente fehle jede Logik. Und es dürfe nicht sein, dass die Träger der Talentschulen wegen der Lücke in der Finanzierung auswärtige Talente ablehnten. Ein Zusammenzug sei sinnvoll, sagt der CVP-Politiker. Spielsysteme oder eine Taktik in einem Mannschaftssport müssten gemeinsam eingeübt werden. Er stellt in seiner Interpellation die rhetorische Frage: Verlieren am Schluss nur die talentierten Schülerinnen und Schüler? Und er schiebt konkrete Fragen nach.

Springt der Kanton selber in die Bresche?

Bärlocher will von der Regierung wissen, ob damit gerechnet werden könne, dass die Höhe der Talentschulgelder nach oben angepasst werde, um die Schulträgergemeinden und deren Steuerzahlerinnen und -zahler zu entlasten. Er will auch wissen, ober der Kanton im Fall einer Belassung der Schulgelder bereit sei, den Trägergemeinden die nicht gedeckten Kosten oder einen Teil davon zu finanzieren.

Stadtrat Markus Buschor sagt, die Stadt wolle es anderen Schulgemeinden so rasch wie möglich wieder ermöglichen, Talentschüler nach St.Gallen zu schicken. Es könne aber nicht sein, dass die Stadt auswärtige Talentschüler mit Steuergeldern finanziere. Er findet den Vorstoss aus der Feder Bärlochers gerechtfertigt, denn es gebe auch nach dem Bundesgerichtsurteil noch einige offene Fragen. Dass Eltern von Talentschülern nicht ins Portemonnaie greifen sollen für den Unterricht ihres Nachwuchses, findet Buschor richtig.