Solo am Schlagzeug: Lucas Niggli tritt in St.Gallen auf

Lucas Niggli spielt Schlagzeug anders als die meisten. Statt nur den Takt zu geben, lässt er Melodien erklingen, kratzt an den Trommeln und bringt seine Becken zum Singen.

Roger Berhalter
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Rässeli, Gongs und Beckentürme: Der Schlagzeuger Lucas Niggli ist ungewöhnlich anzuhören und auch anzuschauen. (Bild: PD/Francesca Pfeffer)

Rässeli, Gongs und Beckentürme: Der Schlagzeuger Lucas Niggli ist ungewöhnlich anzuhören und auch anzuschauen. (Bild: PD/Francesca Pfeffer)

Schlagzeuger sitzen auf der Bühne meist zuhinterst. Fast verschwinden sie jeweils hinter ihren Trommeln, und ihr Job ist vor allem das Taktgeben und Begleiten, während vorne die Sängerin oder der Gitarrist im Scheinwerferlicht steht. Lucas Niggli ist kein solcher Schlagzeuger, jedenfalls nicht immer und sicher nicht am Sonntag, wenn er sich in St.Gallen für ein Solokonzert alleine auf die Bühne setzt. Der Schweizer, der heute mit seiner Familie in Uster bei Zürich wohnt, hat sich zum 50. Geburtstag sozusagen selber ein Soloalbum geschenkt: «Alchemia Garden», erschienen bei Intakt Records. Führt Niggli es live auf, sitzt er auf der Bühne nicht zuhinterst, sondern zuvorderst.

Richard Butz, Organisator der Konzertreihe "kleinaberfein" (Bild: Urs Bucher)

Richard Butz, Organisator der Konzertreihe "kleinaberfein" (Bild: Urs Bucher)

Niggli kennt St.Gallen noch von früher, als er an der Jazzschule in der Stadt studierte. «Er war ein guter Schüler», erinnert sich Richard Butz, der damals Jazzgeschichte unterrichtete. Der junge Niggli sei ihm als «wacher Geist» aufgefallen, durch viel Spielfreude und durch grosses Interesse an der Weltmusik. Butz war es auch, der Niggli im Rahmen der Konzertreihe «kleinaberfein» für den morgigen Soloauftritt gebucht hat. Er bezeichnet den Schlagzeuger als «einen der innovativsten Musiker der Schweiz», der einen nachhaltigen Beitrag zum Jazz leiste.

Mit Geigenbogen und Fingernägeln

In Texten über Jazzmusiker tauchen meist lange Listen von Namen auf. Auch bei Lucas Niggli könnte man jetzt so ein Namedropping betreiben und diesen Artikel allein mit Namen füllen. Denn mit unzähligen Musikern hat der 50-Jährige schon zusammengespannt, und viele Bands hat er gegründet und geprägt. Doch das wäre zu typisch für einen Untypischen wie ihn.

Ungewöhnlich ist nur schon sein Schlagzeugspiel, das live faszinierend anzuhören und auch anzuschauen ist. Niggli sitzt zwischen Trommeln, Beckentürmen und Gongs und hantiert mit abenteuerlichen Geräten. Plötzlich schüttelt er Rässeli, die man so noch nie gesehen hat. Dann nimmt er wieder konventionelle Schlagzeugschläger zur Hand, manchmal auch drei auf einmal. Vielleicht greift er zwischendurch zu kleinen Becken, die er im Takt auf die Felle fallen lässt. Oder er streicht mit dem Geigenbogen über die Beckenränder, bis das Metall zu singen beginnt. Oder er legt alles beiseite und reibt und schabt mit den nackten Handflächen über die Trommeln, kratzt mit den Fingernägeln über die Oberfläche.

All das geht bei Lucas Niggli nahtlos ineinander über und verbindet sich zu einem vielschichtigen Klangbild. Das ist nicht mehr nur ein Beat, nicht mehr nur Rhythmus, sondern auch Melodie, Poesie, Gesang. Niggli ist ein Schlagzeugmusiker. Einer, der sich emanzipiert hat vom Taktgeben und Begleiten und sein Schlagzeug als Solo-Instrument begreift. Einer, der mit seiner eigenen Klangsprache zu den Zuhörern spricht.

So ungewöhnlich wie sein Schlagzeugspiel ist auch Nigglis Karriere verlaufen. Sie begann in Afrika, im Nordwesten von Kamerun, wo Niggli geboren wurde und die ersten sieben Lebensjahre verbrachte. Seine Eltern arbeiteten in der Entwicklungshilfe, und der kleine Lucas kam früh mit afrikanischen Trommeln und Rasseln und Kontakt. Später entdeckte er die Beatles, und nicht zuletzt dank deren Drummer Ringo Starr fand Lucas Niggli zum Schlagzeug.

Mit elf Jahren hörte er zum ersten Mal seinen künftigen Meister. Der Jazzschlagzeuger Pierre Favre gab ein Solokonzert in Zürich, das Niggli prägte. Favre war in der Schweiz einer der ersten, der Schlagzeug solo und melodiös spielte und das Instrument zum Singen brachte. Niggli nahm schon früh bei Favre Unterricht und blieb lange sein Schüler. In den vergangenen Jahrzehnten sind die beiden auch immer wieder zusammen aufgetreten.

Einflüsse von John Cage bis Slayer

In Nigglis Spiel steckt viel von Favre, doch der Schüler hat sich inzwischen von seinem Lehrer gelöst und einen eigenen Stil entwickelt. Als prägende Einflüsse gibt Niggli so Unterschiedliches an wie den Avantgarde-Komponisten John Cage oder Dave Lombardo, den ehemaligen Schlagzeuger der brachialen Thrash-Metal-Band Slayer.

Lucas Niggli ist heute europaweit als Musiker unterwegs, und als Komponist, Lehrer und Kurator gefragt. Ein kurzer Blick in den aktuellen Tourkalender zeigt, wie vielfältig er arbeitet: Am Donnerstag spielte er am Jazzdor-Festival in Offenburg zusammen mit schweizerischen, italienischen und finnischen Musikern. Heute Abend gibt er in Uster mit dem Londoner Jazzpianisten Alexander Hawkins ein Duo-Konzert zwischen Improvisation und Komposition. Und morgen ist er in St.Gallen – allein.

Das Konzert findet am Sonntag, 17 Uhr, im Centrum DKMS auf dem Damm 17 am Gallusplatz statt. Türöffnung ist um 16.30 Uhr. Reservation per Mail an kontakt@kleinaberfein.sg