Der Orgel in Muolen geht die Luft aus

Die Revision der Orgel ist für jede Kirchgemeinde ein Generationenprojekt. In Muolen bereitet man nun gar den Kauf einer Neuen vor.

Johannes Wey
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Orgelbauer Hans-Peter Keller vor der Orgel in der Kirche Muolen. (Bild: Johannes Wey (19. November 2019))

Orgelbauer Hans-Peter Keller vor der Orgel in der Kirche Muolen. (Bild: Johannes Wey (19. November 2019))

Für die meisten Kirchenbesucher wirkt sie wohl eher wie ein sakraler Wandschmuck als wie ein Instrument. Doch ihr Klang gehört so selbstverständlich zum Gottesdienst wie das Glockengeläut. Was es aber für ein technisches Wunderwerk ist, das ein Organist von seiner unsichtbaren Ecke aus spielt, darüber macht sich niemand Gedanken – bis die Revision ansteht. Sie kostet Zehntausende Franken, wird aber nur rund alle 20 Jahre fällig. Ein Generationenprojekt also.

In Muolen hat eine Untersuchung aber böse Überraschungen zutage gebracht. Zwar kann sich das Instrument des Orgelbauers Franz Gattringer aus dem Jahr 1936 sehen lassen: Über 31 Register verfügt es, mehr als beispielsweise jenes in Wittenbach oder Häggenschwil.

«Ein stattliches Instrument», sagt auch Orgelbauer Hans-Peter Keller. Er hat die Orgel für die Revision unter die Lupe genommen und orientiert nun an diesem Montagabend rund zwei Dutzend Kirchbürger über deren Zustand.

In der Orgel ist es zu eng

Bauteile aus Leder sind laut Keller aber rissig geworden, die elektrischen Bauteile von 1936 entsprechen nicht mehr den heutigen Sicherheitsbestimmungen und müssen ersetzt werden.

Das Hauptproblem ist allerdings die Grösse der Orgel: Aus Platzmangel wurde sie nach der Kirchenrenovation 1964 so kompakt wieder aufgebaut, dass sie für die heute nötigen Reparaturen weitgehend auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt werden müsste.

Auf 200'000 Franken schätzt der Experte die Kosten. Deshalb macht sich der Kirchenverwaltungsrat nun auch Gedanken über eine Neuanschaffung.

In diesem Fall schlägt Keller ein kleineres Instrument mit um die 20 Register vor. Das würde für die Grösse der Kirche ausreichen. 520'000 bis 640'000 Franken würde eine solche Neuanschaffung ungefähr kosten. Dafür hätte danach die Faustregel wieder Gültigkeit, wonach eine Orgel alle 20 Jahre für rund einen Zehntel des Ursprungspreises revidiert werden müsse.

Plötzlich stellen sich Fragen zur Zukunft der Kirche

Ob dieser Zahlen erschrecken einige der Teilnehmer. Und mehr als einer stellt sich grundsätzliche Fragen, zur Bedeutung des Instruments und zum Rückgang bei den Kirchenbesuchen. «Gibt es in 20 Jahren überhaupt noch Organisten?», fragt sich einer und bringt eine elektronische Orgel ins Spiel.

Nach seiner Meinung gefragt entgegnet Organist Roman Oberholzer, dass solch ein synthetischer Klang im Kirchenraum keine Freude mache. «Wenn es nicht auf den Stutz drauf an käme, wäre ein Neubau am besten», sagt er, betont aber, dass er sich auf keinen Fall einmischen wolle.

Ein anderer Kirchbürger favorisiert den Neubau, weil dann die kommenden Generationen tiefere Kosten zu tragen hätten. Worauf sich der älteste Anwesende an die Kirchenrenovation von 1964 erinnert: «Dieses Geld reut heute auch niemanden.» Er habe ein Leben lang aufs Geld geschaut. Dabei habe sich die auf den ersten Blick teurere Lösung oft als die beste erwiesen.

Kirchenpräsident Gallus Faller hofft, an diesem Abend spüren zu können, welche Lösung der Verwaltungsrat an der Kirchbürgerversammlung beantragen soll. Ein Teilnehmer fordert ihn dazu auf, doch eine Konsultativabstimmung abzuhalten.

Schnell zeigt sich: Die grosse Mehrheit der Anwesenden favorisiert eine neue Orgel, einige einen elektronischen Ersatz.Worauf Kirchenpflegerin Mirjam Schwitzer-Germann zu bedenken gibt:

«Mit 38 Jahren bin ich mit Abstand die Jüngste hier. Die Hälfte der Leute hier ist vielleicht in 20 Jahren nicht mehr unter uns.»

Man solle im Hinterkopf behalten, dass die Jungen, die an diesem Abend nicht anwesend sind, vielleicht einen ganz anderen Bezug zur Kirche und zu Orgelmusik hätten. Es sei schon heute oft zu sehen, dass für viele ein Handy und ein Lautsprecher reichen, um eine Hochzeit zu begleiten.