Der Mann mit besonderem Beruf: Er wartet die Hydranten der Stadt St.Gallen

Franz Hengartner hat einen besonderen Beruf: Er wartet die Hydranten der Stadt. Mit viel Achtsamkeit.

Diana Hagmann-Bula
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Franz Hengartner und seine Hydranten: "Geht es ihnen gut, geht es mir gut." (Bild: Hanspeter Schiess)

Franz Hengartner und seine Hydranten: "Geht es ihnen gut, geht es mir gut." (Bild: Hanspeter Schiess)

Sie stehen immer da. Doch kaum jemand beachtet sie. Franz Hengartner aber schenkt den 1950 Hydranten in der Stadt St.Gallen seine ganze Aufmerksamkeit. Gerade steht er in der Notkersegg und schraubt einem Exemplar den Hut ab. Die rote Farbe ist verblasst. Die Sonne hat dem Gerät zugesetzt. Hengartner nimmt ein Tuch, putzt den Schmutz weg, zieht die Dichtungen an. Dann setzt er den neuen Hut auf.

Normalerweise arbeitet der Hydrantenwart ohne Zuschauer. Heute aber ist gleich eine ganze Herde da. Ziegen drängen sich neugierig um seine Beine. Er spricht mit den Tieren, streichelt sie und schiebt sie sanft zur Seite, wenn sie im Weg stehen. Der 59-Jährige macht nun das Seitenventil frei. «Insekten nisten sich jeweils im Loch ein und verstopfen es», erklärt er. Dann hebt er den Sockel an und entfernt Erde, die Ameisen angehäuft haben. «Die Viecher kriechen jeweils in meine Hosenbeine und beissen mich überall.»

Er staunt über clevere Wurzeln

Behutsam geht Hengartner mit den Geräten um, die so robust erscheinen.

«Das ist mein Naturell. Ich bin eine sorgfältige Person und achte auch im Privaten darauf, die Lebenszeit von Dingen zu verlängern und nicht zu verkürzen.»

Seit 2012 wartet der gelernte Metallbauschlosser die Hydranten der Stadt. Zuvor hat er als Rohrnetzmonteur Leitungen für Gas und Wasser angefertigt, montiert und repariert. «Die Hydranten sieht man immerhin. Und somit das Ergebnis meiner Arbeit. Hydranten in gutem Zustand sind meine Visitenkarte.» Man merkt schnell: Der Mann liebt seinen Job, obwohl dieser ihn bei Hitze und Kälte nach draussen führt. Hengartner schützt sich mit einem Regenschutz gegen Nässe. Die Kälte kriecht ihm trotzdem bis in die Knochen. Was dagegen hilft? Ein ruhiger Abend in der warmen Wohnung in Gossau, die er mit seiner langjährigen Partnerin teilt. Jammern will Hengartner nicht. Viel lieber spricht er über die Vorteile:

«Ich mag die Abwechslung. Und ich mag die Werweisserei. Es gibt viele mögliche Gründe für einen defekten Hydranten. Zudem bin ich mein eigener Chef.»

Alle zwei Jahre wartet Hengartner jeden Hydranten. Er zieht zu Fuss los, geht strassenweise vor. Auf dem Stadtplan hakt er die Hydranten ab, die überprüft sind. 15 Minuten rechnet Hengartner pro Exemplar ein. Es sei denn, es steht nahe eines Busches. Wurzeln suchen dann den Weg zum Wasser und wuchern in den Hydranten rein. In 95 Prozent der Fälle genüge es, sie mit Druck rauszuspülen. «Ich sehe dann jeweils, wie an den Enden Schwämme entstanden sind, die das Wasser besser aufnehmen. Eindrücklich, wie clever Wurzeln auf ihr Umfeld reagieren», sagt er.

Ist ein Hydrant nicht mehr reparierbar oder wird eine neue Strasse gebaut, eine alte verlegt, so darf Hengartner ein neues Exemplar installieren. Er nummeriert es, prüft, ob der Druck stimmt. Und freut sich: «Wie schön es glänzt!» Sechs Hydrantentypen seien unterdessen in der Stadt verteilt. Gleich ist ihnen der rote Hut, in Alter und Material unterscheiden sie sich jedoch. «Der älteste Hydrant stammt aus den 1920er-Jahren und ist aus Gusseisen, die neueren Modelle bestehen aus Aluminium. Sie wiegen weniger. Und sie rosten nicht.» Fast glaubt man, Hengartner aufatmen zu hören. Rost ist sein grösster Feind. Auch über Hundekot, der neben Hydranten lauert, ärgert er sich.

«Trete ich mal rein, spüle ich meine Schuhe sofort ab. Sonst stinkt es den ganzen Tag über fürchterlich.»

Kommandantendank und Töfftouren unter der Woche

Hengartner ist auch im Einsatz, wenn etwa ein Betonmischer auf einen Hydranten kippt und das Wasser in alle Richtungen spritzt. Fällt die Wasserzuleitung zu einem Quartier aus, versorgt er das Gebiet kurzerhand per Hydrant. Auch Baustellen beziehen Wasser über die Geräte. Wie gut es um seine Hydranten steht, zeigt sich vor allem aber dann, wenn die Feuerwehr an einen Brandort ausrückt.

«Mir ist der Kommandant schon in der Stadt begegnet. Er hat sich bedankt. Ein schöner Lohn.»

Ein Leben ohne Hydranten kann sich Hengartner erst nach der Pensionierung vorstellen. Er will vermehrt reisen. Nicht mehr nach China, wo es «Menschen wie Ameisen hat». Auch nicht nach Indien, wo es ihm zu schmutzig war. Lieber bleibt er im aufgeräumten Europa. Und endlich wird er Zeit für Töfffahrten unter der Woche auf fast leeren Strassen haben. Rostige Hydranten am Fahrbahnrand werden ihm auch dann noch auffallen. Zu lieb hat er die Geräte, um sie zu übersehen.